Georg Pazderski zögert kurz. Er steht im Hinterzimmer eines serbischen Restaurants am Berliner Stadtrand, es sind noch vier Tage bis zur Wahl, die AfD hat zu einem Informationsabend geladen. Pazderski hat gerade eine solide, aber brave Oppositionsrede gehalten. Wohnungsknappheit, marode Straßen, DIN-Normen für Bauvorschriften, solche Themen. Doch nun will eine Frau mit Sonnenbrille im Haar endlich über das reden, was sie wirklich aufregt. Ob man die "Asylanten" nicht in Containern oder Lagern lassen könne, statt ihnen Wohnungen zu besorgen?

Pazderski zupft an seinem Jackett und macht einen Schritt nach vorne. Dann antwortet er, dass man den Flüchtlingen natürlich helfen müsse. Dass auch er für konsequentere Abschiebungen sei. Dass er Zweifel habe, ob man die Flüchtlinge wirklich in Deutschland integrieren müsse. Die ganz harten Töne, wie sie oft in der AfD zu hören sind, meidet er hingegen. Fast klingt es, als spräche ein Hinterbänkler der CDU.

Pazderski hat die AfD am Sonntag erfolgreich ins Berliner Abgeordnetenhaus geführt – auf die weiche Tour. Anders als Beatrix von Storch, die gemeinsam mit Pazderski der Berliner AfD vorsitzt, hielt er die stramm nationalen Töne zurück. Zwar hat er sich nie wirklich von Hardlinern wie dem Thüringer Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke distanziert. Doch im Ton blieb Pazderski im Wahlkampf moderat. Kampfbegriffe der Partei wie "Altparteien" oder "Lügenpresse" mied er so gut es ging.

AfD in Berlin - "Für uns ist das ein sensationelles Ergebnis" Bei den Wahlen zum Abgeordnetenhaus kam die Partei auf 14,2 Prozent. Stärkste Kraft wurde trotz Verlusten die SPD mit 21,6 Prozent. Die CDU kam auf vergleichsweise niedrige 17,6 Prozent. © Foto: Sean Gallup/GettyImages

Enttäuschtes westberliner Bürgertum

Fast könnte man den Eindruck haben, in der Hauptstadt sei eine andere AfD angetreten als im Rest des Landes. Eine Partei, die sich nicht mit völkischen Parolen meldet. Vielleicht sogar eine moderne konservative Großstadtpartei, "kosmopolitisch", wie Pazderski sich selbst gerne nennt. Doch der Eindruck täuscht. Auch in Berlin, so zeigt sich bei näherer Betrachtung, grenzt sich die AfD-Fraktion nicht klar nach Rechtsaußen ab. Im Gegenteil. 

Der frühere Bundeswehr-Oberst Pazderski präsentiert sich als nationalkonservativer Spitzenkandidat, der gelernt hat, seinen "gesunden Menschenverstand" zu gebrauchen. Er zeigte sich als jemand, der Migration generell skeptisch beurteilt ("Glauben Sie, dass es für einen Afrikaner schön ist, bei 12,5 Grad Celsius in Deutschland herumzulaufen?") und den Islam erst recht ("Gehört nicht zu Berlin"). Der jedoch in der AfD eine normale demokratische Partei sieht, in der Rechtsextreme absolut "keinen Platz" hätten.

Für viele der neuen Berliner AfD-Abgeordneten ist er damit so etwas wie ein Prototyp. Da finden sich frühere Berufssoldaten, Ärzte, ein ehemaliger Ministerialrat der Bundestagsverwaltung, ein Privatdozent, Unternehmer. Viele von ihnen waren einmal Mitglied der CDU oder der FDP. Es sind vor allem enttäuschte Vertreter des alten westberliner Bürgertums, die sich in der Berliner AfD gesammelt haben, überzeugt konservativ, aber nicht extrem. "Da ist keine loose cannon dabei", sagt der Pressesprecher Ronald Gläser. "Das ist eine geschlossene Gruppe." Spaltungstendenzen, wie sie die AfD aus Baden-Württemberg, Hamburg oder Bremen kennt, fürchtet er nicht.

Freunde der Neuen Rechten

Tatsächlich wirken viele der neuen Abgeordneten der AfD moderat. Hugh Bronson etwa. Er hat lange in Großbritannien gelebt und auch einmal in Indien. Er besitzt neben dem deutschen einen britischen Pass. Seinen deutschen Namen, Uwe Brunßen, hat er abgelegt. Er will weniger EU, mehr Deutschland und weniger Einwanderung, so wie viele in der AfD. Im Vergleich zum Rest der Partei klingt das aber eher gemäßigt. 

Doch schon an Bronson zeigt sich, wie vorsichtig man sein muss, die neuen AfD-Politiker schlicht als normale Biedermänner zu betrachten. So ist Bronson auf Facebook Mitglied einer geschlossenen Gruppe, die sich als "Freunde der Nouvelle Droite" bezeichnet, der Neuen Rechten. Und er likt die Seite der Bibliothek des Konservatismus, die ebenfalls der Bewegung der Neuen Rechten zugerechnet wird. Wenige Tage vor der Wahl twitterte er, die Deutschen neigten zu Extremen, "wie Menschen in Zügen: Entweder Auschwitz oder Refugees Welcome. Beides Falsch!" Viele lasen das als Relativierung des Holocaust.

Auch Andreas Wild, einer der neuen im Abgeordnetenhaus, ist kein Mann des Ausgleichs. Auf Kundgebungen übernimmt er die Rolle des Einpeitschers. In Erfurt forderte er, man solle Flüchtlinge in Lagern in der Heide unterbringen. Viel Geld für sie brauche es dort nicht. Grobes Bauholz, Hämmer und Nägel würden genügen. Pazderski ging wegen dieser Wortwahl auf Distanz zu Wild. Der blieb jedoch bei seiner Meinung – und auf der Landesliste der Partei. Wild unterstützt auch den rechtskonservativen Erfurter Flügel innerhalb der AfD und ist Björn Höcke eng verbunden, wie er selbst sagt. 

Dann ist da Thorsten Weiß. Er ist der Berliner Vorsitzende der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative. Der 33-Jährige war Berufssoldat, jetzt studiert er BWL und arbeitet nebenbei als Geschäftsführer der Potsdamer AfD-Stadtratsfraktion. Nur zwei Monate nach seinem Eintritt in die AfD im Oktober 2014 stand er schon an der Spitze der Jungen Alternative.