Georg Pazderski zögert kurz. Er steht im Hinterzimmer eines serbischen Restaurants am Berliner Stadtrand, es sind noch vier Tage bis zur Wahl, die AfD hat zu einem Informationsabend geladen. Pazderski hat gerade eine solide, aber brave Oppositionsrede gehalten. Wohnungsknappheit, marode Straßen, DIN-Normen für Bauvorschriften, solche Themen. Doch nun will eine Frau mit Sonnenbrille im Haar endlich über das reden, was sie wirklich aufregt. Ob man die "Asylanten" nicht in Containern oder Lagern lassen könne, statt ihnen Wohnungen zu besorgen?

Pazderski zupft an seinem Jackett und macht einen Schritt nach vorne. Dann antwortet er, dass man den Flüchtlingen natürlich helfen müsse. Dass auch er für konsequentere Abschiebungen sei. Dass er Zweifel habe, ob man die Flüchtlinge wirklich in Deutschland integrieren müsse. Die ganz harten Töne, wie sie oft in der AfD zu hören sind, meidet er hingegen. Fast klingt es, als spräche ein Hinterbänkler der CDU.

Pazderski hat die AfD am Sonntag erfolgreich ins Berliner Abgeordnetenhaus geführt – auf die weiche Tour. Anders als Beatrix von Storch, die gemeinsam mit Pazderski der Berliner AfD vorsitzt, hielt er die stramm nationalen Töne zurück. Zwar hat er sich nie wirklich von Hardlinern wie dem Thüringer Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke distanziert. Doch im Ton blieb Pazderski im Wahlkampf moderat. Kampfbegriffe der Partei wie "Altparteien" oder "Lügenpresse" mied er so gut es ging.

Enttäuschtes westberliner Bürgertum

Fast könnte man den Eindruck haben, in der Hauptstadt sei eine andere AfD angetreten als im Rest des Landes. Eine Partei, die sich nicht mit völkischen Parolen meldet. Vielleicht sogar eine moderne konservative Großstadtpartei, "kosmopolitisch", wie Pazderski sich selbst gerne nennt. Doch der Eindruck täuscht. Auch in Berlin, so zeigt sich bei näherer Betrachtung, grenzt sich die AfD-Fraktion nicht klar nach Rechtsaußen ab. Im Gegenteil. 

Der frühere Bundeswehr-Oberst Pazderski präsentiert sich als nationalkonservativer Spitzenkandidat, der gelernt hat, seinen "gesunden Menschenverstand" zu gebrauchen. Er zeigte sich als jemand, der Migration generell skeptisch beurteilt ("Glauben Sie, dass es für einen Afrikaner schön ist, bei 12,5 Grad Celsius in Deutschland herumzulaufen?") und den Islam erst recht ("Gehört nicht zu Berlin"). Der jedoch in der AfD eine normale demokratische Partei sieht, in der Rechtsextreme absolut "keinen Platz" hätten.

Für viele der neuen Berliner AfD-Abgeordneten ist er damit so etwas wie ein Prototyp. Da finden sich frühere Berufssoldaten, Ärzte, ein ehemaliger Ministerialrat der Bundestagsverwaltung, ein Privatdozent, Unternehmer. Viele von ihnen waren einmal Mitglied der CDU oder der FDP. Es sind vor allem enttäuschte Vertreter des alten westberliner Bürgertums, die sich in der Berliner AfD gesammelt haben, überzeugt konservativ, aber nicht extrem. "Da ist keine loose cannon dabei", sagt der Pressesprecher Ronald Gläser. "Das ist eine geschlossene Gruppe." Spaltungstendenzen, wie sie die AfD aus Baden-Württemberg, Hamburg oder Bremen kennt, fürchtet er nicht.

Freunde der Neuen Rechten

Tatsächlich wirken viele der neuen Abgeordneten der AfD moderat. Hugh Bronson etwa. Er hat lange in Großbritannien gelebt und auch einmal in Indien. Er besitzt neben dem deutschen einen britischen Pass. Seinen deutschen Namen, Uwe Brunßen, hat er abgelegt. Er will weniger EU, mehr Deutschland und weniger Einwanderung, so wie viele in der AfD. Im Vergleich zum Rest der Partei klingt das aber eher gemäßigt. 

Doch schon an Bronson zeigt sich, wie vorsichtig man sein muss, die neuen AfD-Politiker schlicht als normale Biedermänner zu betrachten. So ist Bronson auf Facebook Mitglied einer geschlossenen Gruppe, die sich als "Freunde der Nouvelle Droite" bezeichnet, der Neuen Rechten. Und er likt die Seite der Bibliothek des Konservatismus, die ebenfalls der Bewegung der Neuen Rechten zugerechnet wird. Wenige Tage vor der Wahl twitterte er, die Deutschen neigten zu Extremen, "wie Menschen in Zügen: Entweder Auschwitz oder Refugees Welcome. Beides Falsch!" Viele lasen das als Relativierung des Holocaust.

Auch Andreas Wild, einer der neuen im Abgeordnetenhaus, ist kein Mann des Ausgleichs. Auf Kundgebungen übernimmt er die Rolle des Einpeitschers. In Erfurt forderte er, man solle Flüchtlinge in Lagern in der Heide unterbringen. Viel Geld für sie brauche es dort nicht. Grobes Bauholz, Hämmer und Nägel würden genügen. Pazderski ging wegen dieser Wortwahl auf Distanz zu Wild. Der blieb jedoch bei seiner Meinung – und auf der Landesliste der Partei. Wild unterstützt auch den rechtskonservativen Erfurter Flügel innerhalb der AfD und ist Björn Höcke eng verbunden, wie er selbst sagt. 

Dann ist da Thorsten Weiß. Er ist der Berliner Vorsitzende der AfD-Nachwuchsorganisation Junge Alternative. Der 33-Jährige war Berufssoldat, jetzt studiert er BWL und arbeitet nebenbei als Geschäftsführer der Potsdamer AfD-Stadtratsfraktion. Nur zwei Monate nach seinem Eintritt in die AfD im Oktober 2014 stand er schon an der Spitze der Jungen Alternative.

Scharniere zu Identitären und Neuen Rechten

Weiß fungiert in der Fraktion offenbar als Scharnier zu radikalrechten Nachwuchsgruppen wie der Identitären Bewegung (IB). Zwar gibt es Unvereinbarkeitsbeschlüsse der AfD und auch der Jungen Alternative, die eine Zusammenarbeit mit der IB ausschließen. Pressesprecher Gläser sagt, Weiß trage diesen Beschluss mit. Doch zugleich, sagt Gläser, könne man niemanden hinauswerfen, der mit den Identitären zu tun habe: "Das ist aus unserer Sicht auch nicht notwendig."

Auf seinem Facebook-Profil verbreitet Weiß ein Selfie mit dem Göttinger Jung-AfDler Lars Steinke. Der gilt selbst in der Partei als ganz besonders weit rechts. Während ein örtlicher AfD-Kreisverband sogar ein Hausverbot gegen Steinke verhängte, schrieb Weiß: "Dieser mutige junge Mann verdient unsere Hochachtung!" Im Straßenwahlkampf ließ sich Weiß von IB-Protagonisten unterstützen, zum Beispiel von Jannik Brämer, der zugleich im Landesvorstand der JA in Berlin sitzt und als AfD-Kandidat auf Bezirksebene antrat. Bei der ersten größeren Identitären-Demonstration in Berlin im Juni war Brämer mit Ordnerbinde und IB-Logo auf dem T-Shirt zu sehen.

Im vergangenen Februar trat Weiß zudem bei einer Kundgebung im brandenburgischen Zossen auf – gemeinsam mit Anhängern der IB, die dort Reden hielten, Identitären-Flaggen schwenkten und Slogans skandierten wie "Stoppt den großen Austausch!" oder "Wir wollen keine Asylantenheime!" Weiß lief an der Spitze des Demonstrationszuges durch die Kleinstadt und hielt selbst eine Rede. Darin wetterte er gegen den "von oben verordneten Multikulti-Umsturz" und drohte: "Wir sind die Rache an den rot-grünen Antidemokraten!"

Militant und islamfeindlich

Oder Kay Nerstheimer. Er ist Teil dessen, was die Beobachter des Projektes "Berlin rechtsaußen" als rechtes Netzwerk der Berliner AfD beschreiben. Der gelernte Maurer, der heute in einer Wachschutzfirma arbeitet, hat ein Faible für die Wehrmacht und den Zweiten Weltkrieg. Er zitiert auf Facebook das Lied der Wehrmachts-Fallschirmjäger, berichtet von seinem "voll funktionsfähigen" Tiger-Panzer im Maßstab 1:16 und verteidigt die Geiselerschießungen von SS-Leuten als "rechtmäßig". Schwarze bezeichnet er als "Bimbo" und träumt von einer "Rache der Deutschen" ("the german revenge"). Nerstheimer schwärmt auch für Kreuzritter und erwähnt gern seine Zeit als Soldat in der NVA.

Ein Mann namens Kay Nerstheimer trat 2012 auf einem reaktionären Portal als Leiter der "Berliner Division" der German Defence League (GDL) auf, die gegen den Islam kämpfen will. Der Bremer Verfassungsschutz stufte die GDL als rechtsextrem und islamfeindlich ein. Zwar ist nicht eindeutig belegt, dass der Eintrag von Nerstheimer stammt. Doch spricht einiges dafür: Nerstheimer likte etwa zur gleichen Zeit die Homepage der Organisation auf Facebook und fragte an anderer Stelle bei einem Hersteller nach Ärmelaufnähern mit schwarzem Kreuz und dem Schriftzug "Division Berlin". Auch unterstützte er die "Mönchengladbach Division" der GDL mit einem "Gruß aus Berlin".

Die AfD erwäge ein Ordnungsverfahren gegen Nerstheimer, sagt Pressesprecher Gläser, es sei noch nicht eingeleitet worden. Nerstheimer werde aber wegen seiner Mitgliedschaft in der GDL und wegen seiner Aktivitäten auf Facebook zum Gespräch einbestellt. Gläser legt Wert auf die Feststellung, dass Nerstheimer nie Mitglied "in einer vom Verfassungsschutz beobachteten Organisation" gewesen sei, da er 2012 aus der GDL ausgetreten sei. Der Bremer Verfassungsschutz habe seine Beobachtung aber erst danach begonnen.

Intellektuell und rechts

Und dann gibt es noch ein weiteres Scharnier: Pressesprecher Ronald Gläser selbst. Er verbindet die Berliner AfD-Fraktion mit der sich intellektuell gebenden Neuen Rechten. Bis zum Freitag war Gläser Redakteur der Wochenzeitung Junge Freiheit. Dort wird seit 25 Jahren darüber nachgedacht, wie nationalliberale, christlich konservative und völkische Ideen in einer Partei zusammengebracht werden können, die stark genug ist, sich rechts der Union zu etablieren. Mit seiner Wahl gab Gläser den Redaktionsjob zwar auf. Doch bis dahin war er neben seiner Arbeit für die Junge Freiheit zwei Jahre lang im Landesvorstand der AfD und später auch Pressesprecher der Partei.

Er habe sein Parteiamt und seine Arbeit als Redakteur scharf getrennt, sagt Gläser, habe nicht mehr über die AfD oder die Berliner Landespolitik geschrieben. Das stimmt. Doch was er als Redakteur veröffentlichte, deckt sich in vielen Punkten mit politischen Forderungen, die von der AfD erhoben werden. So kommentierte Gläser nach dem islamistischen Anschlag auf die Redaktion des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo im Frühjahr 2015, der Westen müsse "die Konsequenzen aus dem Scheitern der Multikulturellen Gesellschaft ziehen". Der Text, der dann folgt, könnte auch aus einem Programmpapier der AfD stammen.

Gläsers Biografie entspricht dem Profil eines neurechten Intellektuellen. Der geborene Berliner hat Amerikanistik und Geschichte studiert und schreibt seit 1995 für verschiedene rechte Publikationen, neben der Jungen Freiheit findet sich sein Name im Impressum der Konservativen Zeitung. Zudem ist er Autor des radikallibertären Magazins Eigentümlich frei. Er macht aus seinem Interesse an rechtskonservativer Publizistik kein Geheimnis. Auf Facebook likt er vieles von dem, was in den Kreisen der Neuen Rechten en vogue ist: Neben den genannten Publikationen auch die Zeitschrift Sezession des neurechten Götz Kubitschek und dessen Verlag Antaios.

Nur eine Episode?

Gläser schreibt aber nicht nur über solche Themen sondern engagierte sich auch politisch, zunächst bei den Liberalen. Er gehörte zum nationalliberalen Flügel der Berliner FDP um Alexander von Stahl und brachte es bis zum Vorsitzenden des Ortsverbandes Tempelhof. Im Mai 2007 engagierte sich Gläser dann in Bremerhaven. Dort trat er bei der Bürgerschaftswahl als Spitzenkandidat für die Vereinigung "Bremen muss leben" an. Bei dieser Gruppe handelte es sich um einen Landesverband von "Deutsche Konservative e.V.", einem Verein aus Hamburg, der 1995 vom Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft worden war. "Eine Episode von einem halben Jahr" sei das gewesen, sagt Gläser heute dazu.

Blickt man auf diese Liste der AfD-Abgeordneten, zeigt sich abermals ein Phänomen, das im ganzen Land zu beobachten ist: In einer scheinbar konservativ-bürgerlichen Partei finden auch solche Menschen eine Heimat, die äußerst rechten bis rechtsextremen Ideen anhängen. Hier verbinden sich politische Haltungen, die in der Geschichte der Bundesrepublik im parlamentarischen Raum so stark noch nie zusammengefunden haben. So sehr CDU und CSU in der Vergangenheit darum bemüht waren, rechts von sich keinen Platz zu lassen, so klar war die Grenze zum Extremismus gezogen. Das ist bei der AfD nicht der Fall.

Abgeordnetenhauswahl in Berlin

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