Jahrzehntelang waren das Klagen und die Ratlosigkeit groß: Die Wahlbeteiligung ging nach einer kurzen Wendebegeisterung deutschlandweit zurück. Bei vielen Landtagswahlen gab zuletzt nur noch die Hälfte aller Berechtigten ihre Stimme ab. Seit etwa einem Jahr hat sich der Trend jedoch gedreht. Auch bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin am Sonntag wird die Wahlbeteiligung vermutlich höher sein als 2011.

Die Klagen werden deshalb nicht leiser. Denn die Mobilisierung von Nichtwählern gelingt vor allem dem rechten Rand, den Populisten der AfD. Der Partei gaben in den vergangenen vier Landtagswahlen Hunderttausende Nichtwähler ihre Stimme. Sie machten im Schnitt etwa ein Drittel der AfD-Wähler aus. Ihr Anteil ist damit höher als in jeder anderen Partei. Was steckt dahinter?

Um den enormen Mobilisierungserfolg der AfD zu verstehen, lohnt es sich, einen Schritt zurückzugehen und sich zu fragen: Was bringt einen Menschen dazu, sein Wahlrecht ungenutzt zu lassen? Der Psychologe Stephan Grünewald glaubt, dafür müssten drei Gründe zusammenkommen: zunächst eine gefühlte Heimatlosigkeit im deutschen Parteienspektrum, also der Eindruck, dass keine Partei den eigenen Werten und Positionen entspreche. Das allein reiche aber nicht. Dazu müsse die Überzeugung kommen, dass die eigene Stimme wirkungslos sei. Die Schlussfolgerung: Es hat keinen Sinn, zur Wahl zu gehen. Eng verwandt damit ist Grünewalds dritter Faktor: die Angst vor der eigenen Bedeutungslosigkeit. Diese entspringe dem Gefühl, von der Politik alleingelassen zu werden und keine Zielgruppe von Parteiprogrammen zu sein. Wer glaubt "die da oben interessieren sich eh nicht für mich", wendet sich frustriert ab.

Was erklärt den Mobilisierungserfolg der AfD?

Dass nun ausgerechnet die AfD so viele Nichtwähler mobilisiert, hat mehrere Gründe. Zum einen sei es ihr gelungen, genau die drei Ebenen anzusprechen, die Nichtwähler zu Nichtwählern machen, so Grünewald. "Der Heimatlosigkeit setzt sie einen kaum erklärten, aber emotionalisierten Heimatschutz entgegen", sagt der Psychologe. Die empfundene Wirkungslosigkeit wird widerlegt: Das Kreuz bei der AfD verhilft ihr zu viel beachteten Erfolgen. Ihre Thesen werden in allen Medien ausführlich diskutiert, sie erschüttert das deutsche Parteiensystem und ärgert vor allem die Unionsparteien.

Den Ausruf "Wir sind das Volk" versteht Grünewald als Werkzeug kollektiver Identifikation, weil er Abgrenzung nach außen bedeute, gegen die anderen, Fremden, aber auch gegen Andersdenkende. Die Dynamik der Gruppe lasse die Neuwähler der AfD wieder ihre eigene Geltung spüren. Dazu komme ein gemeinsames Ziel, das verbindet und aus dem eine Aufgabe erwächst, ein Kampf für die gemeinsame Sache: die vermeintlich drohende Islamisierung verhindern.