Eigentlich wollen die AfD-Anhänger in Schwerin erleben, wie ihre Partei Topthema der Tagesschau wird. Doch ein Gewitter hat das Fernsehsignal gekappt, der Bildschirm im Partyzelt am Ufer des Schweriner Sees wird schwarz. Das mindert die Stimmung im Restaurant Schlossbucht aber nicht. Die etwa 200 Partygäste an den Biertischen feiern das Ergebnis ihrer Partei – aus dem Stand zweitstärkste Kraft bei einer Landtagswahl zu werden, das gab es noch nie. Die CDU überholt, die Grünen höchstwahrscheinlich aus dem Landtag raus. "Das Ziel ist erreicht", sagt einer.

Die Gäste auf den Bänken lästern über die "Altparteien", am Mikrofon wird über das "linksversiffte" Parteiensystem hergezogen. Im Hintergrund erhebt sich das Schweriner Schloss, das Landtagsgebäude, in das nun weit mehr als ein Dutzend Abgeordnete der AfD einziehen werden. Die AfD ist mit dieser Wahl nun im neunten Landesparlament vertreten, in Ostdeutschland flächendeckend.   

Am anderen Ende des Stadtzentrums wird ebenfalls gefeiert. Die SPD jubelt, die Partei bleibt deutlich stärkste Kraft mit mehr als 30 Prozent. Das ist zwar deutlich schlechter als bei der Wahl 2011 – aber SPD-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Erwin Sellering kann auch dem etwas abgewinnen. "Wer hätte das gedacht, wo wir fünf Monate lang in den Umfragen bei 22 Prozent gelegen haben." In den vergangenen Tagen haben die Wähler gemerkt, dass ihr in Umfragen so beliebter Ministerpräsident der SPD angehört – und seine Partei tatsächlich gewählt. Sellering hat sich in Interviews geschickt von der Berliner Bundespolitik abgesetzt, um seine Chancen zu stärken. 

Die etwa 100 Sozialdemokraten jubeln beim Italiener ihrem Spitzenkandidaten am Rednerpult zu, holen Bier, Gläser klirren aneinander. Sellering spricht aber zu Recht auch von einem "schweren Wahlkampf", in dem die Partei unter starkem Druck gestanden habe. Doch auch hier heißt es, ähnlich wie bei der AfD, "das Wahlziel ist erreicht". 

Der Ministerpräsident verspricht, eine Regierung bilden zu wollen, "die das Land weiterbringt". Das klingt nach Fortsetzung der großen Koalition mit der CDU, obwohl zu diesem Zeitpunkt noch ein Linksbündnis mit Linken und Grünen rechnerisch möglich scheint. Am Ende des Abends hat sich diese Option mit dem Scheitern der Grünen an der Fünfprozenthürde in Luft aufgelöst. 

Als Sellering fast schon weg ist Richtung Fernsehstudios, kommt er noch einmal zurück, er hat etwas vergessen: "Das Wichtigste ist: Die NPD ist raus." Da jubeln die Genossen noch mal. Was er nicht erwähnt: Das Aus der NPD ist auch eine Folge des starken Abschneidens der AfD, die Wähler aus allen Bereichen angezogen hat, auch aus dem nationalistischen.

Bei den Rechtspopulisten kriegen die Techniker die Fernsehleitung nicht zum Laufen. Daher werden die Grußworte vorgezogen. Björn Höcke, Thüringer Fraktionschef, steht auf dem Podium, der Nationalist ist für seinen scharfen Tonfall bekannt. "Das habt ihr für Deutschland getan!", ruft er seinen Zuhörern zu und feiert das "historische Ergebnis".  Die Lautsprecheranlage übersteuert, so laut ist Höcke. Schnell ist er bei der "desaströsen Politik" der "Kanzlerdiktatorin" Angela Merkel, um das gute Abschneiden seiner Partei zu erklären. Auf den Tag genau vor einem Jahr öffnete sie die Grenzen, um Flüchtlinge aus Ungarn ins Land reisen zu lassen. "Merkel muss weg" skandiert die Menge in der Dämmerung. Doch Einheizer Höcke ist noch nicht fertig: Merkel solle zurücktreten. Dann komme ja vielleicht die "Flintenuschi" als Nachfolgerin, ruft er. Gemeint ist Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen.