Am Ende bedankt sich Frank Henkel. Nicht nur bei den Wahlkämpfern, die trotz der schweren Niederlage der CDU einen engagierten Wahlkampf gemacht hätten. Sondern auch bei allen, die ihn in den vergangenen Jahren als Parteivorsitzenden, Innensenator und Spitzenkandidaten der Berliner CDU unterstützt hätten. Bei Henkels kurzem Auftritt vor seinen Anhängern im Abgeordnetenhaus klingt es fast so, als wolle da jemand Abschied nehmen.

Doch das ist offensichtlich nicht der Fall. Zwar hat die Berliner CDU an diesem Abend mit knapp unter 18 Prozent das schlechteste Ergebnis in ihrer Landesgeschichte erzielt. Und der Parteichef und Spitzenkandidat hatte im Wahlkampf angekündigt, wenn dieser schiefgehe, trage er dafür die Verantwortung. Im Fernsehen macht er dann klar: "Ich nehme meinen Teil der Verantwortung wahr, zurücktreten werde ich aber nicht."

Stattdessen hat Henkel sich gleich drei Erklärungen für die Niederlage zurechtgelegt, die alle nur bedingt mit ihm als Spitzenkandidat zu tun haben. Nicht nur die CDU sieht Henkel nämlich als Verlierer, sondern "die große Koalition", ja, die Volksparteien insgesamt. Schließlich hat auch die SPD deutlich verloren. Zum Zweiten habe in den vergangenen Wochen aber auch der Streit zwischen CDU und CSU seinem Wahlkampf geschadet, sagt Henkel. Hinzu sei als Drittes der negative Bundestrend wegen der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel gekommen. Es sei nicht gelungen, diesen zu drehen, so der Berliner Parteichef. "Seit Schwerin wussten wir, was uns erwartet."

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In Mecklenburg-Vorpommern war die CDU vor zwei Wochen sogar nur drittstärkste Kraft hinter der rechtspopulistischen AfD geworden. Diese Schmach blieb ihr in Berlin immerhin erspart: Die CDU konnte ihren zweiten Platz verteidigen und es gibt einen deutlichen Abstand zur AfD, die nur fünftstärkste Kraft wurde.

Das ist natürlich nur ein kleiner Trost für die CDU, die nun wohl in die Opposition zurückmuss. Zwar bietet Henkel SPD-Regierungschef Michael Müller an, dass auch die CDU für Sondierungsgespräche bereitstehe. Doch Müller hat bereits im Wahlkampf Sympathie für ein rot-rot-grünes Bündnis erkennen lassen. Auch an der CDU-Spitze ist die Hoffnung, dass man am Ende wieder regieren könnte, gering. Selbst Henkel räumt das ein. "Wir sind Realisten", sagt er.

Berlin-Wahl - CDU sackt auf historischen Tiefststand Die Partei von Kanzlerin Angela Merkel sackte bei der Wahl zum Abgeordnetenhaus auf den niedrigsten Stand in der Hauptstadt seit der Wiedervereinigung. © Foto: Sean gallup/Getty Images

Henkels Eigenanteil

Wie groß die politischen Überlebenschancen von Henkel letztlich sind, dürfte wohl auch davon abhängen, welche Lesart des Wahlergebnisses sich im CDU-Landesvorstand, der am Montag tagen wird, durchsetzt. War an dem Ergebnis wirklich Merkels Flüchtlingspolitik schuld oder trägt nicht auch der Landesvorsitzende die Verantwortung?

Als Henkels großes Verdienst gilt es, dass er den zerstrittenen Landesverband wieder geeint hat, nachdem dieser nach dem Berliner Bankenskandal 2001 in eine jahrelang andauernde Krise geriet. Damals stürzte die Partei von 40,8 auf 23,8 Prozent ab und verschliss in den folgenden Jahren gleich vier Landesvorsitzende. Seit Henkel 2008 den Landesvorsitz übernahm, gelang es, alte Intrigen zu befrieden und die Partei zu modernisieren. 2011 schaffte er es dann sogar, die CDU in die Regierung zurückzuführen. Doch seine Bilanz als Innensenator enttäuschte in den folgenden Jahren viele Parteifreunde. Als zu zögerlich empfanden ihn viele, als zu wenig präsent, zu wenig durchsetzungsstark gegenüber dem Koalitionspartner SPD.

Kurz vor dem Rücktritt des legendären SPD-Bürgermeisters Klaus Wowereit lag die CDU in Umfragen bei bis zu 30 Prozent. Doch Henkel und seiner Regierungsmannschaft gelang es nicht, aus dem Machtwechsel bei der SPD dauerhaft politischen Gewinn zu ziehen. Bereits im vergangenen August – also noch bevor die Flüchtlingskrise sich wirklich ins Bewusstsein der Öffentlichkeit einbrannte – war die Partei wieder auf 24 Prozent abgerutscht.

Keine Annäherung an die Grünen

Zum Nachteil gereicht es der CDU nun auch, dass sie es verpasste, sich den Grünen stärker anzunähern. Dass die CDU-Basis sich in einem Mitgliederentscheid gegen die Homo-Ehe aussprach, hat die Aussichten auf eine schwarz-grüne Zusammenarbeit zunichtegemacht. Henkels hartes Vorgehen gegen die Friedrichshainer Hausbesetzer, mit denen er keinen Dialog führen will, oder sein Eintreten für ein Burkaverbot sowie gegen die doppelte Staatsbürgerschaft taten ihr Übriges. Eine rot-schwarz-grüne Koalition, die eine noch breitere Mehrheit hätte als ein rot-rot-grünes Bündnis, dürfte es nun nicht geben.