ZEIT ONLINE: Also sollte die CDU trotz des Erstarkens der AfD auf gemäßigtere Kandidaten setzen, wenn sie für Wählerinnen attraktiv bleiben will? 

Bösch: Angela Merkel hat maßgeblich dazu beigetragen, die CDU durch ihre Modernisierung dauerhaft als stärkste Partei zu positionieren, was sonst kaum einer bürgerlichen Partei in Europa derartig gelungen ist. Dies trug auch dazu bei, Frauen mehrheitlich für die Christdemokraten zu begeistern. Die AfD ist dadurch zu einer Art männlich präferierten Alternative zur CDU/CSU geworden. Dürften nur Männer wählen, hätte die AfD in Sachsen-Anhalt 27 Prozent und in Baden-Württemberg 18 Prozent erhalten, von den Frauen bekam sie nur 18 Prozent beziehungsweise 11 Prozent. 

ZEIT ONLINE: Ist die Abwanderung der Männer für die CDU überhaupt ein Problem, solange sie ihre weibliche Wählerbasis behält?

Bösch: Gerade weil die Männer abwandern, muss die CDU darauf achten, die Wählerinnen nicht auch noch zu verlieren. Gerade das macht solche Sexismusdebatten für die Union gefährlich. Die CDU muss weiter Frauenförderung betreiben, wenngleich sie mitunter dazu führt, dass Männer sich abwenden.

ZEIT ONLINE: Wie sieht denn die Frauenförderung von Angela Merkel in der CDU aus?

Bösch: Frauen haben inzwischen viel bessere Chancen, ins Zentrum der Macht aufzusteigen. Dadurch werden neue Vorbilder geschaffen. Unter Merkel konnten sich auch im Kabinett Frauen ganz anders profilieren, auch Sozialdemokratinnen. Es gab zwar schon davor Frauen in der Regierung, aber die erhielten Ressorts, die weiblichen Rollen entsprachen, wie Familie, Gesundheit, Soziales und Bildung. Angela Merkel hat dagegen Ursula von der Leyen ermöglicht, das besonders männlich konnotierte Verteidigungsressort zu übernehmen. Auffälligerweise sind jedoch Schlüsselressorts wie das Innen-, Finanz- und Außenministerium weiterhin in männlicher Hand.

ZEIT ONLINE: Läuft die CDU mit ihrem Ziel einer modernen Großstadtpartei, wie es Generalsekretär Tauber ausgerufen hat, nicht Gefahr, dass noch mehr Männer zur AfD abwandern?

Bösch: Die CDU muss, wenn sie Mehrheiten gewinnen will, sich weiterhin nicht nur als Partei der konservativen Provinz, sondern zugleich auch als moderne Großstadtpartei profilieren, da wir in einer zunehmend urbanisierten Gesellschaft leben, in der Bildung weiter an Bedeutung gewinnt. Diese soziale Gruppe der gebildeten Städter wird immer einflussreicher und neigt eher zu Rot-Grün. Zudem haben wir Verschiebungen in der älteren Generation. Bei einer größeren Gruppe der heute 50- und 60-Jährigen ist nicht sicher, ob sie – wie ihre Vorgängerinnen – im Alter konservativ wählen. Bisher gibt es ja die Lebenszyklus-These, dass Menschen ab circa 50 Jahren zunehmend konservativer wählen. Denkbar ist nun aber, dass sie die linksliberalen oder sozialdemokratischen Werte aus den 1970er Jahren mit ins Alter nehmen, statt zunehmend konservativer zu denken, etwa in Fragen der inneren Sicherheit oder der Vermögenssicherung.

ZEIT ONLINE: Es lohnt sich also, wenn die CDU-Führung sich eher an der frauendominierten Wählerschaft als an ihrer männerdominierten Mitgliederschaft orientiert? 

Bösch: Die CDU/CSU-Mitglieder sind traditionell konservativer als die Parteiführung, die Wähler hingegen liberaler. So ist die Haltung gegenüber der Gleichstellung von Homosexuellen innerhalb der CDU deutlich kritischer als bei ihren Wählern. Diesen Spagat zwischen Mitgliedern und Wählern muss jede Partei meistern. Der historische und internationale Vergleich zeigt, dass dies unter Merkel lange gut gelang.