"Nein, danke." "Vergesst es." "I don’t live in this country." "Ihr habt euch wohl im Bezirk geirrt."

Wer im Berliner Stadtteil Friedrichshain Wahlkampf für die FDP macht, hat es nicht leicht. Ein Sommertag Ende August, in der Nähe der berühmt-berüchtigten Rigaer Straße haben die Liberalen eine pinke Tonne vor einem Einkaufszentrum positioniert. Darauf knallbunte Wahlpostkarten. Die FDP fällt hier zwar auf, doch so einfach kommen die Wahlkämpfer nicht mit den potenziellen Wählern ins Gespräch.

Friedrichshain ist ein Szeneviertel, das viele Klischees erfüllt: Kaum ein Passant hier ist über 50, die meisten sind stylisch gekleidet, haben Jutebeutel über der Schulter und Kinder an der Hand, manche sind barfuß, manche tragen Rastas. Seit einiger Zeit treffen gut situierte Zugezogene, Kosmopoliten und alternative Linke im Kiez aufeinander, mit allen Konflikten, die das so mit sich bringt. Hier wird traditionell Grün oder Links gewählt, mit der FDP fremdelt man. Wobei: Einer bleibt an der Wahlkampftonne stehen. Benny, 36, bekennender Nichtwähler, schwarze abgewetzte Klamotten, unrasiert. "Mit dem Lindner habt ihr 'nen ordentlichen Mann", sagt Benny und haut Wahlkämpfer Michael Heihsel kumpelhaft auf die Schulter: "Zeigt es denen da oben mal."

Freundlicher daherkommen, Stammwähler halten

Christian Lindner ist zwar Chef der Bundespartei und stellt sich in Berlin nicht zur Wahl. Doch sollte die FDP bei der Abgeordnetenhauswahl am Sonntag wieder ins Parlament einziehen, wäre es auch ein wichtiger Erfolg für den Chefstrategen der Partei. Umfragen zufolge sieht es so aus, als könnte die FDP in Berlin ein Comeback feiern: Nach der 1,8-Prozent-Schmach von 2011 könnte der Landesverband dieses Mal die Fünfprozenthürde überwinden. 

Dass Benny aus Friedrichshain offenbar vergessen hat, dass die Liberalen auch mal zu "denen da oben" gehörten, kann schon mal sehr zufriedenstellend für die FDP sein. Schließlich ist es erst drei Jahre her, dass die Wähler die von vielen als unsympathisch empfundene liberale Boygroup im Maßschneideranzug bundesweit in die außerparlamentarische Opposition schickte. Seitdem hat Lindner seine FDP modernisiert, sie personell verjüngt und ihr einen freundlicheren Habitus verordnet: Die Liberalen werben jetzt in Pink, Gelb und Blau für sich, sie nennen sich "Freie Demokraten", weil dies unbeschwerter klingt. Der Parteichef und die seinen suchen außerdem die Nähe zu den Millenials – der internetaffinen und kosmopolitischen Generation an jungen Großstädtern und Gründern. Sie erhoffen sich, so Wähler zu gewinnen, die bürgerlich sind und eher marktliberal denken – denen die CDU aber zu verstaubt ist.

"Berlin braucht ein Update"

Gleichzeitig achtet der Bundesparteichef peinlich genau darauf, die älteren Stammwähler der FDP nicht zu verlieren. Bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg im März merkte man das an seiner scharfen Kritik an Merkels Flüchtlingspolitik. Aktuell wettert Lindner gerne gegen die Abhängigkeit der Bundesregierung vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan in dieser Frage. Auch die Forderungen nach schnellen Straßen, Steuersenkungen und einer Abschaffung des Soli gehören nach wie vor zum Rederepertoire des Parteichefs. In Zeiten, in denen mehr als Hunderttausend Menschen gegen TTIP oder Ceta demonstrieren, wirbt Lindners FDP trotzdem weiter vehement für Freihandelsabkommen.

In der Hauptstadt plakatiert die FDP: "Berlin braucht ein Update". Und: "Riskieren wir, dass etwas funktionieren könnte".  Eine Anspielung auf Berlins marode Verwaltung, auf die verkrusteten Politikstrukturen in der Stadt, die ewige SPD-Regierung. Spitzenkandidat Sebastian Czaja wirbt für eine Freigabe der Ladenöffnungszeiten auch für Sonn- und Feiertage, außerdem für ein Volksbegehren zum Erhalt des Flughafen Tegels im Nordwesten der Stadt, selbst wenn der BER irgendwann eröffnet werden sollte. Die Menschen im Westen sollten nicht in den tiefen Südosten zum Flughafen fahren müssen, lautet eines seiner Argumente. "Das hat die FDP mindestens zwei Prozentpunkte nach oben katapultiert", prognostizieren Politikinsider. Es gibt viele Berliner, die ihren kleinen, verschrobenen Hauptstadtflughafen ins Herz geschlossen haben – vor allem in den besser situierten Stadtteilen, von denen einige im Westen liegen.

In Friedrichshain-Kreuzberg, das im Osten liegt, ist Tegel ein weniger großes Wahlkampfthema. Die Liberalen haben Bernd Schlömer, den ehemaligen Chef der Piratenpartei, als ihren Spitzenkandidaten gewinnen können. Schlömer ist an diesem Wahlkampftag mit seinem Mofa angereist, steht ein wenig schüchtern an der Supermarktecke und sagt: "Uns geht es um Selbstbestimmung." Er wolle Menschen ansprechen, denen die Grünen zu bevormundend seien und zu selbstgefällig. Bei den Konflikten mit den Hausbesetzern in der Rigaer Straße würde die grüne Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann nur tatenlos zuschauen. Das neue berlinweite Verbot, die eigene Wohnung per AirBnB zu vermieten, sei ein Eingriff in die Lebensgestaltung vieler junger Hauptstädter, findet Schlömer. Die neue FDP kümmere sich zudem viel um Digitalisierung, daher fühle er sich hier gut aufgehoben. Seine alte Partei, die Piraten, nehme er in diesem Wahlkampf nur noch am Rande wahr: "Die meisten Gesichter auf den Wahlplakaten kenne ich nicht mehr."