Die Bundesregierung befürchtet, dass sich Salafisten zunehmend um die Anwerbung von Flüchtlingen bemühen. "Perspektivisch ist von einer Zunahme dieser Aktivitäten auszugehen", heißt es in einer Antwort des Bundesinnenministeriums auf eine Parlamentsanfrage, die den Zeitungen der Funke Mediengruppe vorliegt.

Seit Oktober 2015 seien mehr als 340 Fälle bekannt geworden, in denen Salafisten versucht hätten, Kontakt zu Flüchtlingen aufzunehmen. Diese Zahl hatte im August bereits der Präsident des Bundesverfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, geäußert. Mehr als die Hälfte dieser Kontaktversuche hätten sich "an oder im Umfeld von Migrantenunterkünften" ereignet. Die Kontaktaufnahme geschehe unter dem Deckmantel humanitärer Hilfsangebote. So würden etwa Gebetsteppiche, Nahrungsmittel und Geld an Flüchtlinge verteilt. Besonders anfällig für Versprechen von Islamisten seien unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, so das Bundesinnenministerium.

Berichte über Anwerbeversuche von Salafisten im Umfeld von Flüchtlingsheimen sind nicht neu. Bereits Ende 2015 wurden einzelne Fälle bekannt, etwa in Hamburg. Im Juli dieses Jahres betonte der Vizepräsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, allerdings, dass die konkreten Anwerbeversuche von Flüchtlingen durch radikale Islamisten oft vergebens seien. "Bisher scheint aber diese Rekrutierung nicht so zu verfangen", sagte er bei einem Fachgespräch im Bundestag. Sollten sich die Erwartungen der Flüchtlinge an ihr Leben in Deutschland langfristig nicht erfüllen, könnte dieses Risiko jedoch steigen.

Die innenpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Ulla Jelpke, forderte als Reaktion auf die Erkenntnisse mehr Anstrengungen im Kampf gegen die Salafistenszene. "Etwas bedenklich stimmt mich, dass die Bundesregierung keine neuen Ideen entwickelt, wie der Salafistenpropaganda entgegengewirkt werden kann", sagte sie den Funke-Zeitungen. Es sei die Aufgabe der ganzen Gesellschaft, "Flüchtlinge in Deutschland vor jeglicher Hasspropaganda zu schützen". Dazu gehöre auch, "den Flüchtlingen eine rasche Integration in Deutschland zu ermöglichen und der Salafistenhetze damit weiteren Boden zu entziehen".

Der Verfassungsschutz zählt mehr als 43.000 Menschen in Deutschland zur islamistischen Szene, darunter 9.200 Salafisten. Seit 2011 hat sich ihre Zahl verdoppelt. Für einen Teil der Salafisten ist Gewalt ein legitimes Mittel, um ihre Ziele zu erreichen. Das Bundeskriminalamt zählt 522 Salafisten zu den "Gefährdern" – das sind Personen, denen ein Mord oder ein Anschlag zugetraut wird. Viele von ihnen werden vom Verfassungsschutz beobachtet.