Ein freundlicher Mann mit unauffälliger Nickelbrille und hochgekrempelten Hemdsärmeln läuft durch ein Einkaufszentrum im Berliner Norden und verteilt rote Rosen. An den dornigen Stielen heften kleine Zettelchen mit seinem Konterfei: "Müller, Berlin. SPD."

Fernsehkameras filmen die überraschten Passanten mit Blumen in den Händen: eine Frau mit Kopftuch, zwei junge Angestellte mit Eisbechern auf den Knien, eine junge Mutter. Ob sie wissen, wer ihnen die Rose zugesteckt hat? Die Frau mit den zwei Kindern im Buggy schüttelt den Kopf, die Angestellten auch. Der nette Blumenverteiler ist da schon wieder weg.

Vor zwei Jahren hat Michael Müller das Amt des Regierenden Bürgermeisters von seinem legendären Vorgänger Klaus Wowereit übernommen. Bei der Wahl an diesem Sonntag muss er es verteidigen. Den letzten Umfragen zufolge droht die SPD im Vergleich zur vergangenen Wahl 2011 deutlich zu verlieren, Grüne und CDU sind der SPD dicht auf den Fersen. Die AfD kann mit einem zweistelligen Ergebnis rechnen. Und der Wahlabend könnte noch Überraschungen bringen, 43 Prozent der Berliner sind laut ZDF-Politbarometer unentschieden.

"Mit Wowi wäre das anders gewesen"

Also muss Müller jetzt jeden Tag raus aus dem Roten Rathaus. "Müller Treffen!" heißt das Format, bei dem der Regierende mit den Bürgern in Kontakt kommen soll. An diesem Tag hat die Partei dafür die Grenze zwischen dem Wedding und Gesundbrunnen ausgewählt. Hier wohnt die untere Mittelschicht, der Ausländeranteil ist hoch, die SPD schneidet hier in der Regel gut ab. Kandidat Müller führt mutig den Kameratross an, die Rosen sind schnell verteilt. 

Nur ins Gespräch ist er nicht gekommen. "Bevor Sie sich weiter aufregen, verweise ich Sie an den Bezirksbürgermeister", sagt Müller freundlich, aber streng zu einer Frau, die wissen will, warum sie beim Jobcenter nur Zeitarbeitsangebote bekommt. "Ich wollte eigentlich Sie sprechen", protestiert die Dame, aber da ist der Regierungschef schon wieder verschwunden.

"Mit Wowi wäre das anders gewesen", sagt ein Lokaljournalist ein wenig sehnsüchtig. "Was der Müller macht, ist sicher okay. Aber der Wowi war irgendwie lockerer", stellt auch eine Passantin fest, die gerade durch das klimatisierte Shoppingcenter eilt.

Doch Wowereit, Berlins berühmter, schnoddriger, ehemaliger Regierender Bürgermeister und "Omiknutscher", hat die Politik an den Nagel gehängt. Fast 14 Jahre war Wowereit Regierungschef in Berlin, und obwohl ihm zuletzt Amtsmüdigkeit und Bräsigkeit nachgesagt wurden, trägt sein Nachfolger Müller schwer an dessen einstigem Ruhm.

Der Neue hat einen Allerweltsnamen und gilt als ein wenig langweilig. In der SPD finden sie dafür positivere Worte. Als "solide und glaubwürdig" würden die Passanten Müller wahrnehmen, sagt Ralf Wieland, Präsident des Abgeordnetenhauses und Direktkandidat der SPD in Gesundbrunnen. Müller mache einen "unaufgeregten, klaren Wahlkampf", lobt die ebenfalls anwesende SPD-Generalsekretärin Katharina Barley.

Weltoffenheit bewahren

Auch wenn Müller erst eineinhalb Jahre Regierender Bürgermeister ist, politische Erfahrung hat er. Der 51-Jährige gelernte Drucker war acht Jahre lang Chef des Landesverbands. Dem Senat gehörte er zuletzt als Bausenator an. Der jetzige Wahlkampf ist allerdings der erste, bei dem er ganz an der Spitze steht.

Beraten vom SPD-Kampagnenexperten Frank Stauss hat er Berlins Weltoffenheit zum Hauptthema gemacht. Die gelte es zu bewahren, sagt Müller auch jetzt auf der für ihn aufgebauten Bühne. Großplakate zeigen ihn freundlich lächelnd mit einer Frau mit Kopftuch. Sein SPD-Kollege Erwin Sellering aus Mecklenburg-Vorpommern versuchte in seinem Wahlkampf vor wenigen Wochen die AfD kleinzuhalten, indem er sich deutlich von der Willkommenskultur merkelscher Prägung abhob. Müller setzt andere Akzente. "Wir sind eine offene Stadt, wir grenzen niemanden aus", sagt er auf seiner kleinen Bühne in der Berliner Hitze.

Ein paar Meter entfernt sitzt ein älterer Mann vor einem Imbiss und trinkt sein Bier. Ob er schon weiß, wen er wählen wird? "Ich fürchte ja", lautet die Antwort, nicht ohne Stolz. "Die AfD." Ihm gehe es darum, "denen einen Denkzettel zu geben", sagt der Mann, der als Kellner arbeitet. Seine Stimme sei "reiner Protest", deswegen sei es ihm auch egal, dass die AfD zuletzt für einen unverkrampfteren Umgang mit dem NS-Kampfbegriff "völkisch" geworben hat.

Dass der SPD-Kandidat auf der Bühne gerade versucht, Verdrossene wie ihn anzusprechen, hört er nicht. "Man spielt mit der Stimme, und man denkt, man kann dem Müller oder dem Henkel einen Denkzettel verpassen. Aber dann übernehmen die Rechtspopulisten", sagt Müller dort.

Frank Henkel, das ist Berlins Innensenator, Müllers Koalitionspartner und sein Herausforderer von der CDU. Die Sorge der etablierten Parteien vor einem starken Abschneiden der AfD ist groß. In Berlin wird nicht nur das Parlament gewählt, sondern auch die Bezirksvertretungen. Dort könnte die AfD nach der Wahl nicht nur eine Oppositionsfraktion, sondern sogar einige Stadträte stellen und damit konkreten Einfluss auf die Lokalpolitik bekommen.

Auf Facebook warnt der Regierende zwei Tage später sogar: Ein starkes Ergebnis für die AfD in Berlin würde "auf der ganzen Welt als ein Zeichen des Wiederaufstiegs der Rechten und Nazis in Deutschland gewertet werden." Gerade die deutsche Hauptstadt, die sich von der einstigen Nazi-Zentrale zur weltoffenen Metropole gewandelt habe.