Der Grünen-Politiker Jürgen Trittin kann eine gesellschaftliche Mehrheit für eine rot-rot-grüne Koalition auf Bundesebene nicht erkennen. "Derzeit gibt es im Bundestag bloß rechnerisch eine rot-rot-grüne Mehrheit", sagte der Grünen-Bundestagsabgeordnete der ZEIT. "Aber in der Bevölkerung ist das anders: 2013 stimmten 52 Prozent für Parteien rechts der Mitte. Diese Mehrheit ist bei den Landtagswahlen sichtbar größer geworden. Deutschland rutscht nach rechts."

Selbst wenn ein solches Bündnis zustande käme, sehe er in der Rolle der Linkspartei ein Problem, sagte Trittin. Die Partei sei in Abgrenzung zur SPD entstanden. Ihr Alleinstellungsmerkmal sei die Ablehnung jeder Militärintervention. Aber wenn sie regieren wolle, müsse sie auch Verantwortung übernehmen, sagte Trittin. "Die Linke kann also entweder politisch einflusslos bleiben, oder sie korrigiert ihre Positionen. Das aber mindert die Unterscheidbarkeit zur SPD. Das ist ihr Dilemma, und das wissen alle Beteiligten." Nachvollziehen könne er die Ablehnung von Militäreinsätzen der Linken nicht. "Wer politisch links ist, wer den Primat der UN hochhält, der muss Verantwortung übernehmen", sagte Trittin.

Die Grünen seien gegen leichtfertige Militärinterventionen. "Aber wir sehen, was von Europa und damit auch von Deutschland erwartet wird. Europa soll vor der Globalisierung schützen. Und Europa soll den Bürgern Sicherheit bieten. Dazu gehört, dass wir mit der Instabilität in unserer Nachbarschaft umgehen – gerade wenn sie durch falsche Interventionen wie in Libyen ausgelöst wurde", so der Grünen-Politiker.

Trittin galt bisher als einer der stärksten Befürworter von Rot-Rot-Grün. "Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit", antwortete er auf die Frage nach seiner neuen defensiven Haltung. Wenn man Ökologie als Frage von Gerechtigkeit definiere, sei das "eher links". Deshalb gebe es für die Grünen mehr Überschneidungen mit der SPD als mit der CDU. "Aber aus dieser Konstellation ergeben sich im Moment keine Mehrheiten", sagte Trittin.

Auch bei einer schwarz-grünen Koalition hat Trittin noch Bedenken. Im Bund müsse man von Schwarz-Schwarz-Grün sprechen. "So wie man die SPD nicht ohne die Linkspartei bekommt, bekommt man die CDU nicht ohne Horst Seehofer. Die Zeiten der Zweierbündnisse sind vorbei", sagte er. Die CSU würde durch Schwarz-Grün ihr Alleinstellungsmerkmal der Alleinregierung in Bayern aufgeben und bei der Landtagswahl 2018 an die AfD und an die Grünen Wähler verlieren. "Die CSU ist vielleicht die letzte echte Volkspartei, die wir noch haben", sagte Trittin.