ZEIT ONLINE: Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus hat sich die Diversität der Stadt gezeigt: Fünf Parteien lagen nah beieinander, ihre Ergebnisse schwanken aber in den Wahlkreisen enorm. Die CDU etwa holte in manchen Gegenden nur sieben Prozent der Zweitstimmen, in ihren Hochburgen 33. Bei Grünen und Linken ist die Spanne ähnlich. Ist die Stadt gespalten?

Jörg Niewöhner: Die Kraft der blau, rot oder grün eingefärbten Karten, die wir nach den Wahlen präsentiert bekommen haben, ist verführerisch. Die Karten spiegeln aber nicht wider, was tatsächlich passiert. Ich würde die Rolle des Raumes nicht überbewerten. Zwar haben wir auch in der Forschung eine Tendenz, nach räumlicher Segregation in Städten zu suchen. Das stammt vor allem aus US-amerikanischer Tradition, wo solche Phänomene deutlich ausgeprägter sind. Und natürlich wird auch hier nach Ökologien und Milieus gesucht. Nur hat es hier nie so richtig gestimmt, in europäischen und erst recht in deutschen Städten gibt es keine derart klare räumliche Segregation. Hier war es immer ein komplizierteres Bild.

ZEIT ONLINE: Aber die Unterschiede sind da. Ein Tweet vom Wahlsonntag fasste die Ergebnisse so zusammen: "Reicher Rand West: CDU. Armer Rand Ost: AfD. Urban West: SPD. Urban Ost: Linke. Gentrified: Grüne."

Niewöhner: Natürlich gibt es Schwerpunkte, es gibt Tendenzen. Die Tatsache, dass Teile des Ostens und Nordens blau aussehen, heißt aber nicht, dass dort 80 Prozent AfD gewählt haben, sondern deutlich unter 20 Prozent der Wahlberechtigten. Wir reden hier nicht von Gegenden, die man als intern homogen bezeichnen könnte. Abgesehen davon sind die Positionen ja auch nicht stabil. Menschen, die heute AfD wählen, wählen morgen gar nicht oder etwas anderes.

Das Argument der Segregation und das Bild der krassen Teilung sind wenig hilfreich. Der Ton dieser Herangehensweise verschärft eine Situation, die in Berlin so dramatisch gar nicht ist. In den meisten Straßen, ja selbst in einzelnen Häusern, sind sehr unterschiedliche Positionen vertreten.

Das Erstaunliche bei dieser Wahl ist vielmehr die fast überall ähnlich starke Auffächerung der Stimmen. Wir haben nicht mehr schwarz oder rot und dann ein bisschen Rest, sondern viele gleich große Blöcke. Ich sehe eher ein Problem des sozialen Zusammenhalts mit vielen Ursachen. Das lässt sich aber nicht so einfach räumlich abbilden.

ZEIT ONLINE: Was sagt es unabhängig von Räumen über Berlin, dass nun fünf fast gleich starke Blöcke im Parlament sitzen?

Niewöhner: Ich würde behaupten: Das ist etwas Positives. Über die AfD lässt sich im Speziellen streiten. Aber grundsätzlich ist es erst mal gut, weil die Verteilung der Stimmen auf viele gleich starke Parteien realistisch abbildet, dass die Leute in sehr unterschiedlichen Lebenswelten unterwegs sind. Dass das jetzt gerade in Berlin so deutlich wird, hat auch damit zu tun, dass Berlin die einzige echte Großstadt im deutschsprachigen Raum ist. Da entsteht natürlich eine große Bandbreite von Lebenswelten, die im Alltag sehr unterschiedlich sind und deren Berührungspunkte oft nicht einfach zu erkennen sind.

ZEIT ONLINE: Wie kann Berlin mit so weit auseinanderfallenden Lebenswelten als eine Stadt regiert werden?

Niewöhner: Ich glaube, wir müssen eine neue Mitte finden, über die wir die Gesellschaft zusammenhalten können. Mit Mitte meine ich keine messbare, statistische Mitte im materiellen Sinne, sondern ich meine die Fähigkeit, die unterschiedlichsten, in Gegensätze tendierenden Interessenlagen zusammenzuhalten. Das verstehe ich auch als Kernaufgabe des politischen Prozesses.