Nachdem die junge CDU-Politikerin Jenna Behrends öffentlich von ihren Sexismuserfahrungen innerhalb der Partei berichtet und sich die Partei vom ersten Schock erholt hatte, folgte ein beispielloses Krisenmanagement: CDU-Generalsekretär Peter Tauber räumte ein, dass ihm mehr anonyme Fälle bekannt seien und es eine größere Sensibilität brauche. Die Vorsitzende der Frauen Union, Annette Widmann-Mauz, forderte eine "Kultur des Respekts", und die Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, sagte: "Sexismus hat in einer modernen Großstadtpartei keinen Platz."

Es ist allerdings einfacher, in Interviews Missstände zu verurteilen, als sie konkret anzugehen. Was jetzt nicht hilft, ist der ständige Hinweis, dass Sexismus ein gesamtgesellschaftliches Problem sei. Natürlich ist Sexismus ein gesamtgesellschaftliches Problem. Wer das aber übermäßig betont, meint eigentlich: Die Lösung liegt bei den anderen.

Konsequenter wäre eine genauere Analyse der Symptome und Ursachen. Bislang weiß niemand, wie groß das Problem innerhalb der CDU ist. Sowohl Tauber als auch Behrends berufen sich auf Hörensagen. Der Frauen Union sind keine Fälle bekannt, bei denen Politikerinnen im Vertrauen um Rat gebeten hätten. Betroffene Frauen gingen laut der Pressesprecherin Silke Adam gleich an die Öffentlichkeit.

Daraus könnte man ableiten, dass das Problem darüber hinaus nicht existiert. Man könnte aber auch annehmen, dass viele Frauen alltägliche Schikanen hinnehmen – oder sich unnötig kleinmachen und zurückziehen. Um dem zu begegnen, haben andere Parteien gute Erfahrungen mit Antidiskriminierungsstellen gemacht. Dort können Frauen geschützt über ihre Erfahrung sprechen und innerhalb der Partei Lösungen entwickeln.

Eine "Kultur des Respekts" fällt nicht vom Himmel. Ein Ansatz, um Respekt zu fördern, wäre die Existenz erfolgreicher Politikerinnen selbstverständlich zu machen. Davon ist die Partei aber weit entfernt. Zwar stellt die CDU seit 2005 eine Kanzlerin, und die Frauen Union bietet jungen Politikerinnen ein Mentoringprogramm, dennoch stagniert die Anzahl weiblicher Parteimitglieder seit Anfang der neunziger Jahre bei knapp 26 Prozent. Ein ähnliches Bild zeigt der Bundestag: Dort sind 80 von 310 CDU-Abgeordneten weiblich. Keine andere Partei hat so wenige weibliche Abgeordnete.

Entsprechend wird das im aktuellen Parteiprogramm angestrebte Frauenquorum von 30 Prozent für interne Abstimmungen selten eingehalten und auch die angestrebte gleichmäßige Besetzung von Diskussionsrunden findet kaum statt. Bei den letzten drei öffentlichen Veranstaltungen der CDU/CSU-Bundestagsfraktion waren nur 10 von 41 Referenten Frauen. Das letzte Wirtschaftsfachgespräch fand sogar nur unter Männern statt. Wer es ernst meint mit Frauenförderung, kann nicht darauf warten, dass aus unverbindlichen Wünschen eines Tages Wirklichkeit wird. Er sollte die Prioritäten anders setzen.

Ein weiterer Ansatz wäre, ein Problembewusstsein unter allen Mitgliedern zu fördern und die Sexismusdebatte nicht nur in Medien und Kantinen zu führen. Politiker werden sich durch die öffentliche Empörung zwar vermutlich hüten, in naher Zukunft in professionellen Kontexten anzügliche Kommentare loszuwerden. Ihnen durch öffentlichen Druck das Wort zu verbieten, führt aber eher zu Trotz als zu Empathie mit den Betroffenen.

Am Ende kann es nicht darum gehen, die Männer zum Schweigen zu bringen. Es sollte darum gehen, Männer wie Frauen anzuregen, über die Konsequenzen ihres eigenen Verhaltens nachzudenken. Es muss immer wieder thematisiert werden, wie mit beiläufigen Sprüchen junge Politikerinnen in ihrem Engagement ausgebremst werden. Es gibt genug Workshops und Literatur, die bei der kritischen Auseinandersetzung helfen. Die CDU hat Recht: Sexismus ist ein Problem der gesamten Gesellschaft. Aber warum nicht einfach mal selbst anfangen?