Es hatte etwas Panisches, als sich Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) wenige Tage vor der Senatswahl in einem Gastbeitrag in der taz enttäuscht über die "seltsame Gleichgültigkeit in der Stadt" gegenüber einem möglichen zweistelligen Wahlerfolg der AfD in der "Hauptstadt der Freiheit" zeigte. Als hätte es die taz-Community nicht gewusst, erinnerte Müller sie daran, dass Berlin nicht irgendeine Stadt sei und sich von der Hauptstadt Hitlers "zum Leuchtturm der Freiheit, Toleranz, Vielfalt und des sozialen Zusammenhalts entwickelt" habe. Berlins Regierender gab sich frustriert bis genervt, dass man Rassismus, Intoleranz und Menschenfeindlichkeit nicht mehr beim Namen nennen könne, ohne dass einem die "Nazi-Keule" entgegengeschleudert werde.

Imran Ayata ist Mitbegründer von Kanak Attak und Autor. Zuletzt erschien sein Roman „Ruhm und Ruin“. Im Hauptberuf geschäftsführender Gesellschafter der Agentur Ballhaus West. © Ballhaus West

Willkommen in meiner Welt und in meinem Berlin, dachte ich, als ich Müllers Zeilen las. In den vergangenen Monaten haben Politiker aus allen demokratischen Parteien, Medien, Wissenschaftler und andere Akteure sich darin überboten, sich in die menschenverachtende Politik der AfD hineinzudenken und ihrem offen artikulierten Rassismus mit Verständnis zu begegnen. Wutbürger zu verstehen, die sich weder medial noch politisch repräsentiert fühlen, bestimmte die Agenda – gerade in Berlin, dem Epizentrum der politischen Meinungsbildung.

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Dieser fahrlässige Umgang mit der AfD bescherte der rassistischen Partei in Sachsen-Anhalt, Baden-Württemberg, Mecklenburg-Vorpommern und seit Sonntag auch in Berlin nicht nur zweistellige Wahlergebnisse, sondern erklärte die AfD zur Normalität. Eigentlich Wahnsinn, dass der politische Mainstream der durchsichtigen Strategie der AfD dermaßen hilflos auf den Leim geht und sich permanent aufs Neue im Phänomenerklärungsjungle verirrt, statt die AfD zu bekämpfen.

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Insofern war es bemerkenswert, dass Michael Müller im bereits erwähnten Beitrag in der taz die Passivität der Berliner beklagte, aber Trost in engagierten Künstlern wie Joko und Klaas, Clemens Schick, Oliver Kalkofe oder den beiden Sängern der Band The BossHoss fand. Den kommenden Erfolg der AfD in Berlin ahnend, fragten sie in einem Spot für die SPD: "Willst du das, Berlin?" Passend dazu gab es das Hashtag #Berlinbleibtweltoffen und ein Kameraschwenk über das Kottbusser Tor. Dass dabei die Repräsentation des Wir in der Weltstadt Berlin ausschließlich deutschen Männern überlassen wurde, ist eine sehr spezielle Interpretation der kosmopolitischen Vielfalt, mit der sich die Stadt gerne rühmt.

Sinnbildlich für die Situation in Berlin ist das Kottbusser Tor. Für die einen steht es für das multikulturelle Berlin. Für andere ist es inzwischen ein Ort, der vor allem von zunehmender Gewalt geprägt ist. Erst Anfang September wurde hier ein türkischstämmiger Migrant auf offener Straße erschossen, der einen Streit zwischen Dealern schlichten wollte. Dass Homosexuelle am Kotti gegängelt und bedroht werden, ist längst kein Szenegeheimnis mehr.

Berlin-Wahl - "Ich habe keine Angst davor" Fast jeder dritte Berliner hat einen Migrationshintergrund. Was denken sie über das Wahlergebnis? © Foto: ZEIT ONLINE