Es war ein sehr bemerkenswertes Doppelinterview, das an diesem Wochenende in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung erschien und das vermutlich in beiden Parteien, der AfD und der Linken, noch für einigen Wirbel sorgen wird. Allein die Tatsache, dass sich Sahra Wagenknecht, die Anführerin der ganz linken Linken mit Frauke Petry, der Vorsitzenden der ganz rechten AfD, zum sachlichen Gespräch traf, dürfte für viele Linken-Politiker ein Tabubruch sein. Schließlich ringen auch die anderen etablierten Parteien darum, wie sie mit der rechtspopulistischen Partei umgehen und ob man überhaupt mit ihr rede soll. Im rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf hatte sich SPD-Ministerpräsidentin Malu Dreyer noch geweigert, sich mit einem AfD-Vertreter in eine Fernsehrunde zu setzen.

Erst recht sollte das eigentlich für die Linken gelten, die politisch sozusagen die Antipoden zu den Rechtsauslegern darstellen. Und von denen man erwarten würde, dass sie mit denen gar nichts am Hut haben. Doch die letzten Landtagswahlen haben gezeigt, dass es zumindest in der Wählerschaft der beiden Parteien starke Überschneidungen gibt: in großen Scharen wanderten da Linkswähler zur AfD ab.

Vor diesem Hintergrund dürfte sich Wagenknecht zu dem Gespräch entschlossen haben. Sie ist ja ohnehin wenig zurückhaltend, wenn es um AfD-verdächtige Positionen geht, wie etwa mit ihrer Kritik an der Merkelschen Flüchtlingspolitik oder mit ihrer Aussage nach den Silvestervorfällen am Kölner Hauptbahnhof: "Wer sein Gastrecht missbraucht, hat es verwirkt."

Dieses Zitat steht auch am Anfang des Doppelinterviews und gibt Wagenknecht die Gelegenheit ihre umstrittene Position noch einmal zu verdeutlichen: "Wenn so viele Menschen nach Deutschland kommen wie infolge von Merkels Politik im vorigen Herbst, dann muss man auch dafür sorgen, dass Integration gelingt und die notwendigen Wohnungen und Arbeitsplätze vorhanden sind." Entscheidend sei jedoch, den Menschen in den Herkunftsländern zu helfen.

"Damit haben Sie gerade AfD-Positionen referiert", jubelt Petry. Wenn die "Rechtsbeugung" durch die Regierungsseite oder die Ausnutzung des Asylrechts durch "Armutsmigranten" dazu führe, dass es in Deutschland einen Konkurrenzkampf unter den sozial Schwachen gebe, könne das doch auch nicht im Interesse einer linken Partei sei, appellierte sie an Wagenknecht.

Die will von den "starken Überschneidungen", von denen Petry spricht, zunächst nichts wissen und verweist darauf, dass die AfD nur Hochqualifizierte einwandern lassen wolle. Doch Petry macht ihr Angebote: Die AfD sei für Flüchtlingslager, die von den Vereinten Nationen menschenwürdig geführt würden, und überhaupt sei sie explizit für Einwanderung. Schließlich habe Deutschland damit gute Erfahrungen gemacht. Ganz neue Töne also von der der Vorsitzenden einer Partei, die bisher vor allem auf Abschottung setzte.

Wagenknecht wiederum relativiert die Forderung ihrer Partei nach offenen Grenzen für alle. Das sei "eine gute Forderung für eine Welt der Zukunft, in der die Menschen überall in Wohlstand leben" – also gerade nicht für die realen Verhältnisse. Fast folgerichtig fügt sie hinzu: "Offene Grenzen haben Voraussetzungen." Damit ist sie wiederum sehr nah an der AfD und auch SPD und Union, die alle für einen strikten Schutz der Außengrenzen werben, aber weit entfernt von der Beschlusslage ihrer Partei.

Gemeinsam gegen den Euro und TTIP

Gemeinsamkeiten entdecken die beiden Politikerinnen, die auffallend freundlich miteinander umgehen, auch in anderen Feldern: der Ablehnung des Euro ("Fehlkonstruktion", so Wagenknecht), der Kritik an der EU als undemokratisch und der Forderung nach Rückverlagerung von Kompetenzen an die Nationalstaaten, dem Nein zu TTIP und Ceta und überhaupt der Kritik an den großen Konzernen, die übermächtig geworden seien. Beide sind auch gegen eine staatliche Rettung der Deutschen Bank.

Natürlich werden auch Differenzen deutlich. So distanziert sich Petry zwar vom "Nationalismus", spricht aber im Zusammenhang mit dem Nationalstaat vom "Volk" – was den Anklang des Völkischen hat, der ihrer Partei oft vorgeworfen wird. Und sie bekennt sich zwar einerseits zum Sozialstaat (ein Begriff, der im AfD-Programm bisher nicht auftaucht), fordert aber gleichzeitig, die "überflüssige staatliche Umverteilung" zu reduzieren und einen schlanken, aber funktionsfähigen Staat aufzustellen. Was natürlich prompt Wagenknechts Widerspruch hervorruft.

Auch in der Steuerpolitik zeigen sich klare Unterschiede: Die Linke will Steuererhöhungen für Reiche. Die AfD dagegen will laut Petry weder Steuererhöhungen noch -senkungen, sondern ein einfaches transparentes Stufenmodell. Interessant und überraschend ist, dass Petry in der Rentenfrage das Schweizer Modell empfiehlt, bei dem auch Besserverdienende in die Rentenversicherung einzahlen, sie also sich faktisch für das linke Modell einer Bürgerversicherung ausspricht. Auch wenn sie relativiert, dass die AfD noch kein fertiges Rentenmodell habe.

Zusammenarbeit in Sachfragen

Wäre bei so viel Gemeinsamkeiten nicht irgendwann sogar eine Links-Rechts-Koalition denkbar, so wie in Griechenland? Das weist Wagenknecht natürlich von sich. Schließlich sei die AfD "nationalistisch und rassistisch". An dieser Stelle kommt zum ersten Mal ein scharfer Ton in das Gespräch. Aber Petry nimmt den Ball auf. Die Frage nach Koalitionen führe in die falsche Richtung. Stattdessen bietet sie Wagenknecht eine "punktuelle Zusammenarbeit in Sachfragen" an. Das bringe für die Bürger viel bessere Ergebnisse.

Eine Kooperation von Linke und AfD in der Opposition nach der Bundestagswahl 2017 – das wäre ein reizvolle Vorstellung. Schließlich stellen beide zusammen, die viel Protestpotential sammeln, nach den Umfragen rund ein Viertel der Wählerschaft. 

Gespräche statt Ächtung

Unvoreingenommene Gespräche mit der AfD können also durchaus dazu führen, Positionen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu klären. Vor allem, wenn sie sich von dem bisherigen Muster der etablierten Parteien lösen, die AfD nur zu verdammen und zu ächten, statt sie inhaltlich zu stellen. Allerdings darf man auch nicht darauf verzichten, darauf zu achten, was AfD-Politiker jenseits der wohlgesetzten Worte ihrer Vorsitzenden verlautbaren. Und das ist oft schrecklich.

Für Wagenknecht dürfte das Interview jedoch parteiintern noch ein Nachspiel haben. Steht sie beim Reformerflügel doch ohnehin in Verdacht, punktuell AfD-verdächtige Positionen zu vertreten. Und jetzt macht sie sich auch noch mit Petry gemein? Für manche in der Partei dürfte das zu viel sein.