Bundesinnenminister Thomas de Maizière sieht Parallelen zu den Anschlägen von Frankreich und Belgien, der Leiter des Landeskriminalamts Sachsen, Jörg Michaelis, sieht Hinweise auf den IS. Die wichtigsten Fragen und Antworten zu dem Terrorverdächtigen Jaber al-Bakr und dem Sprengstofffund in einer Chemnitzer Wohnung.

Wer ist der Terrorverdächtige?

Hauptverdächtiger ist der Syrer Jaber al-Bakr, geboren am 10. Januar 1994 in Saasaa, einem Ort südlich von Damaskus. Der 22-Jährige kam im Februar 2015 nach Deutschland. Am 19. Februar 2015 wurde er in der Erstaufnahme München registriert, dann nach Chemnitz in die Erstaufnahme gebracht. Er erhielt eine auf drei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung und wurde dem Landkreis Nordsachsen zugewiesen. Gemeldet war er in Eilenburg. Vor der Anschlagsplanung hielt sich Al-Bakr möglicherweise mehrere Monate in der Türkei auf.

Was passierte seit seiner Festnahme?

Zwei Tage nach seiner Festnahme wurde Al Bakr tot in seiner Zelle aufgefunden – nach sächsischen Behördenangaben hatte er sich erhängt. Sein Pflichtverteidiger Alexander Hübner kritisierte die sächsische Justiz scharf: Den Verantwortlichen der Justizvollzugsanstalt sei das Suizid-Risiko des Beschuldigten bekannt gewesen und auch im Protokoll vermerkt worden, sagte er Focus-Online. Noch am Nachmittag habe ihm der stellvertretende JVA-Leiter telefonisch versichert, dass der in Einzelhaft sitzende Al-Bakr ständig beobachtet werde. Der Terrorverdächtige sei seit seiner Festnahme in einen Hungerstreik getreten.

Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach sagte, da Al-Bakr ja wohl bereit gewesen sei auszusagen, verliere man "eine wichtige Informationsquelle". Der Grünen-Fraktionsvize Konstantin von Notz sprach im Deutschlandfunk von "grauenvollen Fehlern". Schließlich sei die Suizidgefahr bei Al-Bakr bekannt gewesen. Dass eine so wichtige Informationsquelle und ein so wichtiger Zeuge "sich erhängen konnte, wirft auf jeden Fall ein sehr, sehr schwieriges Licht auf die Justiz in Sachsen".

War er Teil eines Netzwerkes?

Das Vorgehen und das Verhalten der Verdächtigen deuteten auf eine Verbindung zum "Islamischen Staat" (IS) hin, hieß es vom Landeskriminalamt (LKA) Sachsen. Die Polizei nahm zunächst zwei Personen fest, die mit dem Hauptverdächtigen Kontakt gehabt haben sollen, ließ sie aber bald wieder frei. Ein weiterer Mann wird befragt.

Der Mieter der Chemnitzer Wohnung, in der der Sprengstoff gefunden wurde, befindet sich in Untersuchungshaft. Die Ermittler halten den anerkannten syrischen Flüchtling Khalil A. für einen Komplizen des Hauptverdächtigen. Gegen den 33-Jährigen wurde Haftbefehl wegen Beihilfe zur Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat erlassen.

Khalil A. wird vorgeworfen, Jaber al-Bakr seine Wohnung zur Nutzung überlassen und für ihn – in Kenntnis seiner Anschlagspläne – die notwendigen Stoffe im Internet bestellt zu haben.

Er war Ende des Jahres 2015 nach Deutschland gekommen. Zunächst befand er sich in Nordrhein-Westfalen, dann wurde er nach Sachsen gebracht.

Alles deutet darauf hin, dass Jaber al-Bakr in Deutschland nicht auf ein verzweigtes Netzwerk zurückgreifen konnte. Bei seiner zweitägigen Flucht konnte er allem Anschein nach nicht in einer verdeckten Wohnung untertauchen oder ein Auto benutzen. Unterschlupf suchte er bei Syrern, die er vorher nicht gekannt hatte. Diese fesselten ihn dann und übergaben ihn der Polizei.

Was für eine Bombe hatte er gebaut?

Wohl noch gar keine. Zumindest wurde in der durchsuchten Wohnung keine fertige Bombe gefunden. Die Behörden sprachen zunächst von "mehreren Hundert Gramm" Sprengstoff, die gut versteckt in der Wohnung lagerten. Laut Bundesanwaltschaft waren es 1,5 Kilogramm "extrem gefährlicher Sprengstoff", "sowie weitere Materialien, die unter anderem zur Herstellung einer Sprengstoffweste geeignet sind". Unter dem Sprengstoff waren laut LKA "auch kristaline Stoffe". Es handele sich um TATP (Triacetontriperoxid), das instabil und daher sehr gefährlich ist. Zudem fanden die Ermittler Muttern und zwei Zünder.

Das Material wurde in einem ausgehobenen Erdloch kontrolliert vernichtet, die Detonation war noch in deutlicher Entfernung spürbar. Teile des Sprengstoffes wurden als Beweis gesichert.

TATP ist ein weißes kristallines Pulver. Es lässt sich aus einfach zu besorgenden Grundstoffen herstellen, weswegen es auch bei Anschlägen in Brüssel und Paris verwendet wurde. Nötig sind lediglich Aceton, Wasserstoffperoxid und eine Säure. Die Stoffe werden in einem Kältebad zusammengeschüttet, um eine spontane Explosion zu verhindern. Anleitungen zur Herstellung finden sich haufenweise im Internet. Der Prozess ist nicht aufwändig, aber gefährlich, da die dabei entstehenden Kristalle gegen mechanische Einflüsse und Hitze sehr empfindlich sind. Allein schon die Lagerung des Pulvers gilt als riskant, da die Kristalle von selbst instabil werden und detonieren können.

Was plante Jaber al-Bakr?

Der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, sagte der ARD, es habe nachrichtendienstliche Hinweise gegeben, dass Al-Bakr zunächst Züge in Deutschland angreifen wollte. Zuletzt habe sich dies "mit Blick auf Flughäfen konkretisiert", sagte Maaßen. Anschlagsziel sei ein Berliner Flughafen gewesen. Der Verfassungsschutz hatte demnach Anfang September "aus nachrichtendienstlichem Aufkommen" einen Hinweis, dass der IS in Deutschland einen Terroranschlag plane. "Wir haben bis Donnerstag letzter Woche gebraucht, um herauszufinden: Wer ist dafür in Deutschland verantwortlich?", sagte Maaßen. Erst dann sei seine Behörde in der Lage gewesen, die gesuchte Person zu identifizieren.

Wie sind die Ermittler auf ihn aufmerksam geworden?

Der Bundesnachrichtendienst hatte Hinweise auf ihn. Woher diese stammen, ist nicht bekannt. Außerdem wurde Al-Bakr schon länger vom Verfassungsschutz beobachtet. Die veröffentlichten Fahndungsfotos kamen den Ermittlern zufolge von einem Nachrichtendienst.

Vage erste Hinweise habe es im September gegeben, hieß es vom Landeskriminalamt Sachsen. Als die Verfassungsschützer am Freitag erfuhren, dass Al-Bakr Heißkleber gekauft hatte, mussten sie nach eigenen Angaben annehmen, dass er nun alle Bestandteile für eine Bombe zusammenhat. Am Freitagabend sei dann die Polizei in Chemnitz informiert worden und habe mit der Observierung des Gebäudes begonnen. Allerdings konnten die Ermittler nicht zweifelsfrei klären, in welcher Wohnung sich Al-Bakr befindet. Sie mussten fürchten, dass der Verdächtige eine Bombe zündet, wenn er von dem Zugriff etwas mitbekommt. Daher stürmten sie das Gebäude nicht. 

Als das SEK am Samstagmorgen ein anderes Vorgehen vorbereitete, verließ der Verdächtige gegen sieben Uhr das Gebäude. Die Ermittler wussten nicht, wer dort das Haus verließ, und forderten den Mann aus einiger Entfernung auf, stehenzubleiben. Als dieser das nicht tat, gaben sie einen Warnschuss ab. Auf den Mann zu schießen sei nicht möglich gewesen, da sich andere Personen in der Schusslinie befunden hätten, hieß es vom LKA. Als der Mann davonrannte, konnte ihm niemand folgen, weil alle Einsatzkräfte schwere Schutzausrüstung trugen.

Insgesamt 700 Kräfte seien an dem Einsatz beteiligt gewesen. Darunter Einheiten aus Bayern, Brandenburg, Berlin und Thüringen und von der Bundespolizei. Zudem waren Vertreter anderer Ermittlungsbehörden wie des BKA und von Verfassungsschutzämtern vertreten.

Wie der Verdächtige von Chemnitz nach Leipzig kam, ist bislang nicht bekannt. Bereits am Samstag soll Al-Bakr in Leipzig über ein Onlinenetzwerk syrischer Flüchtlinge nach einem Schlafplatz gesucht haben. Das berichtet die Bild-Zeitung unter Berufung auf die Syrer, die ihn am Ende festhielten. Sie hätten Jaber al-Bakr zuerst zum Essen mitgenommen und ihn dann bei einem Freund untergebracht. Am Sonntag schnitten sie ihm demnach auf dessen Wunsch die Haare ab. Im Laufe des Tages hätten die Männer auf Facebook Fahndungsaufrufe nach dem flüchtigen Terroristen gesehen. Al-Bakr habe ihnen erzählt, er sei gerade erst aus Syrien angekommen und hätte in Leipzig Aussicht auf einen Job.

Die Flüchtlinge glaubten ihm nicht, überwältigten und fesselten ihn mit Verlängerungskabeln und riefen die Polizei. Laut einem RTL-Bericht bot Al-Bakr den Männern Geld, damit sie ihn freilassen – was sie abgelehnt hätten. Berichte, wonach Al-Bakr in seiner Vernehmung die Landsleute, die ihn festgenommen hatten, der Mitwisserschaft bezichtigte, wollte Bundesinnenminister Thomas de Maizière nicht kommentieren.

Wie geht es jetzt weiter?

Wegen des Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat hatte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe die Ermittlungen übernommen. Auch nach dem Tod Al-Bakrs gehen die Ermittlungen in dem Fall weiter. Das Verfahren gegen den 22-Jährigen habe sich erledigt, sagte ein der Sprecher der Bundesanwaltschaft. Die Ermittlungen zu dem mutmaßlich durch den anerkannten Flüchtling geplanten Sprengstoffanschlag auf einen Berliner Flughafen würden in gleicher Intensität weitergeführt, um die Hintergründe aufzuklären. Ein mutmaßlicher Komplize Al-Bakrs befindet sich in Haft.