Horst Seehofer ist es leid. Er will für die CSU "nicht ewig den Libero machen". Also nicht mehr gleichzeitig "die absolute Mehrheit in München holen und dann die bayerischen Interessen in Berlin durchsetzen", sagte er der Bild am Sonntag. Tatsächlich ist es eine Herkulesaufgabe für den Vorsitzenden einer Regionalpartei: in München ebenso wie in Berlin dauerhaft die Agenda zu prägen. Das erfordert eine Menge Energie, die der 67-Jährige vielleicht nicht mehr in sich verspürt.

Die Frage allerdings ist, ob die von ihm vorgeschlagene, in der Partei umstrittene Ämtertrennung und Aufgabenverteilung wirklich sinnvoll wäre. Seehofer selbst hat diese in der Vergangenheit immer abgelehnt. Weshalb jetzt sein Sinneswandel kam, ließ er offen. Genauso, – sicher bewusst – welches seiner beiden Ämter er behalten und welches er abgeben möchte. Womöglich wollte er seine Herausforderer nur provozieren und Spannung in der Öffentlichkeit und der Partei verbreiten. 

Jedenfalls sollte sich Seehofer das gut überlegen. Es gibt einige gute Gründe, die gegen eine Ämtertrennung und Aufgabenverteilung bei der CSU sprechen.    

1. Die CSU hat bisher gute Erfahrungen damit gemacht, wenn ein starker Ministerpräsident gleichzeitig Parteivorsitzender war, so wie Franz Josef Strauß, Edmund Stoiber oder Seehofer selbst. Als Ministerpräsident kümmerten sie sich um das Land und sorgten als CSU-Chef dafür, dass die absolute Mehrheit in Bayern erhalten blieb – das zentrale Ziel der Christsozialen. Gleichzeitig machten sie von München aus durchaus erfolgreich auch Bundespolitik, so wie Seehofer mit seiner ständigen Kritik die Flüchtlingspolitik bereits kräftig nach rechts verschoben hat.

Eine Arbeitsteilung wie zwischen Theo Waigel und Edmund Stoiber von 1988 bis 1999 war dagegen kein Erfolgsmodell: Theo Waigel war ein braver Bundesfinanzminister und blieb als Parteichef eher blass. Stoiber dagegen, mit Waigel in tiefer Abneigung verbunden, profilierte sich ständig gegen Berlin, bis er dann 1999 auch den Parteivorsitz übernahm – und Ministerpräsident blieb.

2. Seehofer ist jedoch der Meinung, dass der CSU-Chef nach der Bundestagswahl 2017 nach Berlin gehört, um in einem wahrscheinlichen Sieben-Parteien-Parlament den anderen Parteien "die Stirn zu bieten". Gemeint sein dürfte vor allem die AfD. Als Innenminister beispielsweise könnte der CSU-Chef den Scharfmacher geben, um der AfD konservative Wähler abspenstig zu machen. Alle Erfahrungen zeigen jedoch, dass wenn eine Partei nach rechts rückt, um einer rechtspopulistischen Konkurrenz zu machen, die Bürger dann erst recht das Original wählen.

3. Als Bundesminister wäre der CSU-Vorsitzende zudem in die Kabinettsdisziplin eingebunden. Seehofer könnte dann nicht mehr wie jetzt Opposition innerhalb der Koalition betreiben. Bei harten Konflikten mit der Kanzlerin bliebe ihm letztlich nur der Rücktritt. Damit immerhin hat er schon Erfahrung: Weil er die von Angela Merkel in der Union durchgesetzte Gesundheitsprämie ablehnte, trat er 2004 als stellvertretender Fraktionsvorsitzender zurück.

4. Wenn Seehofer das Ministerpräsidentenamt aufgäbe, um als CSU-Vorsitzender nach Berlin zu wechseln, würde wahrscheinlich sein Rivale Markus Söder sich mit großen Erfolgschancen um das Münchner Amt bemühen. Das möchte Seehofer aber um jeden Preis verhindern. Was eher für die in der Partei schon ventilierte Lösung spräche, dass Seehofer Söder nach Berlin schicken möchte. Problem nur: Söder will auf keinen Fall nach Berlin.

Sollte dieser nun aber gegen seinen Willen entsandt werden, würde Söder vermutlich von der Bundeshauptstadt aus versuchen, sich gegenüber Seehofer hervorzutun, um ihn irgendwann doch noch als Ministerpräsidenten zu beerben und die Ämter wieder in eine Hand zu legen. Viele andere starke Figuren, die man sich als prägende Bundesminister vorstellen könnte, hat die CSU nicht aufzubieten.

5. Es ist nicht gesagt, dass es nach der Bundestagswahl wieder eine Regierung mit Beteiligung der CSU gibt. Eine erneute große Koalition möchte die SPD nicht, Schwarz-Grün die CSU nicht, für Schwarz-Gelb wird es nicht reichen. Vielleicht kommt dann Rot-Rot-Grün oder eine ganz andere Kombination, mit der Union in der Opposition. Für den CSU-Chef bliebe in Berlin dann nur die Rolle als Vizefraktionschef der Union – keine sehr erstrebenswerte Aufgabe und keine, die der Partei hilft.