Die Nachlese des großen Rot-Rot-Grün-Treffens im Bundestag fällt positiv aus. "Der Anfang ist sehr, sehr gut gelungen", sagte Mitorganisator Axel Schäfer (SPD), von einem "großen Schritt" sprach Caren Lay (Linke), gar "beschwingt" sei sie, twitterte Katja Dörner (Grüne). Haben die Abgeordneten da bei Brezeln und Wein tatsächlich die Grundlage gelegt für eine rot-rot-grüne Koalition auf Bundesebene?

Keiner der Beteiligten würden bestreiten, dass der Weg dorthin noch lang ist. Es müssen gemeinsame Themen gefunden und Differenzen ausgeräumt werden. Und dann muss ja auch noch eine Mehrheit erstritten werden. Dass die derzeit bestehende Mehrheit im Bundestag, die SPD, Linke und Grüne ja haben, nach der Wahl 2017 noch besteht, ist alles andere als sicher.

Aber selbst, wenn diese Aufgaben gelöst sind, ist eine Koalition dieser Parteien eher unrealistisch. Und die Gründe dafür liegen tief.

Koalitionen bestehen aus Kompromissen, das ist ihr Wesen. Wer es als Politiker in den Bundestag geschafft hat, hat meistens längst auf anderen Ebenen gelernt, Kompromisse zu schließen. Von außen betrachtet ist das oft ein zweifelhaftes Spiel: Politiker treten an, um ein Ziel zu erreichen, sie versprechen es ihren Wählern, sie kämpfen dafür und lassen sich dann doch dazu überreden, für etwas anderes zu stimmen. Weil die Fraktionsführung es so will, weil etwas anderes gerade wichtiger ist, weil sonst keine Koalition geschlossen würde. Ohne dieses Spiel wären stabile Regierungen allerdings nicht möglich. Keine Reform, kein Gesetz, kein internationaler Vertrag würde zustande kommen, wenn Politiker keine Kompromisse eingehen würden. Um es zynisch zu sagen: Politiker, die etwas bewegen wollen, müssen von Zeit zu Zeit von ihren Überzeugungen abrücken.

Als Wähler ist man schnell enttäuscht von Politikern, die ihre Wahlversprechen gebrochen haben. Aber die Schuld dafür liegt nicht nur beim Einzelnen, sondern beim System der repräsentativen Demokratie. Viele versprechen sich davon eine präzise Übersetzung des Volkswillens in Politik und jeder Einzelne verspricht sich die Durchsetzung seiner individuellen Vorstellungen. Dieses Versprechen hat die Demokratie allerdings noch nie eingelöst. Bekannt ist das Zitat Winston Churchills: "Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von allen anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert wurden."

SPD und Grüne haben sich in dieses System eingefunden, sosehr mancher Grüne auch den rebellischen Gründerjahren seiner Partei hinterhertrauert. Bei vielen Linken aber ist das anders, sie träumen nicht nur von einem anderen System, sondern sprechen ganz offen davon. Das Recht dazu haben sie. Wer aber das System überwinden will, hat ein Interesse daran, dieses System zu destabilisieren.

Nicht auf alle Bundestagsabgeordneten der Linken trifft das zu. Aber für eine Koalition bräuchte es nicht nur die Realos der Partei, sondern auch den radikalen Flügel. Und dieser Flügel, angeführt von der Fraktionsvorsitzenden Sahra Wagenknecht, zeigt keine Anzeichen für eine gesteigerte Kompromissbereitschaft. Im Gegenteil: Wagenknecht hat kürzlich einen Newsletter namens Team Sahra eingerichtet, mit dem sie ihre Anhänger gezielter ansprechen möchte. "Wir lassen uns nicht länger für dumm verkaufen von Mainstream-Medien und führenden Politikern", heißt es auf der dazugehörigen Website. Kein Logo und kein Impressum verweist auf die Linke. Wagenknecht kämpft unabhängig. Auch ihre eigene Partei wird ihr keine Kompromisse abringen können.

Wagenknechts Vorgänger Gregor Gysi hatte jahrelang versucht, sie auf diesem Posten zu verhindern, damit die von ihr geführte Gruppe, darunter ein bedeutender Anteil der Bundestagsabgeordneten, besser eingehegt werden kann. Er hatte keinen Erfolg. Die Linkspartei ist deswegen auf Bundesebene noch immer nicht geeignet, Teil einer Koalition zu sein. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass dies nach der Bundestagswahl anders sein sollte. Wer sich Rot-Rot-Grün im Bund wünscht, muss auf einen Reformprozess innerhalb der Linkspartei setzen. Und der wird mehr Zeit benötigen als bis zum Herbst 2017.