Die Kolumbianer haben mit hauchdünner Mehrheit von 50,2 Prozent gegen das historische Friedensabkommen mit den Farc-Rebellen gestimmt. Die Ungarn haben sich mit fast 98 Prozent der Stimmen gegen die Aufnahme von ganzen 1.294 Flüchtlingen im Rahmen der verpflichtenden EU-Quoten ausgesprochen. Und die Briten haben sich bereits im Juni mit ebenfalls knapper Mehrheit von 52 Prozent von der EU verabschiedet und ihr Land in die wirtschaftlichen Turbulenzen des Brexit geschickt. Sind die Völker verrückt geworden? Oder taugen Volksabstimmungen für solche schwerwiegenden, komplizierten Fragen nicht mehr?

Politikwissenschaftler haben jedenfalls Zweifel, ob nationale Plebiszite in solchen Fällen geeignet sind, wirklich den Willen des Volkes zu ermitteln, oder ob nicht parlamentarische Abstimmungen vorzuziehen wären. Denn die Volksabstimmungen werden jeweils von der Regierung angesetzt, ganz nach ihrem Belieben, um sich (möglichst) ihren Kurs bestätigen zu lassen. Und sie, die Elite, ist es, die die Fragestellung und die Agenda bestimmt. Nicht das Volk. Das darf am Ende, oft nach einer emotionalen Debatte, nur Ja oder Nein sagen. Ein wirklich demokratischer Prozess ist das nicht, jedenfalls nicht mehr als bei einer Wahl, bei der jeder ein Kreuz hinter eine Partei setzen kann.

Dazu kommt, dass Volksabstimmungen häufig von anderen Fragen überlagert werden, insbesondere von der Beliebtheit oder Unbeliebtheit der jeweiligen politischen Führung. Der kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos wollte sich die Legitimierung für die Beendigung des Bürgerkriegs nach mehr als 50 Jahren verschaffen. Aber das Plebiszit wurde auch zur Abstimmung gegen ihn und seine Politik, während viele Unterstützer im sicheren Gefühl, der Friedensvertrag würde angenommen, zu Hause blieben.

In Großbritannien hoffte der damalige Premierminister David Cameron, mit dem Europa-Referendum seinen Kurs gegenüber Brüssel bestätigt zu bekommen und die EU-Kritiker zum Schweigen zu bringen. Doch sein Plan ging nach einer teils hasserfüllten Kampagne, die von den Gegnern mit dem Thema Immigration bestimmt wurde, gründlich schief.

Wer ist "das Volk"?

Und auch das Kalkül des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán ging nur halb auf: Zwar bekam er die erwünschte Unterstützung für seinen harten Kurs gegenüber Brüssel. Aber das Referendum verfehlte das notwendige Quorum von 50 Prozent und war damit ungültig – eine Schlappe für den autokratischen Premier.

Zudem: Wer ist jeweils "das Volk"? In Kolumbien gaben nur 38 Prozent der Wahlberechtigten ihre Stimme ab – und das bei einer für das Land so elementaren Frage. Was wollten die anderen 62 Prozent? War ihnen das Schicksal ihres Landes egal? In Ungarn war die Beteiligung mit 43,9 Prozent ebenfalls niedrig – die Opposition hatte dazu aufgerufen, nicht abzustimmen. War es ein stilles Votum gegen Orbán? In Großbritannien lag die Wahlbeteiligung beim Brexit-Referendum dagegen mit 72 Prozent höher als bei der letzten Parlamentswahl – nur die Jüngeren gingen kaum zur Abstimmung.

Rechnet man die Ergebnisse um, haben in Kolumbien nur 19 Prozent der Wahlberechtigten gegen den Friedensvertrag gestimmt. Und in Großbritannien nur 37 Prozent für den EU-Austritt. Keine starken Voten, um damit Schicksalsfragen der Nation zu entscheiden. Zufällig war auch das Ergebnis bei der Volksabstimmung im April in den Niederlanden über das EU-Assoziierungsabkommen mit der Ukraine: 61 Prozent stimmten dagegen, aber nur 38 Prozent gingen zu Wahl. Trotzdem sprachen die Medien hinterher von einem Votum gegen die EU.