Wenn immer mehr Menschen in Deutschland "postfaktisch" denken, also ihrem Gefühl mehr vertrauen als amtlichen Statistiken, dann gibt es dagegen nur ein Gegengift: noch bessere Daten, noch bessere Recherche. Das gilt besonders für das Flüchtlingsthema, bei dem täglich neue Gerüchte durchs Land schweben und die Ängste in der Bevölkerung gewaltig sind. Die Behörden, die für Aufklärung sorgen könnten und sollten, sind das Bundesinnenministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF). Doch beide versagen gerade in ihrem Auftrag, die Öffentlichkeit genau zu informieren. 

Das Innenministerium etwa verkündete unlängst, im vergangenen Jahr seien weit weniger Flüchtlinge nach Deutschland gekommen als bisher berichtet wurde, nämlich nur 890.000 statt 1,1 Millionen. Wie das Ministerium auf diese Zahl kommt, ließ es offen. Weder Wissenschaftler noch Journalisten kennen die Methodik, die hinter dieser Zahl steckt. Niemand weiß, ob das Ministerium genau nachgezählt hat oder die Zahl aus politischen Gründen größer oder kleiner rechnet – zumindest kann es niemand ernsthaft überprüfen. 

Ähnlich problematisch ist die Informationspolitik des Bamf. Als Frank-Jürgen Weise im vergangenen Jahr als Chef der Behörde antrat, versprach er mehr Transparenz und Professionalität. Doch seine Statistikabteilung hält Zahlen zurück, die in die Öffentlichkeit gehören. So zeigt eine wöchentliche Aufschlüsselung der Flüchtlingszahlen in Deutschland aus dem vergangenen Jahr weit genauer, wie sich die Dynamik der Zuwanderung in den Sommermonaten 2015 entfaltete – genauer als die Monatszahlen, die das Amt bisher verbreitet. ZEIT ONLINE bekam diese Zahlen auf Anfrage nicht, mit der Begründung, sie lägen dem Bamf nicht vor. Doch schon vor der Anfrage hatte das Bamf eben diese Daten an einzelne Wissenschaftler verschickt.  

Das alles ist Gift in einer Zeit, in der das Misstrauen gegenüber den Institutionen wächst, auch gegenüber Journalisten, die über diese Zahlen berichten. Und es verhindert, dass endlich die notwendige und nüchterne Debatte darüber beginnt, was im vergangenen Jahr wirklich passierte und was daraus zu lernen ist.

Das ist schließlich nicht irgendeine Frage. Die Antwort darauf entscheidet mit, ob sich die Stimmung des Misstrauens in Deutschland weiter ausbreitet und welchen Erfolg die AfD in der Wahl des kommenden Jahres feiern wird. Sie entscheidet womöglich sogar über das politische Erbe der Kanzlerin. Deshalb gehören endlich alle Zahlen öffentlich gemacht.

Haben Sie Informationen zu diesem Thema? Oder zu anderen Vorgängen in Politik und Wirtschaft, von denen die Öffentlichkeit sie erfahren sollte? Wir sind dankbar für jeden Hinweis. Dokumente, Daten oder Fotos können Sie hier in unserem anonymen Briefkasten deponieren.