"Es glaubt einem ja immer keiner", sagt Martin Schulz. "Aber manchmal ist mir das richtig peinlich." Der Präsident des Europaparlaments steht unter der verzierten Kuppeldecke im Roten Rathaus. Gerade hat ihm die Arbeiterwohlfahrt einen Friedenspreis verliehen, es ist ein feierlicher Anlass. Auch Egon Bahr, Franz Müntefering und Gerhard Schröder aus der SPD haben die Auszeichnung schon erhalten. Der Altkanzler hält die Laudatio auf Schulz, Schröder bezeichnet ihn als "großen Europäer". Diese Ehre, diese Aufmerksamkeit: Der EU-Parlamentspräsident wiegt die Preisurkunde etwas verlegen in seiner Hand.

Doch das ist schnell vorbei. Schulz dreht sich zackig, streckt den Preis und sich strahlend den Fotografen entgegen. Es ist eine typische Situation. Der 60-Jährige sagt, er wolle keinen Rummel um seine Person – und genießt ihn doch.

Für Martin Schulz sind es entscheidende Tage. Seine Amtszeit als EU-Parlamentspräsident endet im Januar, seine Wiederwahl ist ungewiss. Gleichzeitig wird er in Berlin als Kanzlerkandidat der SPD für 2017 gehandelt. Weil er Menschen mit seinen Reden begeistern kann und laut einer Umfrage beliebter ist als SPD-Chef Sigmar Gabriel.

"Machtbewusst – das gefällt mir an ihm"

Wobei alle Genossen versichern, dass Gabriel natürlich das Vorgriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur habe. Der SPD-Chef hat sich noch nicht entschieden, ob er zugreifen will. Gabriel weiß, dass er polarisiert. Selbst Bundestagsabgeordnete seines niedersächsischen SPD-Heimatverbandes sprachen sich gegen ihn als Spitzenkandidaten aus, auch viele Parteilinke fremdeln mit ihm. Bei den Jusos und selbst in der Fraktionsspitze würde der ein oder andere ebenfalls lieber mit Schulz Wahlkampf machen. Gabriel hat aber auch Fürsprecher und konsequent an sich gearbeitet in den vergangenen Monaten. Was es nicht einfacher macht: Gabriel und Schulz sind seit Jahren Freunde.

Als Schulz 1994 als junger Sozialdemokrat zum ersten Mal ins Europaparlament gewählt wurde, ging er abends in das leere Straßburger Plenum und setzte sich auf den Stuhl des Parlamentspräsidenten. "Da will ich hin", sagte er zu Begleitern – und so sollte es dann auch kommen.

Schulz, sagte Schröder nun in seiner Laudatio am Freitag, sei "ehrgeizig und machtbewusst" – das gefalle ihm. "Wir Sozialdemokraten machen nämlich manchmal den Anschein, als ob wir die Macht nicht wollten." Der Ehrgeiz ist sicherlich etwas, was beide Genossen verbindet.

"Sausack" und Alkoholiker

Streiten können Schröder und Schulz noch darüber, wer von beiden nun ein echter Proletarier ist. Schröder, der in sozial sehr schwierigen Verhältnissen aufwuchs, findet es nämlich ein bisschen lustig, dass der Europapolitiker Schulz mit seiner Familie "kokettiert". Schulz' Vater war Polizeibeamter, die Mutter Hausfrau. Keine wohlhabenden, eher normale Verhältnisse. Schulz kann diesen Hinweis nicht auf sich sitzen lassen. Er betont: Auch im Hause Schulz habe das Geld nicht immer für Schulbücher gereicht.

Unbestritten ist sowieso, dass der Martin, wie sie ihn in der SPD nennen, mal ganz unten war. Und zwar Ende der siebziger Jahre: Schulz will eigentlich Profifußballer werden, verletzt sich aber am Knie. Er fliegt von der Schule, wo er nach eigenem Bekunden ein "Sausack" war. Einen Abschluss hat er nicht gemacht. Gerade noch so kann Schulz eine Lehre als Buchhändler abschließen. Er trinkt zu viel. Mit 24 Jahren ist er ohne Job und Frau, nur der Alkohol ist ihm nahe. Laut einem Spiegel-Porträt von 2013 trägt er sich damals auch mit Selbstmordgedanken, sein Bruder und ein Bekannter richten ihn wieder auf. Am 26. Juni 1980, so erzählt es Schulz in seiner Biografie, die in diesen Tagen erscheint, habe er beschlossen, ein neues Leben zu beginnen und seitdem keinen Alkohol mehr angerührt.

Die Aufsteigergeschichte

Das mit der Biografie ist auch so eine typische Schulz-Situation. Eigentlich, sagt er, wollte er ja gar nicht, dass das Buch über ihn erscheint. Zudem sei es noch "viel zu nett" geworden. Doch lässt Schulz es sich nicht nehmen, die Biografie persönlich vorzustellen, nach der Verleihung des Friedenspreises. Doch der Termin verläuft nicht gut: Die Autorin redet ausschließlich über Europapolitik, über Russland und die Türkei. Sie stellt Fragen zum Europäischen Rat und die vielen Journalisten, die wegen der Kanzlerkandidatenfrage hier sind, werden unruhig.

Schulz guckt angespannt, fast enttäuscht ruft er den Medienvertretern zu: "Möchte noch jemand was von dem Buch wissen?" Die schwierigen Erfahrungen in seiner Jugend jedenfalls, die hätten ihm später sehr geholfen, erzählt er. Vielleicht könne sein Weg ja auch ein "Ansporn für andere" sein. Hier will einer eine Aufsteigergeschichte erzählen.

Und die gibt es ja auch: Schulz berappelt sich, gründet eine Buchhandlung und eine Familie, er startet seine politische Karriere: Mit 31 Jahren wird er Bürgermeister seiner Heimatstadt Würselen. Dort habe er eine pragmatische Haltung zur Politik entwickelt, erzählte er jüngst im Interview mit ZEIT ONLINE. Von linken Weltverbesserungsphantasien hält er wenig, Schulz ist Pragmatiker. So pragmatisch, dass nicht wenige in der SPD sich fragen, wofür er eigentlich steht. Niemand kennt seine Meinung zur Vermögenssteuer, zur Rente, zu all diesen innenpolitischen Themen, über die die SPD herzhaft streiten kann. Schulz ist auch ein Meister im Ausweichen.