ZEIT ONLINE: Frau Pau, seit zehn Jahren arbeiten Sie mit Norbert Lammert im Präsidium des Bundestags zusammen. Lammert will 2017 nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Hat Sie diese Entscheidung überrascht?

Petra Pau: Tatsächlich war ich sehr überrascht, als ich gestern Abend die Medienberichte gelesen habe. Und ich bedauere seine Entscheidung, denn Norbert Lammert ist ein hervorragender Bundestagspräsident. Insofern freue ich mich auf die kommenden elf Monate mit ihm.

ZEIT ONLINE: Linke und CDU sind sich normalerweise politisch sehr fern.

Pau: Aber Norbert Lammert ist ein wahrer Demokrat, dem es sehr am Herzen liegt, dass alle Abgeordneten, egal welchen politischen Lagers, ihre Rechte wahrnehmen können. Er hat immer darauf geachtet, dass im Präsidium keine parteipolitischen Kämpfe ausgetragen werden, sondern dass wir im Sinne des gesamten Hauses arbeiten. Norbert Lammert ist ein fairer Partner.

ZEIT ONLINE: Tatsächlich sollte das Präsidium des Bundestags auch unabhängig von Parteipolitik agieren.

Pau: Ich erinnere mich noch gut an die Zeit, als Gesine Lötzsch und ich die einzigen Abgeordneten der PDS im Bundestag waren, direkt gewählt und ohne Fraktion. Damals stellte uns die Bundestagsverwaltung zwei Stühle an das äußerste Ende des Plenarsaals, über Tisch und Telefon mussten wir mit der Bundestagsverwaltung streiten, vom Rederecht ganz zu schweigen. Ich behaupte mal, unter einem Präsidenten Norbert Lammert wäre das so nicht passiert. Herr Lammert ist in der Eurokrise auch seine eigene Fraktion hart angegangen, weil die Union eurokritische Abgeordnete nicht zu Wort kommen lassen wollte. Ihm ist es wichtig, das Ringen um Positionen und Mehrheiten transparent zu machen.

ZEIT ONLINE: Bei der Afghanistan-Debatte 2010 hat der Bundestagspräsident Mitglieder der Linkspartei, also Ihre Leute, von der Debatte ausgeschlossen, weil sie mit T-Shirts gegen den Bundeswehreinsatz protestierten. Waren Sie damit einverstanden?

Pau: Ich war an diesem Tag nicht da, aber ich habe meiner Fraktion gesagt: So sind die Regeln und ich hätte ganz genauso reagiert. Wenn ich auf dem Präsidiumsplatz sitze, werde ich zur Schiedsrichterin und meine Entscheidungsgrundlage sind die Parlamentsregeln. Unabhängig davon kann ein solcher Regelverstoß natürlich auch ein politisches Mittel sein, man muss dann aber damit leben, dass er sanktioniert wird.

ZEIT ONLINE: An welchen Moment des Bundestagspräsidenten erinnern Sie sich besonders gern?

Pau: Es gab so viele Situationen in diesen zehn Jahren. Ich schätze ihn für seine wohlabgewogenen Worte zu wichtigen Anlässen, zum Beispiel jüngst bei seiner Rede zu den Einheitsfeiern am 3. Oktober in Dresden.

ZEIT ONLINE: Was hat Ihnen da vor allem gefallen?

Pau: Die offensive Verteidigung der Demokratie, die Worte, die er offensichtlich unter dem unmittelbaren Eindruck der Beschimpfungen und Pöbeleien von Demonstranten gegenüber den eingeladenen Bürgerinnen und Bürgern und Politikern spontan in seine Rede einfügte. Klar in der Sache, aber immer mit Respekt – das zeichnet Norbert Lammert aus.

ZEIT ONLINE: Lammert hat sich in der Flüchtlingskrise für eine Leitkultur-Debatte ausgesprochen.

Pau: Klar, wir sind nicht immer einer Meinung. Wir haben auch eine Debatte, was die direkte Demokratie betrifft. Ich bin der Auffassung, dass es höchste Zeit für mehr direkte Demokratie ist. Das Grundgesetz sieht "Entscheidungen durch Wahlen und Abstimmungen" vor. Unsere Demokratie ist heute sehr gefestigt, daher sollten wir die Möglichkeit eröffnen. Lammert sieht das ganz anders. Es zeichnet ihn aus, dass wir in der Sache kontrovers diskutieren können, uns aber nie persönlich verletzen. Bei Ceta und TTIP weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, welche persönliche Meinung der Präsident hat. Da ist er ganz in seiner Rolle: Mahnt die Beteiligung des Parlaments an und geht notfalls auch in die direkte Auseinandersetzung, wenn eine Entscheidung an den Nationalparlamenten vorbeigemogelt werden soll.

ZEIT ONLINE: "Nicht die Regierung hält sich ein Parlament, sondern das Parlament bestimmt und kontrolliert die Regierung" – dieser Satz von Norbert Lammert wird oft genannt. Doch hatte man den Eindruck, dass das Parlament sich zum Beispiel in der Griechenland-Krise eben doch häufig treiben ließ.

Pau: Zum Schluss entscheiden die Parlamentarier eben selbst, wie ernst sie sich und ihre Regeln nehmen – und nicht das Bundestagspräsidium. Wir können mahnen, aber die Mehrheit entscheidet. Ich finde es zum Beispiel schade, dass die Ideen Norbert Lammerts zu einer lebendigeren Parlamentskultur in seiner eigenen Fraktion und bei den Sozialdemokraten nicht gehört wurden. Die Idee einer direkten Befragung der Bundeskanzlerin durch das Parlament zum Beispiel fände ich sehr charmant. Aber vielleicht wird das noch was in den kommenden elf Monaten.

ZEIT ONLINE: Schon 2005, bei seinem Amtsantritt, sagte Lammert, der Ansehensverlust von Politik beschäftige ihn sehr. Heute ist die Debatte größer denn je.

Pau: Norbert Lammert motiviert und mahnt. Er will, dass wir – Bürger wie Politiker – uns selbst dazu anhalten, unsere demokratischen Gestaltungsmöglichkeiten zu nutzen, sie voll auszuschöpfen. Und eben nicht über unsere vermeintliche Machtlosigkeit klagen. Das ist bequem, falsch und gefährlich.

ZEIT ONLINE: Aktuell wird ein überparteilicher Kandidat für das erste Amt im Staat gesucht – das des Bundespräsidenten. 2013 bekam Lammert bei seiner Wiederwahl im Bundestag auch Stimmen der Linkspartei. Wäre es dieses Mal vielleicht genauso?

Pau: Solche Dinge werden sicher nicht in Interviews verhandelt.