Es war nicht besonders wahrscheinlich, dass Nujeen Mustafa jemals Syrien verlassen würde. Immerhin ist sie auf einen Rollstuhl angewiesen. Aber was heißt das schon? In Nujeens jungem Leben ist einiges passiert, was unwahrscheinlich ist. Ihre Geschichte klingt wie ein Märchen. Aber sie ist keins.

Nujeen ist eine Kurdin, die bald 18 Jahre alt wird. Sie kannte von der Welt lange Zeit nur das, was sie von ihrer Wohnung aus in Aleppo beobachten konnte, in der sie den größten Teil ihrer Kindheit und Jugend verbracht hatte: ihre Familie, die Händler unten auf der Straße und das Fernsehen. Sie hörte sich die Geschichten ihrer Geschwister an. In die Schule zu gehen war wegen ihrer Behinderung nicht möglich. Eine Tetraspastik vermindert die Kontrolle, die sie über ihre Arme und Beine hat. Eine ihrer Schwestern unterrichtete sie in Lesen und Schreiben auf Arabisch. Nujeen war eine gute Schülerin, bald konnte sie die Untertitel amerikanischer Fernseh-Produktionen lesen. Am liebsten schaute sie die Schmonzette Days of Our Lives. Nie durfte sie verpassen, was Bösewicht EJ als nächstes ausheckte. Wenn nicht gerade einmal wieder der Strom ausgefallen war, schaute Nujeen jeden Tag die neue Folge.

Ihre Schwester Nasrine erzählte Nujeen eines Tages von Protesten gegen Präsident Assad, die an der Uni ausgebrochen waren. Wenig später fielen Bomben auf Aleppo und die Familie floh zu Verwandten, entkam dem Krieg dort aber nicht. Days of Our Lives half Nujeen, zumindest ab und zu, die Bomben zu vergessen. Eines Tages bemerkte sie: Eine Figur in der Serie  hatte "anything" gesagt und Nujeen hatte das Wort verstanden, ohne den Untertitel zu lesen. Sie begriff, dass sie sich selbst Englisch beibringen könnte. Sie schaute nun auch Dokumentationen und Quizshows, um noch mehr zu lernen. Einer ihrer Brüder konnte Englisch, mit ihm übte sie weiter.

Der "Islamische Staat " (IS) rückte näher. Die Frauen der Familie verschleierten sich und fuhren mit dem Auto vorbei an den Checkpoints der Islamisten über die Grenze in die Türkei und blieben dort vorerst. Nujeen entdeckte in dieser Zeit das Internet. Sie googelte, wie die Schauspieler aus Days of Our Lives heißen und las, was der IS mit ihrem Land anrichtete. Die Dschihadisten fielen über weitere Städte her. Sie vergewaltigten Frauen und Kinder und verbrannten ihre Gegner bei lebendigem Leibe. Die Amerikaner begannen mit Luftangriffen, zu spät, wie Nujeen fand. Der Familie wurde klar, dass sie so bald nicht würde zurückkehren können. Nujeen war kein Kind mehr, sie verstand, was in Syrien passierte, aber was sollte sie tun? Einmal am Tag flüchtete sie sich in die surreale Welt von Days of Our Lives. Aber dann wurde EJ erschossen und das machte sie noch trauriger.

Sie fürchtete, dass man ihren Rollstuhl von Bord wirft

Gleichzeitig machten sich viele Syrer auf nach Europa. Nujeen verfolgte, wie manche Länder in der EU Flüchtlinge aufnahmen und andere sie ablehnten. Sie informierte sich, wie man in Deutschland wohl ihre Behinderung therapieren würde. Wie lange würden die Grenzen offen bleiben? Wenn sie versuchen wollten, Europa zu erreichen, müssten sie das bald tun, sagten ihre Brüder. Also flohen sie weiter in den Westen der Türkei, wo Schlepper Schlauchboote Richtung Griechenland schickten. Nujeen sah zum ersten Mal das Meer. Um zum Boot zu kommen, musste die Familie über Klippen steigen und durch Wälder schleichen. Nujeen wurde getragen. Die Nacht verbrachten Eltern, Onkel und Tanten, Brüder und Schwestern in einem Olivenhain. Am Morgen vertrauten sie sich einem überfüllten Schlauchboot an.

Ihr Onkel hatte sich auf YouTube angesehen, wie man ein Boot steuert und machte seine Sache gut. Aber die See war rau, andere Boote kenterten. Menschen ertranken. Es wurde kalt und alle waren beinahe zu erschöpft, um sich festzuhalten. Nujeen und der Rollstuhl waren eine Last. Musste der Rollstuhl über Bord, um Gewicht zu sparen? Ihr Onkel lenkte das Boot mitsamt Rollstuhl bis an die Küste der griechischen Insel Lesbos. "Spricht hier irgendjemand Englisch?", rief einer von denen, die die Flüchtinge empfingen. Und Nujeen rief: "Ich!" Von da an half sie anderen dabei, den Weg zu finden.

Während der Rest der Familie zu Fuß und mit Schleppern nach Deutschland reiste, versuchten Nujeen und Nasrine, ein Flugticket zu bekommen. Doch das klappte nicht. Nach nur fünf Tagen bekamen sie per WhatsApp eine Nachricht: Die anderen waren schon in Deutschland angekommen. Dann kann es so schwer nicht sein, dachten sich die Schwestern. Sie machten den Rollstuhl fit und begaben sich auf die Reise über Land. Sie fuhren mit Bus, Bahn und Taxi, einige Strecken musste Nasrine ihre Schwester schieben.