Es dauerte keine zehn Minuten, da hatten die rund 100 Abgeordneten von SPD, Linken und Grünen schon ihren ersten Beschluss gefasst. Es war zu wenig Wein da, es musste Nachschub her. Einige Grünen-Politiker leerten eines der Körbchen mit den Brezeln, gingen durch die Reihen und sammelten Geld für eine neue Runde. Diesen Pragmatismus würden sich viele Politiker der drei Parteien auch in politischen Fragen wünschen, wenn es um mehr geht als um etwas zu trinken. Zum Beispiel um die Koalitionsbildung nach der nächsten Bundestagswahl. Was 2013 trotz linker Mehrheit nicht klappte, soll für 2017 zumindest nicht ausgeschlossen sein.

Darum nun dieses Treffen in einem Sitzungssaal des Bundestags. R2G wird das Format genannt, Rot, Rot und Grün. Geplant war es mit je 30 Abgeordneten aus den Fraktionen, von Grünen und Linken sollte also fast jedes zweite Mitglied des Bundestags kommen. Tatsächlich wurden es noch etwas mehr. Die Organisatoren freuten sich, dass auch stellvertretende Fraktionsvorsitzende und die Fraktionsgeschäftsführer dazustießen. Diese stehen weit weniger in der Öffentlichkeit als Partei- oder Fraktionsvorsitzende, sind aber für die Organisation von Politik enorm wichtig.

Seit Wochen wird über den Abend geredet, die Organisatoren versuchten, die Erwartungen klein zu halten. Frithjof Schmidt von den Grünen sagte, es gehe nicht darum, Beschlüsse zu fassen, sondern nur um einen Austausch. Welches konkrete Ergebnis könnte der Abend auch bringen? Andererseits: Wenn es einen Prozess gibt, der zu einer rot-rot-grünen Koalition 2017 führt, wann sollte er starten, wenn nicht an diesem Abend?

Eine Irritation verursachte dann SPD-Chef Sigmar Gabriel. Zuerst meldete die Süddeutsche Zeitung, dass er sich noch am selben Abend mit Abgeordneten aus dem Umkreis der SPD-"Denkfabrik" treffen wolle, einem Zusammenschluss, der schon lange rot-rot-grüne Möglichkeiten auslotet. Das wurde als Konkurrenzveranstaltung zu der großen Runde gedeutet. Immerhin war es den Denkfabrikleuten so nicht möglich, bis zum Ende in der anderen Veranstaltung zu bleiben. Dann tauchte Gabriel überraschend selbst im Bundestag auf, hörte sich den Impulsvortrag des Philosophen Oskar Negt an und verschwand wieder. Offensichtlich wollte er noch einmal betonen, dass er das Projekt unterstützt.

Jeder muss einige Lieblingsprojekte durchsetzen können

Negt sprach über Rot-Rot-Grün als Gegengewicht zu den "halbfaschistischen" Bewegungen, die sich in Europa breit machten. Er ermutigte die Politiker, sich ihres Verstandes "ohne Anleitung eines anderen" zu bedienen. Aus Krisenszenarien müssten Handlungsfelder werden. Im Saal kam das gut an. Allerdings waren die Fraktionen eben auch nicht vollständig. Die Grünen, die lieber in eine Koalition mit der CDU wollen, die Linken, die lieber Opposition bleiben wollen und die Sozialdemokraten, die eine Koalition mit der Linken lieber ausschlössen, waren eher schwach vertreten. Um eine gemeinsame Regierung realistisch werden zu lassen, müsste sich in allen drei Parteien noch einiges bewegen.

Um eine Koalition zu bilden, muss es auf zwei Ebenen stimmen: Erstens muss es genug inhaltliche Übereinstimmung geben, jeder muss einige seiner Lieblingsprojekte in den Koalitionsvertrag schreiben können. Außerdem muss man sich darauf verlassen können, in Krisensituationen zu einer gemeinsamen Position zu kommen. Und zweitens braucht es Vertrauen, eine oft unterschätzte Kategorie in der Politik. Gesetze entstehen durch Absprachen zwischen Parteien, Parteiflügeln, Landesgruppen und so weiter. Auf diese Absprachen muss man sich verlassen können.