Das ist die eigentliche Geschichte von Chemnitz: Drei Syrer, einst selbst vor dem IS nach Deutschland geflohen, halten den mutmaßlichen syrischen IS-Terroristen Jaber al-Bakr in ihrer Leipziger Wohnung fest, fesseln ihn, übergeben ihn dann der Polizei. Und verhindern so sehr wahrscheinlich eine Katastrophe.

Die medialen Reaktionen in diesem Krimi fielen – wie sollte es anders sein – enthusiastisch aus. "Syrer fassen Syrer": Dutzendfach wurde diese Schlagzeile auf Facebook und Twitter geteilt, ebenso Interviews mit den "Flüchtlingshelden". Die Bild titelte: "Syrien-Flüchtlinge besser als Hunderte Polizisten". Auch syrische Flüchtlinge in Deutschland feiern die Festnahme des Terrorverdächtigen – und ihre Landsleute, die ihn überwältigt haben. Die drei Helden hätten, so die allgemeine Lesart, den Beweis geliefert, dass sich die Geflüchteten bewusst für Deutschland einsetzen. Dafür sind ihnen viele Flüchtlinge dankbar. Und viele Deutsche auch.

Richtig ist: Ohne das Einschreiten der drei Syrer hätte Jaber al-Bakr erneut entkommen und großen Schaden anrichten können. Auch viele andere Syrer waren daran beteiligt, hatten sie doch den Fahndungsaufruf mit Foto und Durchwahl der Polizei auf Facebook und anderen Internetseiten, über die sie sich in Deutschland austauschen, massenhaft verbreitet.

Auf symbolischer Ebene ist die Euphorie über die drei Männer zwar verständlich: Ihr Handeln widerlegt das Mantra der Rechten und Populisten, wonach fast alle Flüchtlinge und Araber und Muslime im Allgemeinen islamistischen Terror ins "Abendland" brächten, mindestens aber mental unterstützten.

Doch ist diese Denkweise nicht so harmlos, wie sie scheint. Den Umstand zu feiern, dass es doch "gute Syrer" gibt, also Flüchtlinge, die in ihrem Selbstverständnis als Bürger Recht von Unrecht unterscheiden können, impliziert: Viele Deutsche halten es immer noch für eine Ausnahme, wenn Menschen aus der arabischen Welt Terrorismus zutiefst ablehnen und sich dagegen zur Wehr setzen. Wenn sie als Muslime die Dschihadisten des IS verurteilen, wenn sie für Frieden und gegen Gewalt im Namen des Islam kämpfen. Auf dieses plakativ herausposaunte "Es gibt 'gute' Syrer, wer hätte das gedacht!" muss man antworten: "Das sind die allermeisten!"

Viele Syrer flohen selbst vor dem IS

Das sollte eigentlich so selbstverständlich sein, dass man es gar nicht erneut benennen möchte. Die meisten der Geflüchteten suchen in Deutschland Zuflucht vor Krieg, Terror und Vertreibung. Denn: Die allermeisten Opfer von islamistischem Terror sind Muslime. Sie flohen vor der Unterdrückung durch die Taliban in Afghanistan, den täglichen Explosionen im Irak, dem Kriegshorror in Syrien. Die Syrer flohen und fliehen vor den Folterkellern und unablässigen Bombenangriffen des Assad-Regimes und dessen Verbündeten sowie den Gewaltorgien islamistischer Milizen – allen voran des IS.

Die allermeisten Syrer, auch in Deutschland, verachten den Terror. Sie sind hier, weil sie schutzbedürftig sind. Sie sind froh und auch dankbar, nun in Sicherheit zu sein, auch wenn sie viel lieber in ihren Häusern in Aleppo, Homs oder Damaskus wären als in einem zugigen Container in Berlin-Tempelhof.

In ihren Netzwerken, Facebook- und WhatsApp-Gruppen, Chats und Twitter-Posts diskutieren sie über Behördengänge, deutsche Grußrituale, den Unterschied zwischen Schwarz- und Graubrot – und nicht über das Bauen von Bomben, die neuesten Rekruten in den syrischen Terrorcamps oder die aktuelle Ausgabe des IS-Propagandamagazins Dabiq. Vielmehr versuchen sie hier, in Hannover, Stuttgart oder Leipzig, trotz des erlebten Horrors in ihrer Heimat und den unsagbaren Strapazen während ihrer Flucht weiterzuleben.

Die wenigsten kehren ihren Frust in Gewalt um

Einfach ist es für sie nicht, eine neue Existenz aufzubauen. Denn die Geflüchteten haben Traumata erlebt, die sich die meisten von uns kaum vorstellen können. Sie wissen, wie verheerend Bombenanschläge sind, wie es ist, in ständiger Angst vor Anschlägen zu leben, wie es sich anfühlt, wenn der Mann vom syrischen Regime gefoltert, der Bruder von Al-Nusra-Kämpfern entführt, die Schwester vom IS verschleppt wurde.

Die allermeisten kehren ihren Frust, ihre Ängste und vielen Verletzungen jedoch nicht in Hass und Gewalt um. Sie versuchen vielmehr auf friedvolle, oft sogar auf kreative und humorvolle Weise, damit umzugehen. In der sehr lebendigen syrischen Künstlerszene in Berlin etwa verarbeiten syrische Dokumentarfilmer, Fotografen und Maler den Verlust ihrer Heimat in Bildern, Fotos, Texten. Sie diskutieren auf Panels, was sie vom Exil aus für ihre Landsfrauen und -männer tun können, organisieren Hilfstransporte nach Aleppo, Konzerte für Kinder, laden ihre deutschen Mitbürger zu Musikfestivals und Kochkursen ein.

Die Geflüchteten können der deutschen Gesellschaft helfen, wenn es um die Frage geht, wie wir dem Terrorismus gemeinsam entgegentreten können. Dafür sollten wir die Vorurteile aus unseren Köpfen verbannen. Und anerkennen, dass die allermeisten Neuankömmlinge ebenso in Frieden und Sicherheit leben wollen, wie wir. Das ist keine Überraschung, sondern selbstverständlich.