Auf dem Sofa die E-Mail vom Chef lesen, abends schnell noch mal zwei Stunden Homeoffice machen – seit Computer, Smartphones und Tablets unseren Alltag bestimmen, ist es möglich, fast immer und überall zu arbeiten. Doch das ist nur ein Aspekt, wie die Digitalisierung unser Leben bereits verändert hat und in Zukunft weiter verändern wird. In vielen Berufen wandeln sich die Anforderungen gleich mehrmals im Leben. Krankenschwestern sollen plötzlich Pflegeroboter bedienen, Mechaniker, die noch mit Schraubenschlüssel ausgebildet wurden, komplizierte Softwaresysteme kontrollieren.

Wie kann, soll und muss die Politik auf diese Herausforderungen antworten? Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) hat dazu nun ein Weißbuch mit dem Titel Arbeiten 4.0 vorgelegt. Es ist das Ergebnis eines umfangreichen Dialogprozesses mit Experten, Tarifpartnern und Bürgern, der bereits 2015 gestartet wurde. Ziel der Vorschläge sei es, technische Innovationen für sozialen Fortschritt zu nutzen, sagte die Arbeitsministerin bei der Vorstellung am Dienstag.

Welche Vorschläge macht Nahles?

Flexibilität:

Dass Arbeitnehmer zeitlich flexibler sein sollen, gehört seit Langem zu den Hauptforderungen von Arbeitgeberverbänden. Nahles will diesen Wünschen entgegenkommen, allerdings vorerst nur in einer zweijährigen Experimentierphase. Während dieses Zeitraums sollen gesetzliche Vorgaben zur Arbeitszeit gelockert werden können – vorausgesetzt die Tarifpartner einigen sich darauf.

Dieses "Wahlarbeitszeitgesetz" soll aber auch den Arbeitnehmern nutzen. Sie sollen auf diese Weise die Gelegenheit bekommen, sowohl Arbeitszeit als auch Arbeitsort besser an ihre jeweiligen Bedürfnisse anzupassen. Allerdings soll es auch Grenzen geben: Die durchschnittliche wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden soll nicht überschritten werden dürfen. Auch müssen bestimmte Ruheregelungen eingehalten werden.

Die Arbeitnehmer sollen außerdem ein Erörterungsrecht bekommen. Das heißt, ihr Chef muss mit ihnen über die Einteilung der Arbeitszeit verhandeln und darf Wünsche wie beispielsweise einen späteren Arbeitsbeginn nur mit guten Gründen ablehnen.

Doch auch der Arbeitsort soll flexibler gewählt werden können. So könnten Arbeitnehmer zum Beispiel mit ihrem Arbeitgeber vereinbaren, dass sie mittags früher nach Hause gehen, um ihre Kinder zu sehen. Abends könnten sie dafür noch mal zwei Stunden Homeoffice dranhängen und im Gegenzug auf Spätschichtzulagen verzichten.

Außerdem wird im Weißbuch vorgeschlagen, den Wechsel zwischen Teil- und Vollzeit zu erleichtern. Wer eine volle Stelle hatte und dann für eine gewisse Zeit seine Arbeitszeit reduziert, soll ein Rückkehrrecht auf die volle Stelle bekommen.

Qualifizierung:

Weil lebenslanges Lernen im Zeitalter der Digitalisierung immer wichtiger wird, soll die Bundesagentur für Arbeit künftig nicht nur wie bisher Erwerbslosen bei der Arbeitssuche helfen, sondern in jeder Geschäftsstelle auch Weiterbildungsberatung für Beschäftigte anbieten.

Ein Erwerbstätigkeitskonto soll sowohl Qualifizierung als auch Flexibilität fördern. Jeder Beschäftigte bekäme ein Startguthaben, mit dem Weiterbildungsphasen oder familiär bedingte Auszeiten finanziert werden könnten.

Selbstständige:

Sie sollen fürs Alter durch eine Pflichtversicherung innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung besser abgesichert werden.

Wer profitiert von den Plänen?

Die Wahlarbeitszeit soll nur für Beschäftigte in tariflich gebundenen Betrieben gelten – das sind in Deutschland laut Gewerkschaft ver.di 60 Prozent aller Beschäftigten. "Alle anderen haben nichts davon", kritisiert die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Grünen, Brigitte Pothmer. Auch Ole Wintermann, Projektleiter bei der Bertelsmann-Stiftung, sieht das als Problem.