"Ich habe gründlich nachgedacht",sagte Angela Merkel am Sonntag, knapp nach 19 Uhr, "und der geeignete Zeitpunkt ist jetzt da". Und auf Nachfrage: "Ich brauche lange, und die Entscheidungen fallen spät". Doch da war längst schon klar: Angela Merkel kandidiert wieder für die deutsche Kanzlerschaft. Wirklich bezweifelt hatte das ja ohnehin niemand. Denn im Grunde hatte sie keine Wahl. 

Bundestagswahl 2017 - Mehrheit befürwortet Merkels Kandidatur Umfragen zufolge wünschen sich 55 Prozent der Deutschen eine weitere Amtszeit von Angela Merkel. Im CDU-Präsidium gab die Kanzlerin bekannt, 2017 erneut anzutreten. © Foto: Michael Kappeler/dpa

Natürlich: Wer mehr als zehn Jahre in diesem aufreibenden Amt ist, der muss sich die Frage nach dem richtigen Zeitpunkt zum Aufhören stellen. Zumal eine Kanzlerin, die lange unumstritten über den politischen Kleinlichkeiten thronte und weiß, diese Zeit kommt nicht wieder zurück. 

Doch mit der Trump-Wahl, inmitten dem Chaos, das uns erfasst hat, mit Putin, Brexit, Krieg, Zerfallserscheinungen überall, mit autoritären Versuchungen an allen Ecken und Enden, aber vor allem mit dem Ausfall der USA als Gravitationszentrum der liberalen Demokratie kommt sie ja unverhofft in eine neue Rolle: "Die letzte Verteidigerin des liberalen Westens", hat sie die New York Times genannt.

Mit einem Mal ist eine deutsche Kanzlerin Leader of the Free World. Da mag die Kanzlerin sich noch so klein machen ("ehrt mich zwar, ist aber grotesk und geradezu absurd"), aber natürlich hätte ein Abwinken sie schlagartig zur Lame Duck gemacht und noch mehr weltpolitisches Chaos ausgelöst.

Aber auch aus innenpolitischen Gründen hatte sie kaum eine Wahl. Gerade weil sie, etwa in der Flüchtlingspolitik, aber ganz generell auch als Vertreterin der modernen weltoffenen Liberalität für eine Politik zu stehen begann, die in ihrer eigenen Partei genauso unter Druck geriet wie durch den rechten Wutpopulismus, hatte sie gar nicht die Möglichkeit zu kneifen – sie muss ihre Politik verteidigen. Sie hat plötzlich noch etwas zu beweisen.

Dabei ist es nicht ohne Paradoxien, dass gerade Merkel die Retterin der westlichen Welt sein soll. Denn die deutsche Kanzlerin ist ja nicht eben unschuldig daran, sondern eine der wichtigsten Verantwortlichen dafür, dass wir in eine Lage gerieten, in der wir die pluralistische Demokratie tatsächlich verteidigen müssen.

Denn die von Deutschland exekutierte Austeritätspolitik in Europa, Deutschlands Politik, die Einkommen der normalen Menschen zu reduzieren, diese Voodoo-Idee, die sich aus dem neoliberalen Mantra der Wettbewerbsfähigkeit ableitet – diese krause Idee, dass man die Einkommen der Bürger und damit die ganzer Volkswirtschaften schrumpfen muss, damit es wieder aufwärts geht –, ist ja eine der Hauptursachen für die Malaise, in der wir heute stecken.  

In Europa hat Deutschlands Austeritätsdiktat und die deutsche Beggar-thy-Neighbor-Politik acht Jahre Stagnation und Depression verursacht. Aber das hat auch Auswirkungen auf die ganze Welt: Der kräftigste Wirtschaftsraum der Welt hat nichts zur Erholung der Weltwirtschaft beigetragen, er ist als globale Konjunkturlokomotive ausgefallen.