Seit die Kanzlerin Wahlkampf betreibt, seit vergangenem Sonntag also, könnte man den Eindruck bekommen, sie taste sich wie mit einer Taschenlampe in die Probleme des eigenen Landes hinein. Die Expeditionsrichtung ist schon mal richtig. Dass Angela Merkel dabei eher am Anfang steht, muss nicht wundern. Die Kanzlerin diente in den vergangenen acht Jahren funktional eher als Ministerpräsidentin von Europa denn als Regierungschefin von Deutschland. Sie hat sich diese Rolle nicht ausgesucht, aber das Signal, das sie jetzt an ihr Volk setzt, ist klar: Ich will euch wieder besser kennenlernen.

Es ist letztlich der Versuch, den gerade so ziemlich jeder im Lande unternimmt, nämlich klare Antworten auf die Frage zu finden: Wo zum Teufel hakt's denn eigentlich? Doch die Analyse ausgerechnet der Kanzlerin erscheint noch merkwürdig erratisch. Die Substanz ihres etwas audienzhaften Auftritts bei Anne Will etwa lautete: Die Globalisierung hat die Menschen verunsichert, die Digitalisierung trägt zu dieser Verunsicherung bei, die Gesellschaft ist polarisiert wie nie und braucht Versöhnung. Und die Essenz ihrer Rede bei der Haushaltsdebatte am Mittwoch im Bundestag: Die gewohnte internationale Ordnung ist instabil, aber Deutschland geht es so gut wie nie. Im Übrigen wurden die Leistungen für die Pflegeversicherung deutlich erhöht.

Man fasst Merkels innenpolitische Gehversuche nicht wirklich unfair zusammen, wenn man sagt: Den Nerv der Zeit trifft sie noch nicht. Aber was ist dieser gereizte Nerv?

Womöglich beruht diese Reizung auf einer Wechselwirkung, die der französische Gesellschaftsforscher Alexis de Tocqueville schon 1835 erkannt hat, nämlich dass der Abbau von Ungleichheiten zugleich die Sensibilität gegenüber weiterhin bestehenden Ungleichheiten erhöht. Wenn gleichzeitig der Eindruck entsteht, Politik kümmere sich leidenschaftlicher um Minderheitenrechte als um die Sorgen der Mehrheit – könnte diese Reizung eventuell zu Wut führen?

Was Deutschland bei allem guten und schönen Fortschritt in der Geschlechtergerechtigkeit oder der Willkommenskultur deshalb braucht, ist eine stärkere Hinwendung auf das Wir, auf das, was es laut Margaret Thatcher angeblich nicht gibt: die Gesellschaft.

Ein nützlicher Anfang wäre ein Kassensturz über die Wunden, die die Ära des Neoliberalismus in den vergangenen 15 Jahren in Deutschland geschlagen hat. Das N-Wort ist oft peinlich platt verwendet worden, als populistische Kampfansage an soziale Marktwirtschaft und Kapitalismus schlechtlich (denn nein, es ist nicht "neoliberal", wenn die Stadtwerke Geld für Strom verlangen). Aber nur weil vor allem Linke in dieser Hinsicht paranoid sind, heißt das nicht, dass die neoliberale Geisteshaltung der nuller Jahre nicht tatsächlich Unwuchtungen geschaffen hätte.

Sicher, die Arbeitslosigkeit ist in Deutschland beträchtlich zurückgegangen, sie hat sich in den vergangenen zehn Jahren von 4,8 Millionen auf 2,5 Millionen fast halbiert. Aber hat das vielleicht vor allem damit zu tun, dass genau in diesem letzten Jahrzehnt die geburtenschwachen Jahrgänge auf dem Arbeitsmarkt aufschlugen? Und wie hoch war der Preis für jene, deren Arbeitslosigkeit in prekäre, schlecht bezahlte Jobs verwandelt wurde?

Wenn die Agenda 2010 ein Weckruf für eine leicht eingedämmerte Republik war, dann schrillt der Wecker jetzt seit 13 Jahren.

Wo sind in der Zwischenzeit eigentlich andere Korrekturen geblieben? Es mag ja sein, dass viele Arbeitslose einen Ruck brauchten, um sich angesichts eines einstmals zu großzügigen Arbeitslosengeldes in die Erwerbswelt zu stürzen. Aber allein diese Mobilisierung hat die Erwerbswelt eben nicht gerecht gemacht. Was dieses Land seit 2003 versäumt, ist, berechtigte Zumutungen auch an die Vermögenden zu formulieren.

Warum zum Beispiel zahlt jemand, der Aktien hält, darauf nur 25 Prozent Kapitalertragsteuer, genießt ein Hausvermieter Zins-Abschreibungsmöglichen, während Arbeitslöhne mit bis zu 45 Prozent versteuert werden? Was bedeutet die Veränderung von sozialen Strukturen, die Zunahme von Single-Haushalten und Alleinerziehenden, für die Kaufkraft, die diesen Menschen reell verbleibt? Deutschland ist im internationalen Vergleich zwar immer noch ein Land, in dem das Vermögen relativ ausgeglichen verteilt ist, aber das ist ein schwacher Trost, denn die Spreizung ist weltweit gewachsen, eben auch hierzulande. Die Mittelschicht hat sich in den vergangenen Jahren in Deutschland sowohl nach oben wie nach unten ausgewölbt. Dieser Effekt wird dadurch verstärkt, dass die Nullzins-Politik infolge der Eurokrise jene am härtesten trifft, die keine Immobilien oder Aktien besitzen. Die Armen werden vielleicht nicht ärmer, aber sie werden ängstlicher. Und zwar zu Recht.

Die Bundeskanzlerin schlägt nun vor, gegen diese Angst anzuarbeiten, unter anderem dadurch, den Kauf eines Eigenheims zu erleichtern. Das ist eine gute Idee, und sie kommt reichlich spät. In anderen Ländern gibt es deutlich mehr Eigenheimbesitzer als in Deutschland, und zwar unter anderem deshalb, weil dort die Kreditzinsen für die eigenen vier Wände von der Steuer abgezogen werden können. Was spricht dagegen, es hier genauso zu machen?

Psychologen sprechen davon, dass sich Ängste schnell "generalisieren", sprich: Ökonomische Abstiegsangst bleibt selten allein, sie paart sich oft mit Xenophobie, Elitenhass oder Systemverachtung. Und anders als vor 15 Jahren sind heute Twitter und Facebook kraftvolle Motoren dieser Generalisierung.

Auch das sieht Frau Merkel. Was dagegen hilft? Mal wieder ein bisschen mehr entschlossenes innenpolitisches Regieren. Willkommen im Neuland Deutschland.