CDU-Kanzlerkandidatur - "Diese Wahl wird schwierig" Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet im nächsten Wahlkampf Anfechtungen von rechts und links. Ein Ausschnitt aus ihrer Pressekonferenz © Foto: Markus Schreiber/AP Photo/dpa

Monatelang hatte Angela Merkel es spannend gemacht. Auf die Frage, ob sie für eine vierte Kanzlerkandidatur bereitstehe, hatte sie immer nur eine Antwort parat: Sie werde sich dazu zum "gegebenen Zeitpunkt" äußern. Bei einer Vorstandsklausur an diesem Sonntag schuf sie nun endlich Klarheit: Sie werde sowohl als Parteivorsitzende als auch als Kanzlerkandidatin erneut zu Verfügung stehen, kündigte sie bereits kurz nach Beginn der Präsidiumssitzung an.

Am Abend tritt Merkel dann vor die Presse und bekräftigt ihren Beschluss. "Ich brauche lange, und die Entscheidungen fallen spät – dann stehe ich aber auch dazu", sagt sie fast ein wenig selbstironisch. "Unendlich viel" habe sie darüber nachgedacht, sagt Merkel. Nach elf Jahren als Kanzlerin sei diese Entscheidung alles andere als trivial, weder für das Land noch für die Partei, noch für sich selbst. Und um weitere Spekulationen gleich zu beseitigen, stellt Merkel klar: Wenn sie schon antrete, dann für die gesamten vier Jahre der kommenden Legislaturperiode.

In der Partei hatten zwar ohnehin kaum Zweifel bestanden, dass Merkel für eine erneute Kanzlerkandidatur bereit sei. Doch ihre hartnäckige Weigerung, sich zu äußern, hatte gleichwohl dafür gesorgt, dass man sich auch nie ganz sicher sein konnte.  

Was, wenn die 62-jährige Merkel doch einfach genug von diesem Knochenjob hätte? Oder wenn sie angesichts ihrer gesunkenen Popularität nicht das Risiko eingehen wollte, nach drei Legislaturperioden von einer rot-rot-grünen Regierung aus dem Amt gedrängt zu werden? Schließlich hatte Merkel immer einen selbstbestimmten Abschied aus der Politik angestrebt. Oder wenn sie gar den Eindruck gewonnen hätte, ihrer Partei angesichts ihrer im Zuge der Flüchtlingskrise gesunkenen Popularität mit einer erneuten Kandidatur mehr zu schaden als zu nutzen?

Vor diesem Hintergrund schien es zumindest nicht ganz ausgeschlossen, dass Merkel am Ende doch noch mit einer Überraschung aufwarten würde. Entsprechend groß muss am Sonntagmittag die Erleichterung in Präsidium und Vorstand gewesen sein. Merkels Ankündigung sei mit ausdauerndem Klopfen auf die Tische und tosendem Beifall beantwortet worden, hieß es. Kritische Stimmen habe es nicht gegeben, verlautete aus Teilnehmerkreisen.

Keine Alternative erkennbar

Hätte Merkel sich anders entschieden, hätte sie die Partei in eine schwere Führungskrise gestürzt. Denn trotz allen Unmuts in der Union ob ihrer Flüchtlingspolitik, trotz der Verunsicherung, die die Etablierung der AfD als neuer Partei am rechten Rand und Merkels Modernisierungskurs für die CDU bedeutet: Eine echte Alternative zu Merkel war in der Union eben auch nie zu erkennen, sonst hätte sie das vergangene Jahr, in dem ihre eigenen Umfragewerte und die der Partei dramatisch einbrachen und eine Landtagswahl nach der anderen verloren ging, politisch kaum überstanden.  

Die Namen, die immer mal ins Gespräch gebracht wurden – der von Finanzminister Wolfgang Schäuble etwa, der von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen oder der von Bundesinnenminister Thomas de Maizière – waren alle mit Mängeln behaftet, die von zu alt über zu unbeliebt bis zu ungeschickt reichten.

Entscheidend dürfte allerdings sein: Keiner von ihnen hätte in vergleichbarem Maße das mitgebracht, was in dem kommenden Wahlkampf Merkels wesentlicher Vorteil vor jedem Herausforderer werden dürfte – ihr internationales Gewicht und Renommee. Ein auseinanderstrebendes, auseinanderbrechendes Europa, das sich künftig mit einem US-Präsidenten Donald Trump auseinandersetzen muss  – und das ohne seine dienstälteste Regierungschefin? Diese Vorstellung ist nicht nur dem grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann ein Graus, sie diszipliniert auch die Union und dürfte nicht wenige Bürger bei ihrer Wahlentscheidung beeinflussen.

Auch Merkels Kritiker sind für Merkel

So kommt es, dass nicht nur Merkels treue Gefolgsleute jetzt ihre erneute Kandidatur bejubeln, sondern auch die, die zumindest gelegentlich gegen Merkels Mitte-Kurs und Flüchtlingspolitik aufbegehrten. Der Vorsitzende der Jungen Union, Paul Ziemiack etwa, der Merkel noch beim letzten Parteitag eine Obergrenze abtrotzen wollte, hat ihre erneute Kandidatur selbst nie infrage gestellt, er hatte sich lediglich gewünscht, dass sie sich schnell erklären möge. Auch der junge Parteivorsitzende aus Thüringen, Mike Mohring, der sich immer mal wieder als Konservativer zu profilieren sucht, sagte ZEIT ONLINE am Sonntag, dies sei eine gute Entscheidung, die CDU müsse sich inhaltlich und personell klar aufstellen.

Die CSU wiederum, die Merkel vor wenigen Monaten noch eine "Herrschaft des Unrechts" vorwarf, mit Verfassungsklage drohte und befand, die Menschen hätten nun endgültig genug von dieser Berliner Politik – sie tat zwar eine Zeit lang so, als sei es eine offene Frage, ob sie Merkel noch unterstützen wolle. Doch eine Alternative zu Merkel hat auch sie nie ernsthaft ins Spiel gebracht. Vielmehr bemühte sich ihr Chef Horst Seehofer seit Juni um eine Wiederannäherung, die letztlich immer das Ziel hatte, Merkel auch für seine eigene Klientel wieder wähl- und unterstützbar zu machen.