Über Lügen im Netz und das sogenannte postfaktische Zeitalter wird seit dem Wahlsieg Donald Trumps viel geredet. Dabei gibt es dieses Phänomen auch in Deutschland schon länger. Vor allem seit dem Sommer 2015 wird mit Gerüchten über Geflüchtete massiv Stimmung gemacht. Öffentlich problematisiert wird es aber erst dann, wenn es – wie in den USA – Wahlergebnisse beeinflusst.

Viele der Falschmeldungen verbreiten sich im Internet über die Seiten sogenannter Bürgerwehren und "Nein zum Heim"-Initiativen. Berichtet wird dort von Flüchtlingen, die angeblich Schwäne essen oder das Mobiliar ihrer Unterkunft verkaufen. Die Gruppen erstellen Memes, fälschen Screenshots und sind untereinander bestens vernetzt. Sie nutzen und schaffen Reizwörter wie "Bahnhofsklatscher, "Teddybärwerfer" und "Asylforderer". Ihre Propaganda passt zur Logik sozialer Netzwerke.

Auf hoaxmap.org haben wir seit Februar 2016 über 400 solcher Gerüchte gesammelt und ebenso viele Zeitungsartikel verlinkt, in denen diese Gerüchte widerlegt werden. Wir nehmen nur solche Meldungen auf, die wir mit Informationen der Polizei oder anderen vertrauenswürdigen Institutionen widerlegen können. 

Lügen und falsche Anzeigen

Gerüchteverbreiter bedienen sich unterschiedlichster Techniken. Einige nutzen persönliche Erzählungen, die ihnen angeblich von Freunden oder Bekannten zugetragen wurden. Eine andere Technik ist, einen erfundenen Tatbestand bei der Polizei anzuzeigen, den diese dann per Pressemitteilung verbreitet. Andere nutzen Bilder in falschen Zusammenhängen. So wurden Meldungen zu den Attentätern von Brüssel mit einem Selfie bebildert, das ein syrischer Geflüchteter von sich und der Bundeskanzlerin gemacht hatte. Der junge Mann hatte mit den Anschlägen nichts zu tun. Auch bewusste Fälschungen finden immer wieder den Weg ins Netz. Darunter angebliche Aushänge von Hausverwaltungen oder Briefe von Ämtern, die Mieter bitten, in ihren Wohnungen Platz für Geflüchtete freizugeben. Die Zeit, in der von einer angeblichen Umbenennung der Weihnachtsmärkte aus Rücksicht auf Muslime die Rede sein wird, steht unmittelbar vor der Tür.

Facebook spielt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle: Dort verbreitet sich ein Großteil der Gerüchte rapide. Das Netzwerk bevorzugt nicht explizit populistische Inhalte, aber es begünstigt sie indirekt: Kontroverse Posts erzeugen mehr Reaktionen und erreichen dadurch auch mehr Menschen. Dabei spielt der Wahrheitsgehalt einer Meldung keine Rolle.

Gegendarstellungen erreichen selten ähnlich viele Menschen wie die gefälschte Nachricht. In den USA verbreitete sich die Meldung, der Papst würde Trump unterstützen, über 880.000 Mal. Eine Richtigstellung von snopes.com, seit Jahren eine Instanz im Bereich des Fact-Checkings, wurde dagegen nur 33.000 Mal geteilt.

Viele derer, die Gerüchte verbreiten, dürften zu den "Glaubenskriegern" unter den Hasskommentatoren gehören, wie die österreichische Autorin Ingrid Brodnig sie nennt: Sie sind unbeirrbar, fühlen sich unmittelbar bedroht und sind für Argumente kaum zu erreichen. Sie glauben und verbreiten, was in ihr Weltbild passt.

Dieser Verzerrung in der Wahrnehmung erliegen nicht nur Rechte. In Berlin verbreitete sich im vergangenen Jahr das Gerücht, am Lageso wäre ein Geflüchteter an den gesundheitlichen Folgen des Wartens in der Kälte gestorben. Die Meldung ging auf die Lüge eines Flüchtlingshelfers zurück.

Auch Politiker arbeiten mit falschen Fakten

Allerdings sind Falschmeldungen über Asylsuchende, die angeblich Diebstähle begehen, sexualisierte Gewalt ausüben oder massive Geld- und Sachleistungen erhalten, deutlich häufiger zu finden und verbreiten sich in deutlich höherer Frequenz.

Und Gerüchte vergiften nicht nur die Stimmung im Netz. Als im Januar eine 13-jährige Russlanddeutsche aus Berlin angab, von drei "Südländern" entführt und vergewaltigt worden zu sein, folgten Demonstrationen und diplomatische Verwerfungen mit Russland. Das Mädchen hatte die Vergewaltigung erfunden.

Erst kürzlich verbreitete Legida, der Leipziger Pegida-Ableger, dass der Vorsitzende der sächsischen Grünen, Jürgen Kasek, der Strippenzieher hinter einem Angriff auf einen ihrer Ordner sei. Infolgedessen wurden nicht nur Privatadressen der Angehörigen Kaseks verbreitet, auch abseits des Internets baute man mittels Drohanrufen und "Besuchen" seines Büros eine Drohkulisse auf. Mittlerweile hat Legida zugesagt, die falschen Anschuldigungen zu unterlassen.

Unter den Parteien arbeitet vor allem die AfD mit mal mehr, mal weniger offensichtlichen Lügen. So behauptete Frauke Petry in der Vergangenheit, die TU Dresden untersage ihren Mitarbeitern unter Androhung von Sanktionen, an Pegida-Demonstrationen teilzunehmen. Die TU Dresden wehrte sich, Petry musste eine Unterlassungserklärung unterschreiben. Die AfD-Fraktion im sächsischen Landtag fragte jüngst nach der vermeintlichen Vertuschung einer Vergewaltigung durch einen Geflüchteten im Maxim-Gorki-Park. Die Antwort der Landesregierung fiel knapp aus: In Sachsen sei kein Maxim-Gorki-Park bekannt.

Auch in der Bundesregierung wird mit ungenauen Meldungen gearbeitet. Innenminister de Maizière verbreitete in der Vergangenheit die Behauptung, etwa 30 Prozent der in Deutschland ankommenden Syrer seien in Wahrheit Staatsbürger anderer Nationen. Über Monate wurde diese Zahl in den Kommentarspalten genutzt, um Misstrauen gegenüber Asylsuchenden zu schüren. Belegen konnte de Maizière die Zahl nicht.