Frank-Walter Steinmeier hat einmal eine große Rede gehalten. Es war an einem Montag im Frühjahr 2014, der Kontinent stritt um die ungelöste Staatsschuldenkrise und den Umgang mit Griechenland und musste mit ansehen, wie Russland Teile der Ukraine besetzte. Deutschland beteiligte sich an Sanktionen. Dagegen formierten sich sogenannte Montagsdemonstrationen, deren Teilnehmer Steinmeier nun auf dem Alexanderplatz in Berlin niederpfeifen wollten. Sie schrien: "Kriegstreiber, Kriegstreiber!"

Steinmeier war an diesem Tag etwas heiser, aber er hob die Stimme und rief mit rotem Kopf: "Europa, das ist die Lehre von Zeiten, in denen sich Menschen nicht zugehört haben. In denen man aufeinander geschossen hat. Ich fordere euch auf: Hört zu!" Sein Manuskript schaute er nicht an.

Steinmeier, der trockene Diplomat, fühlte sich herausgefordert. "Seit vier Jahren kämpfen wir gegen eine ökonomische Krise, gegen die größte Krise, die wir je hatten. Und es waren Leute wie diese, die immer die einfachen Antworten hatten", krächzte der SPD-Politiker und deutete nach links, wo die Pfiffe herkamen. "Hätten wir auf Leute wie die da hinten gehört, wäre Europa heute kaputt." Die SPD-Anhänger übertönten mit Applaus die Pfiffe. Steinmeier merkte das, lächelte, hörte sich die "Kriegstreiber"-Rufe an und legte nach: "Ihr solltet euch fragen, wer hier die Kriegstreiber sind!", rief er. "Wer ein ganzes Volk als Faschisten bezeichnet, der treibt den Krieg!" Wenn man heute Sozialdemokraten nach Steinmeiers Redekünsten fragt, dann wird dieser Moment genannt.

Bundespräsident - Union will Steinmeier unterstützen CDU und CSU wollen Frank-Walter Steinmeier als Bundespräsidenten wählen. Mit den Stimmen von Union und SPD gilt seine Wahl als so gut wie gesichert. © Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Eine der wichtigsten Aufgaben des Bundespräsidenten ist es, erbauliche Reden zu halten. Außer seiner Rhetorik hat das deutsche Staatsoberhaupt kaum Ressourcen. Joachim Gauck kann mit dieser Ressource umgehen, er formuliert berührende, wichtige, pathetische Sätze.

Steinmeier traut sich das nur selten. Die Rede auf dem Alexanderplatz ist eine Ausnahme. Meistens spricht er laut, aber monoton, er ist nicht spontan, sondern klebt an seinem vorbereiteten Text. Selbst im Bundestagswahlkampf 2009, den er als Spitzenkandidat der SPD bestritt, erhielt er nicht mal von den Genossen frenetischen Applaus, eher langweilte er sie mit Schachtelsätzen und Diplomatenslang. Im Kontakt mit Menschen, die nicht Politiker oder Intellektuelle sind, wirkt er unbeholfen, vergleichbar mit Horst Köhler, der bis 2010 das Amt innehatte: Beim Händeschütteln, bei Betriebsbesichtigungen oder auf Volksfesten ist er zwar geduldig und gut vorbereitet, wirkt aber gleichzeitig versteinert, unbeholfen, etwas schüchtern.

Establishment im positiven Sinne

Steinmeiers Stärken liegen anderswo: Er wirkt stets klug, uneitel und freundlich. Gemäßigt, seriös. Er gebe Menschen "das Gefühl, dass eine Politik, die sie nicht verstehen, bei ihm in guten Händen ist", schrieb ZEIT-Autor Bernd Ulrich 2006, als die Welt – zumindest aus heutiger Sicht – noch halbwegs in Ordnung war.

Und Steinmeier ist überaus erfahren. Außer Wolfgang Schäuble und Angela Merkel (beide CDU) gibt es keinen aktiven Politiker in Deutschland, der auf eine solch lange Regierungszeit zurückblickt. Der Jurist Steinmeier startete als Beamter in die Politik. Er war Referent der niedersächsischen Landesregierung unter Gerhard Schröder und zog mit diesem 1998 als Kanzleramtschef nach Berlin. 2005 rückte er auf, wurde Außenminister in der großen Koalition. Die Rolle als Chefdiplomat passte zu ihm, schnell führte der Mann mit der damals noch unauffällig-randlosen Brille die Ranglisten der beliebtesten deutschen Politiker an.

Als Kanzlerkandidat bescherte er der SPD 2009 dennoch das schlechteste Ergebnis, das die Partei je bei einer Bundestagswahl hinnehmen musste. Doch er hielt sich in der ersten Reihe, wurde Fraktionschef in der Opposition und nach der Wahl 2013 wieder Außenminister. Beliebt ist er noch immer. In einer aktuellen Umfrage nannten 25 Prozent Steinmeier als ihren Favoriten für das Amt des Bundespräsidenten, deutlich mehr als jeden anderen Kandidaten. Nur zwei Prozent sprachen sich für Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann aus, bei dem Angela Merkel angeblich ebenfalls vorgefühlt hatte.

Seine Beliebtheit ist ein Plus, die Kunst des schönen Redens sei derzeit auch für einen Bundespräsidenten nicht das "oberste Kriterium", heißt es aus der SPD – Steinmeier zeichne aus, dass er die Institutionen und die Demokratie verstehe wie kein anderer. Natürlich sei Steinmeier "Establishment", aber im positiven Sinne. Darauf verweist auch SPD-Parteichef Sigmar Gabriel: "Wir brauchen einen Präsidenten, der die Sprachlosigkeit überwinden kann und möglichst große Teile der Bevölkerung repräsentiert."