In der Integrationsdebatte kommt Deutschland nicht zur Ruhe. Nachdem wir vor einigen Wochen über Burka- und Burkiniverbote hochemotional diskutiert haben, erregt das Thema Kinderehe unter Muslimen die Gemüter. 

Wie bei den meisten Themen über Integration markiert auch diese Debatte die Trennlinie zwischen Muslimen und Mehrheitsgesellschaft: nämlich, so eine verbreitete Sichtweise, dass der Islam oder die Muslime nicht integrationsfähig sind, weil sie die Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft ablehnen oder die Werte und Normen der Muslime mit denen der Mehrheitsgesellschaft nicht kompatibel sind.

Mit gutem Grund verbietet die Rechtslage in Deutschland die Heirat von Jugendlichen unter 16 Jahren. Bei 16- bis 18-Jährigen ist die Ausnahmeregelung zulässig, wenn einer der Partner volljährig ist, die Eltern des minderjährigen Jugendlichen und das Familiengericht einer Eheschließung zustimmen. Ich bin aber grundsätzlich der Meinung, dass eine Heirat nur mit Vollendung des 18. Lebensjahrs ermöglicht werden soll. Dadurch wird jedem Erwachsenen selbst überlassen, über eine zentrale Lebensphase selbständig und mündig – zumindest rechtlich – zu entscheiden.

So weit ist alles unkompliziert. Wie soll aber der Gesetzgeber mit solchen Fällen umgehen, bei denen eine Eheschließung im Ausland bereits bestanden hat? Es ist populär und unkompliziert zu fordern, dass diese Ehen in Deutschland nicht anerkannt werden dürfen, weil sie frauenfeindlich – denn von Kinderehen sind meistens Mädchen betroffen – sind oder das Recht auf Selbstbestimmung verletzen. Vor allem sind Mädchen die Leittragenden, weil sie sexuell ausgebeutet werden.

Diese Argumente sind richtig und wichtig. Aber vor allem zum Wohl der Mädchen müssen wir wagen, einen Blick über den Tellerrand zu werfen.

Die Logik der Eheschließung

Die Institution der Ehe und damit einhergehend die der Familie haben in der muslimischen Gesellschaft einen hohen Stellenwert. Auf dem Land der Herkunftsländer, wie Afghanistan, Syrien, Irak oder Osttürkei, in denen solche Ehen auch im Kindesalter praktiziert werden, findet die Eheschließung in der Regel durch ein elterliches Arrangement statt. Denn die Heirat wird im bäuerlich geprägten Milieu als Bündnis zwischen zwei Familien verstanden und ist nicht nur eine Verbindung zwischen zwei Personen.

Kinderehe - Heiraten erst ab 18 Das Verbot von Kinderehen wurde im Kabinett verabschiedet. Ein Überblick darüber, wie viele Personen betroffen sind und was sich für sie ändert © Foto: Mohammed Sawaf / Getty Images

Demzufolge sind zwei Punkte von großer Bedeutung: Erstens, mit der Heirat sind auch wirtschaftliche Transaktionen verbunden. Zweitens, eine Heirat unter Verwandten wird gefördert.

Die Logik der Eheschließung sieht demnach folgendermaßen aus: (1.) konsensuelle oder arrangierte Ehe, (2.) die Geburt der Kinder, und dann stellt sich auch (3.) Liebe zwischen den Ehepartnern und – durch die Kinder – (4.) ökonomische Sicherheit ein. Die Heirat unter Verwandten wird in diesen Milieus auch deshalb gefördert, weil die Frau als wertvolle Arbeitskraft den Haushalt der Verwandten und nicht eine fremde Familie stärken soll. Ein weiteres Motiv ist, dass durch eine Heirat innerhalb der Verwandtschaft die familiären Beziehungen gefestigt werden sollen.

Die frühere Heirat und Gründung einer Familie ist gesellschaftlich anerkannt und legitimiert die Kinder in der öffentlichen Wahrnehmung zu mehr Selbstständigkeit, da das Heiraten den Schritt in das Erwachsenenalter dokumentiert. Auch die religiösen Einstellungen der jeweiligen Familien spielen bei der Eheschließung eine entscheidende Rolle. Denn wenn die religiös-weltanschaulichen Richtungen nicht kompatibel sind, werden die sozialen Kontakte zwischen den beiden Familien nicht optimal verlaufen.

In erster Linie sind Mädchen betroffen

Eine (sexuelle) Beziehung vor der Ehe ist nahezu ausgeschlossen, weil dadurch die Ehre der Frau beschmutzt wird; eine Frau, die ihre Jungfräulichkeit nicht bewahrt, hat fast keine Chance, auf dem Heiratsmarkt fündig zu werden. Das erklärt auch, warum in der ländlich-traditionellen Bevölkerung häufig in sehr jungen Jahren geheiratet wird.

Ein weiterer Grund liegt darin, dass viele gar nicht oder nur bis zum zehnten, zwölften Lebensjahr die Schule besuchen. Und bei den jungen Mädchen spielt bei der frühen Verheiratung möglicherweise eine Rolle, dass die Eltern die Verantwortung für die Tochter an den Schwiegersohn abgeben wollen.

Der Bundesjustizminister handelt genau richtig

Aus der Logik der Eheschließung und dem Wert der Ehre wird deutlich, dass vom Phänomen der Kinderehen in erster Linie die Mädchen betroffen sind. Eine pauschale Aberkennung solcher Ehen ist aus unserer mitteleuropäischen Sicht zwar konsequent und trifft die Meinung des Mainstream. Aber der Schutz der Frauen wird damit außer Kraft gesetzt.

Das heißt, die Ehe, die das Mädchen in ihrem eigenen Herkunftsland geschlossen hat, fand unter anderen sozialen und rechtlichen Bedingungen statt. Deshalb müssen diese Ehen im Einzelfall gründlich geprüft werden. Und das nicht, um den Frauen zu schaden, sondern um sie zu schützen. Und wenn der Bundesjustizminister Heiko Maas mit seinem Gesetzesvorhaben in diese Richtung lenkt, dann handelt er genau richtig.

Anm. d. Red.: Der Titel dieses Artikels stammt nicht von unserem Autoren Ahmet Toprak. Er wurde - wie alle Titel über den Artikeln von ZEIT ONLINE - von der Redaktion gewählt. Inhaltlich ist er nicht falsch, da es in dem Text um die Beweggründe geht, die zu dem Konstrukt der Eheschließungen von Minderjährigen geführt hatten und haben. Aber er erweckt offenbar bei einigen Lesern den Eindruck, dass Herr Toprak ein Anhänger von Kinderehen sei, was natürlich nicht der Fall ist.