Dass Martin Schulz in die Bundespolitik wechselt, ist ein Glücksfall für die SPD. Im Wahlkampf 2017 werden die Genossen den überzeugten Europäer gut gebrauchen können. Er ist ein brillanter Rhetoriker, begeistert regelmäßig auf Parteitagen. Er kann Talkshows unterhalten und hat eine sozialdemokratische Aufsteigergeschichte zu erzählen. 

Schulz sollte Außenminister werden. Der Job passt zu ihm: Er kennt sich aus auf dem internationalen Parkett, weiß, wie man dort verhandelt, wann man laut sein muss und wann leise. Für die Kanzlerin würde er angesichts der internationalen Lage in den kommenden Monaten der wichtigste Minister werden. Er könnte der SPD neue Bedeutung verleihen und hätte das Talent, die Herausforderungen daheim gut zu erklären.

 Aber er sollte nicht den Fehler machen, auch die Kanzlerkandidatur anzustreben.

Auch Peer Steinbrück galt 2013 als Hoffnungsträger der SPD im Vergleich zum unbeliebten Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel. Auch Steinbrück war in der schwierigen SPD, die gerne klagt, streitet und mit sich nicht einverstanden ist, nicht verankert, seine Kanzlerkandidatur nicht vorbereitet. Schnell machte ihm seine schnoddrige Art Probleme, er verstörte die Genossen. Und er scheiterte an den Erwartungen an ihn, die vielleicht von Anfang an überzogen waren.

Gabriel hat eine Chance verdient

Die Parallelen zwischen Schulz und Steinbrück sind erschreckend ähnlich. Martin Schulz kommt gut an bei vielen Deutschen. Wo er aber innenpolitisch steht, wissen sie nicht von einem Mann, der 30 Jahre lang EU-Politik machte. In dieser Hinsicht seien seine Interviews reichlich unkonkret, lästern Parteifreunde. In der SPD gilt er als Konservativer und Realpolitiker, kein Freund der Linken. Für eine rot-rot-grüne Annäherung steht er sicher nicht. Die isolationistische Sahra Wagenknecht dürfte ihn, den Europäer, sogar noch mehr nerven als Gabriel. Und Schulz ist auch keiner, der seine Worte immer sorgfältig abwägt. Er kann ein Rabauke sein – Risiken und Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen.

SPD-Politiker - Martin Schulz verlässt Brüssel in Richtung Bundespolitik EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) wird Ende des Jahres sein europäisches Amt beenden. Dann will er in die deutsche Bundespolitik wechseln. Zu einer Kandidatur als Außenminister oder gar Kanzlerkandidat äußerte er sich nicht. © Foto: Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Mit einer Doppelfunktion als durch die Welt reisender Minister und Kanzlerkandidat würde sich Schulz schnell übernehmen. Die 23-Prozent-SPD hat 2017 wenig zu gewinnen, Schulz aber viel zu verlieren. Sollte er den Wahlkampf führen und versagen, würde das wohl das Aus für seine Karriere bedeuten. Bleibt er vorerst in der zweiten Reihe, kann er sich dagegen mehr Optionen für die Zukunft erhalten.

Doch auch aus Sicht der SPD und der Wähler insgesamt spricht einiges dafür, Gabriel eine Chance zu geben. Anders als Schulz kennt er seine Schwachpunkte, was ihm mit Blick auf die Wahlkampfplanung zum Vorteil gereichen kann. Ja, Gabriel gilt als sprunghaft und unbeliebt, aber die Menschen bewundern seinen Charakter auch. Langweilig wird es mit ihm nicht.

Gabriel ist ein guter Wahlkämpfer. Sein Instinkt für politische Stimmungen ist unbestritten. Keiner kann sich so gut auf Menschen einlassen, mit ihnen kumpeln, sich ihnen zuwenden wie er. Gabriel, der aus schwierigen Verhältnissen kommt, nimmt seine Partei und die "kleinen Leute" ernst, das spielt er nicht nur. Und er beherrscht die Spielregeln des politischen Geschäfts. Das hat er bewiesen, als er seine Partei in eine große Koalition führte, die sozialdemokratischer ist als viele dachten, oder als er SPD-Außenminister Frank-Walter Steinmeier als künftigen Bundespräsidenten durchsetzte.

Nach vorne schauen

Die SPD sollte daher ein Tandem für 2017 aufstellen: Gabriel als Kanzlerkandidat, Schulz als Außenminister. Beide könnten ihre Stärken bündeln. Schulz stünde für frischen Wind, er könnte diejenigen Genossen zurückholen, die der SPD wegen Gabriel den Rücken zugekehrt haben. Gabriel wiederum könnte das tun, was er am besten kann: Kämpfen.

Natürlich, die SPD ist nicht gerade als besonders teamfähig bekannt. Mit Troikas haben die Sozialdemokraten schlechte Erfahrungen gemacht. Aber das Tandem Gabriel-Schulz, das wäre eine Option, die in die Zukunft weist.

Nur mal angenommen, Schulz jagt Gabriel die Kanzlerkandidatur ab: Die Partei würde in einem solchen Fall wochenlang mit sich selbst beschäftigt sein. Auch Gabriel hat einflussreiche Unterstützer, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, wo Schulz sich um Listenplatz 1 bewerben will. Zwei Lager würden sich unversöhnlich gegenüberstehen.

Auch wäre es naiv zu glauben, dass die Probleme der SPD auf einmal gelöst sind, selbst wenn Gabriel freiwillig beiseitetritt. Gabriel und Schulz verstehen sich eigentlich gut. Sie sollten daher  ihre Konkurrenz zurückstellen und gemeinsam für 2017 kämpfen. Ein Dream-Team für die SPD – das wäre doch mal was.