Einer ist sich schon mal sicher. "Alles" spreche dafür, dass Martin Schulz neuer deutscher Außenminister werde, sagt Jo Leinen. "Schulz wäre ein hervorragender Repräsentant und Vermittler deutscher Außenpolitik und Sigmar Gabriel kann ihn gut im Wahlkampf gebrauchen", sagt Leinen, der seit Jahren für die SPD im Europaparlament sitzt. 

Tatsächlich ist Schulz, der Präsident des EU-Parlaments, der qualifizierteste SPD-Kandidat für die Nachfolge des designierten Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Schulz ist international erfahren und eine Art heimlicher Außenminister der EU: Nicht nur europäische Staatschefs gehen bei ihm ein und aus, auch in der Türkei ist er häufig und vor Jahren saß er auch schon beim syrischen Diktator Baschar al-Assad auf dem Sofa. Schulz kennt die Herausforderungen der europäischen Außenpolitik, die in großen Teilen auch die der deutschen sind.

Über seine Zukunftspläne hüllen sich Schulz und seine Getreuen nach außen in Schweigen. Während hinter den Kulissen hart gerungen wird, machen Spekulationen und Gerüchte die Runde. Am Mittwoch streuten Insider in Brüssel auf einmal, Schulz wolle lieber Parlamentspräsident in Brüssel bleiben. Dabei könnte es sich aber auch um den Versuch handeln, ihn nicht als zu gierig auf den deutschen Ministerposten wirken zu lassen. Getreu der Regel: Je mehr du etwas willst, desto weniger solltest du den Eindruck erwecken, es anzustreben.

Unbestritten ist, dass Schulz sich den Job als Außenminister zutraut. Offen ist, zu welchen Bedingungen: Fordert Schulz von Gabriel mehr als nur den Ministerposten – die SPD-Kanzlerkandidatur? Das berichtet zumindest die Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Völliger Unsinn", heißt es aus Schulz' Umfeld dazu. 

Für Gabriel wäre es eine heikle Entscheidung, Schulz die Kanzlerkandidatur zu überlassen. Er müsste fürchten, an Autorität zu verlieren, wenn er als SPD-Chef 2017 zum zweiten Mal die Kanzlerkandidatur einem anderen überträgt.

Job mit Profilierungspotenzial

Doch auch Schulz ist in einer schwierigen Position. Im Januar läuft seine Amtszeit als EU-Parlamentspräsident aus und die konservative EVP-Fraktion unter dem frisch gewählten Vorsitzenden Manfred Weber (CSU) weigert sich bislang, den Sozialdemokraten noch einmal zu untersützen. Selbst wenn die Konservativen noch umzustimmen sind: Schulz macht seit vier Jahren den gleichen Job, die Kompetenzen des EU-Parlaments hat er ausgedehnt, so weit wie es nur ging.

Zudem leidet der ehemalige Bürgermeister von Würselen darunter, dass er bei wichtigen Entscheidungen auf EU-Ebene bisher oft von den Ministerpräsidenten ignoriert wurde – sein Versuch, Kommissionschef zu werden, scheiterte 2014. Die nächste Chance böte sich erst 2019. Dann wäre Schulz 63 Jahre alt.

Nach den Regeln politischer Karrieren müsste eigentlich früher etwas Neues kommen. Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, das wäre gerade jetzt ein spannender Job, mit Pofilierungspotenzial. Kanzlerkandidat natürlich erst recht.

Tandem-Duo für 2017?

Dass Schulz in seinem politischen Leben noch mehr erreichen will, hat er zuletzt ziemlich deutlich gezeigt. Im Herbst war er viel unterwegs in Berlin, stellte seine Biografie vor und trat bei den SPD-Linken auf, die ihn bislang für zu realpolitisch hielten. Hinterher waren die sich zwar immer noch nicht so sicher, für was "der Martin" eigentlich bei Rente, Mindestlohn und soziale Ungleichheit so steht. Aber in der Spitze der Bundestagsfraktion, bei den Jusos und auch bei den Linken wurde hinterher laut nachgedacht, ob Schulz nicht der bessere Kanzlerkandidat wäre als der unstete Gabriel.

Dann begann diese Woche mit einem Erfolg für Gabriel, der ihn auch strategisch gestärkt hat: Weil er Steinmeier als Bundespräsidentschaftskandidaten durchgesetzt hat, ist der Posten des Außenministers vakant und eine mögliche Aufgabe für seinen Freund und Konkurrenten Schulz in Berlin gefunden.

Damit ist folgendes Szenario denkbar: Gabriel und Schulz starten als Tandem in die Bundestagswahl. Der SPD-Chef würde Kanzlerkandidat, Schulz Außenminister – mit der Aufgabe, die Herzen der Gabriel-verdrossenen Wähler im Wahlkampf anzusprechen. Gabriel hätte so als Parteivorsitzender nur folgelogisch gehandelt und darüber hinaus klargemacht, dass er sich die Kanzlerschaft selbst zutraut.

Für Schulz hätte dieses Szenario den Vorteil, dass er bei einer absehbaren Wahlkampfniederlage der SPD nicht der Hauptverantwortliche wäre. Er hätte vielleicht sogar genug Profil gewonnen, um im Herbst 2017 die Parteiführung zu übernehmen – sei es in der Opposition oder in einer neuerlichen großen Koalition. Und falls die SPD doch zulegen sollte, hätten beide gewonnen.

Martin Schulz - "Wir müssen mit Russland reden"