Peter Hintze hat in seinem politischen Leben für eine ganze Menge gekämpft – immer mit großer Leidenschaft. Damit hat er über ein Vierteljahrhundert prägenden Einfluss in der CDU gehabt, auch wenn er nie in der ersten Reihe stand. So kämpfte er als CDU-Generalsekretär für ein Frauenquorum in der Partei, setzte sich nach der Wende für die Integration der CDU-Mitglieder aus den neuen Ländern ein und verteidigte als einer der Wenigen mit Inbrunst den damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff, als der unter heftigem Beschuss stand.

Am leidenschaftlichsten aber focht Hintze in den letzten Jahren in biomedizinischen und ethischen Fragen für liberale Positionen, auch gegen die Führung der eigenen Partei und als evangelischer Theologe und ehemaliger Pfarrer auch gegen die Positionen der eigenen Kirche. So setzte er sich erfolgreich für eine begrenzte Zulassung der Präimplantationsdiagnostik (PID) ein, die es erlaubt, künstlich erzeugte Embryonen auf Erbkrankheiten zu untersuchen und gegebenenfalls zu vernichten – was die Kirchen strikt ablehnen. Hintze aber argumentierte, diese Embryonen seien noch kein menschliches Leben im umfassenden Sinne.

Auch in der Debatte um die Sterbehilfe stellte er sich gegen die Beschlüsse beider Kirchen und setzte sich für eine ärztliche Beihilfe beim Suizid von Schwerkranken ein. "Gott hat uns geschaffen, damit wir unser Schicksal selbst bestimmen", sagte er im vergangenen Jahr in einem Gespräch mit der ZEIT-Beilage Christ und Welt. Niemand könne verlangen, das Leid auszuhalten, weil Christus es am Kreuz genauso gemacht habe. "Wir sind nicht Jesus", sagte er.

Für sich selbst schloss er Sterbehilfe aus. "Ich habe eine starke Liebe zum Leben. Deshalb hoffe ich, dass ich nie in so eine Situation komme", sagte er in dem Gespräch. Hintze starb jetzt an Krebs, der schon 2013 bei ihm diagnostiziert worden war.

CDU - Bundestagsvizepräsident Peter Hintze ist gestorben Er sei einer der „erfahrensten, angesehensten und beliebtesten Parlamentarier“ gewesen, sagt Norbert Lammert über seinen Parteikollegen. In der Nacht zum Sonntag erlag Peter Hintze seiner Krebserkrankung. © Foto: Gero Breloer/dpa

Der Theologe war ein sehr eigenwilliger Politiker, einer, der explizit aus einem christlichen Grundverständnis argumentierte, auch wenn er abweichende theologische Meinungen vertrat. Und einer, der sehr früh neue Entwicklungen wahrnahm. So stimmte er als Nachwuchspolitiker schon 1971, als Kohl erstmals gegen Rainer Barzel antrat und unterlag, für das Modernisierungsprogramm des Pfälzers. Und auch als Generalsekretär der Partei, zu dem ihn Kohl 1990 machte, setzte er sich für innerparteiliche Reformen ein. Bekannt wurde er damals allerdings durch etwas anderes: Die Rote-Socken-Kampagne, mit der er 1994 gegen die SPD und eine angeblich mögliche rot-rote Koalition mit der damaligen PDS erfolgreich Wahlkampf machte und Kohl die fast schon verlorenen geglaubte Wahl rettete.

Hintze hatte damit den Ruf weg als einer, der gnadenlos die politische Konfrontation sucht. Dabei war er immer auch auf Ausgleich bedacht und als freundlicher Rheinländer bemüht, Brücken zu bauen zu politischen Gegnern und Andersdenkenden. "Für mich als Christ sind die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten verbindlich. Danach lebe ich und handele ich als Politiker und Privatmensch", sagte er. "Gleichzeitig muss ich akzeptieren, dass wir mittlerweile in einer pluralistischen Gesellschaft leben, in der es keine allgemein verbindliche Moral mehr gibt, die von allen akzeptiert wird."

Von Kohl zu Merkel

Mit solchen theologisch und religiös geprägten, liberalen Positionen gehörte er in der CDU manches Mal zur Minderheit. Bei der Wahl 1998 versuchte er als Generalsekretär eine Wiederauflage der Rote-Socken-Kampagne, jedoch erfolglos. Die Abwahl von Kohl schadete seiner Karriere erstaunlich wenig: Er gehörte rasch zu den wenigen Vertrauten und Beratern der neuen Vorsitzenden Merkel. Schon als sie Anfang der 1990er Jahre Bundesministerin für Frauen und Jugend war, hatte er als Parlamentarischer Staatssekretär für sie gearbeitet.

Hintze blieb politisch allerdings in der zweiten Reihe: Er wurde 2005 Staatssekretär im Wirtschaftsministerium und ab 2007 zudem Koordinator der Bundesregierung für Luft- und Raumfahrt – ganz neue Aufgaben für den ehemaligen Pfarrer. 2009 hätte Merkel ihn gerne an ihre Seite als Staatssekretär im Kanzleramt berufen, er sagte jedoch aus privaten Gründen ab. 2013 wurde er schließlich Bundestagsvizepräsident, ein Amt, in dem er seine Fähigkeiten zum politischen Brückenbauen entfalten konnte. Gleichzeitig blieb er einer derjenigen, denen Merkel vertraute.

Sie würdigte ihn nun mit besonderen Worten: Die CDU verliere mit ihm "eine der herausragenden Persönlichkeiten".

In der CDU und in der Unionsfraktion wird Hintze fehlen. Das zeigen auch die betroffenen Reaktionen von einer ganzen Reihe von CDU-Politikern und Abgeordneten. Denn so viele eigene, kluge Köpfe gibt es in der Politik und in ihren Reihen nicht.