Dass Donald Trump von einem schlechten Scherz zu einem ernsthaften Konkurrenten für das Amt des US-Präsidenten wurde, dauerte gerade einmal zwei Monate. Im Duell Clinton/Trump wollten ihn Ende Juli rund 34 Prozent wählen. Im September waren es schon 44 Prozent. Die Amerikaner sind nicht innerhalb von zwei Monaten zu Rassisten geworden. Was sich im Wahlergebnis für Donald Trump ausdrückt, muss es schon zuvor gegeben haben.

Auch in Deutschland gibt es mehr gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, als sich in Wahlergebnissen bislang zeigt, sagen Extremismus-Forscher bereits seit Langem. Der Hass auf Migranten, auf Homosexuelle, auf Muslime und Juden ist auch in Deutschland groß genug, um eine rechte Partei in den Status einer Volkspartei zu heben. Regierungsübernahme nicht ausgeschlossen. Deutschland ist nicht immun gegen das Virus, das seit Jahren westliche Demokratien befällt. Die Fügung, dass die Rechten in Deutschland noch nicht in dem Maße an die Macht drängen wie anderswo, enthält keine Entwarnung, wohl aber eine Chance: Es ist etwas mehr Zeit, die Herausforderung anzunehmen und in den Verteidigungsmodus zu schalten. Wobei diese Zeit eher in Monaten als in Jahren bemessen ist.

Einer der Gründe, warum gerade jetzt so viele politische Ordnungen wanken, hat mit einem Wandel der Öffentlichkeit zu tun. Die sozialen Medien haben das Versprechen eingelöst, das das Internet Jahre zuvor gegeben hat: Jeder kann jetzt Sender sein. Wer Zugang zu Facebook hat, kann eine Gegenöffentlichkeit schaffen, die es mit dem Einfluss von Fernsehkanälen und Zeitungen aufnehmen kann.

Facebook hat eine entscheidende Rolle dabei gespielt, dass die Ägypter 2011 Husni Mubarak stürzen konnten. Über Facebook konnten sie feststellen, dass sie viele sind, die das Regime ablehnen, und sie konnten zu Demonstrationen aufrufen, flexibel und praktisch unkontrollierbar. Facebook half auch Donald Trump, eine Anhängerschaft um sich zu scharen und dabei die Strukturen seiner Partei zu umgehen. Im Prinzip ist das etwas Positives: Facebook macht politische Strukturen durchlässiger.

Facebook braucht Regeln

Nur sind die Regeln, die dabei gelten, zweifelhaft. Die Like-Logik des Netzwerks fördert extreme Positionen, heute mehr noch als 2011. Je aggressiver ein Kommentar, desto mehr Reaktionen löst er bei den Nutzern aus und desto höher spült ihn der Facebook-Algorithmus in die Timelines.

Das gilt für die Postings von Donald Trump genauso wie für Äußerungen anderer Nutzer. Der Wahrheitsgehalt spielt dagegen keine Rolle. Trumps Unterstützer teilten die Lügen der extrem rechten und verschwörungstheoretischen Webseiten, bis ihre Freunde nicht mehr sicher sein konnten, ob an den Verleumdungen der Gegenkandidatin nicht doch etwas dran ist. Das Ergebnis ist zu unübersichtlich, als dass es sich durch saubere journalistische Arbeit wieder einfangen ließe. Die etablierten amerikanischen Medien, neue wie alte, machten oft einen exzellenten Job in der Berichterstattung über die Kandidaten. Von den Konsumenten der Pseudo-Nachrichten bei Facebook wurden sie dafür nur beschimpft.

Deutschland ist nicht weit hinterher. Auch unter AfD-Politikern sind einige, die die Funktionsweisen von Twitter und Facebook verstanden haben. Genügend Quellen enthalten Material, mit dem sich der Hass auf etablierte Politik anfachen lässt: Die Junge Freiheit, das Compact-Magazin, die Deutschen Wirtschaftsnachrichten, die Kreml-Ableger RT Deutsch und Sputnik News, bald wohl auch eine deutsche Ausgabe des rechtsradikalen Senders Breitbart aus den USA und viele mehr.

Was lässt sich dagegen tun? Nur ein Beispiel: Die Zeitungen dieses Landes haben sich vor Jahrzehnten zum Presserat zusammengeschlossen und sich Diskursregeln inklusive Beschwerdeinstanz auferlegt. Etwas ähnliches bräuchte es auch für die sozialen Medien – aber schneller, flexibler, schlagkräftiger. Facebook verifiziert schon heute Personen und Seiten, deren Identität es überprüft hat, und markiert diese mit einem blauen Haken. Und es sortiert Inhalte aus, zum Beispiel Bilder weiblicher Brustwarzen, Postings, die das Wort "arisch" enthalten und Links zu Blogeinträgen, in denen über unliebsame Urteile berichtet wird. Warum sollte Facebook nicht die Postings solcher Anbieter hervorheben können, die sich journalistischen Grundregeln verpflichtet haben?