Die CDU hatte es leicht: Ihre Spitzenkandidatin für die Bundestagswahl kürte sich selbst. Niemand in der Partei hätte es ernsthaft gewagt, gegen Angela Merkel anzutreten. Die Vorsitzende ist ohne Konkurrenz.

Die SPD dagegen leidet unter der Qual der Wahl. Genauer gesagt, ihr Vorsitzender Sigmar Gabriel. Und da beginnt schon das Problem. Denn nach einem ungeschriebenen Gesetz hat bei der SPD der Parteichef das sogenannte erste Zugriffsrecht. Das heißt, wenn Gabriel selbst Kanzlerkandidat werden will, ist er quasi automatisch nominiert. 

Allerdings hat Gabriel angekündigt, dass es einen Mitgliederentscheid über die Kanzlerkandidatur geben soll, wenn es mehrere Bewerber gibt. Nun existiert inzwischen ein zweiter mutmaßlicher Aspirant, EU-Parlamentspräsident Martin Schulz, der nach Berlin wechseln will, aber noch nicht genau erklärt hat, was er er da machen will. Und Gabriel hat am Wochenende – vermutlich aus taktischen Gründen – zudem den Hamburger Bürgermeister und Parteivize Olaf Scholz als möglichen weiteren Kandidaten ins Spiel gebracht (der darüber ziemlich erbost sein soll). So sind es schon drei potenzielle oberste Wahlkämpfer für 2017. Wie aber wird sich die SPD entscheiden? Und vor allem: Wer entscheidet?

SPD-Politiker - Martin Schulz verlässt Brüssel in Richtung Bundespolitik EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) wird Ende des Jahres sein europäisches Amt beenden. Dann will er in die deutsche Bundespolitik wechseln. Zu einer Kandidatur als Außenminister oder gar Kanzlerkandidat äußerte er sich nicht. © Foto: Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Angst vor den Mitgliedern

Ziemlich unwahrscheinlich ist, dass Gabriel einen Mitgliederentscheid ausruft. Sollte er gegen Schulz und vielleicht auch Scholz verlieren, wäre er als Parteichef kaum mehr haltbar. Der Kandidat, oder jemand anderes, müsste kurzfristig die Parteiführung übernehmen – eine Aufregung so kurz vor dem Wahljahr, die die Chancen der SPD nicht befördern würde.

Schulz und/oder Scholz werden Gabriel aber auch kaum von sich aus herausfordern. Denn ein solcher Machtkampf wäre wenige Monate vor der Wahl so ziemlich das Letzte, was die SPD-Führung will.

Es wird also wahrscheinlich darauf hinauslaufen, dass Gabriel entscheidet, wer antritt: entweder er selbst, oder ein anderer. Sehr demokratisch ist das nicht. Und es hebt auch nicht unbedingt den Kandidaten mit den besten Wahlaussichten auf den Schild. 

Vorbild Frankreich

Wie es anders geht, haben am Wochenende die französischen Konservativen vorgemacht. Sie haben ihren Bewerber für die Präsidentenwahl im kommenden Mai in einer offenen Urwahl bestimmt – mehr als vier Millionen Menschen beteiligten sich. Gekürt wurde jedoch nicht einer der beiden Favoriten, Ex-Präsident Nikolas Sarkozy oder Ex-Premier Alain Juppé, sondern der vorher als Mr. Nobody geschmähte Erzkonservative François Fillon. Er kam bei den teilnehmenden Bürgern und Mitgliedern mit Abstand am besten an. Laut neuen Umfragen hat er nun auch beste Chancen, bei der Wahl die Rechtsextreme Marine Le Pen zu schlagen.

Die SPD sollte ebenfalls den Bürgern vertrauen. Denn eine auch für Nichtmitglieder geöffnete Urwahl des Kandidaten kann, wie nicht nur das französische Beispiel zeigt, einen starken mobilisierenden Effekt haben und der Partei einen Schub geben. Auch in den USA beteiligen sich Millionen Bürger an den Vorwahlen, die es nicht nur für die Präsidentschaftsbewerber, sondern auch für Abgeordnete gibt. Für die Kandidaten ist das jeweils eine Härteprüfung. Nur wer sie übersteht, hat auch bei den Wahlen Chancen.