Die SPD-Führung hat sich fest vorgenommen, im anstehenden Bundestagswahlkampf alte Fehler nicht zu wiederholen. Unvergessen ist die Ausrufung von Peer Steinbrück als Kanzlerkandidat. Es war an einem Freitagvormittag im Jahr 2012, parteiintern wird das Ereignis auch Sturzgeburt genannt. Selbst Genossen, die eigentlich im Bilde hätten sein müssen, erfuhren aus den Medien von Steinbrücks Kandidatur. Der eigentlich so erfahrene Politiker startete unvorbereitet in eine Kampagne, die er nur verlieren konnte.

Diesmal also soll es anders werden. Erst Anfang 2017, wenige Monate vor der Wahl, wolle sie den neuen Kanzlerkandidaten präsentieren, beteuert die SPD-Führung seit Monaten eisern. Aber der Druck, die Personalentscheidung früher zu verkünden, steigt. Die Bundespräsidentenfrage, das frei werdende Amt von Frank-Walter Steinmeier und die Frage, wer ihm nachfolgt, sowie Angela Merkels Ja zu einem vierten Wahlkampf für die CDU und dazu die Berichte über die Berlin-Ambitionen von Martin Schulz – alle Augen sind seit einiger Zeit auf die Sozialdemokraten gerichtet.

Die Frage, ob man wirklich bis Januar mit der Verkündung warten könne, wurde bei den vergangenen zwei Sitzungen des Parteipräsidiums und -vorstands diskutiert. So fragte Parteichef Sigmar Gabriel seine Genossen schon vor zwei Wochen, ob der Zeitplan geändert werden solle. Er wollte das nicht, das war klar. Also beteuerte man sich gegenseitig, dass es bei Januar bleiben könne.

"Ziemlich albern"

"Wenn der Vorsitzende die Entscheidung erst im Januar bekanntgeben will, werden wir uns nicht gegen ihn stellen", sagt ein Vorstandsmitglied. Aber es sei eben Gabriels Wille, dem man folge. Was nicht bedeutet, dass es in der SPD-Führung keine Politiker gibt, die das ganze Prozedere und die wiederkehrende Selbstversicherung über die Einhaltung des Zeitplans für "ziemlich albern" halten.

Fest steht: Gabriel hat als Parteivorsitzender das Erstzugriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur. Und er hat lange gehadert, ob er den Job will. Gabriel kennt seine schlechten Beliebtheitswerte. Auch im SPD-Vorstand rätseln viele, ob er sich inzwischen überhaupt entschieden hat, welchen Job er 2017 für sich anstrebt. Während die wenigen, die es wissen müssten, hartnäckig auf ein Schweigegelübde verweisen, das man sich gegenseitig abgenommen habe.

Also beschloss die Parteiführung am Montag zum dritten Mal, den Kanzlerkandidaten erst Ende Januar vorzustellen. Dabei wussten die Spitzengenossen zu diesem Zeitpunkt bereits, dass nur ein paar Tage später in Brüssel eine Entscheidung bezüglich Martin Schulz zu erwarten war. Bis Ende Dezember muss feststehen, wer neuer Präsident des Europaparlaments wird. Bis zuletzt hatte Schulz seine Chancen für eine Wiederwahl auf europäischer Ebene sondiert, doch sie waren schlecht, weil die Konservativen sich dagegen stellen.

Und so musste Schulz sich erklären, ehe er offiziell als Verlierer von Brüssel dasteht. Der Rheinländer will sich 2017 nun für ein Bundestagsmandat bewerben – was sein Wechsel nach Berlin sonst bedeutet, sagte er in seinem kurzen Statement nicht. Schulz ist als Außenminister und Nachfolger des wahrscheinlichen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier im Gespräch, ihm werden Ambitionen auf die Kanzlerkandidatur nachgesagt. Es gibt Gespräche, wohl auch ein Angebot Gabriels. Doch welches das konkret ist: Alle Beteiligten hüllen sich in Schweigen.