ZEIT ONLINE: Herr Strobl, die SPD findet, bei der Kanzlerin ist "die Luft raus". Die AfD hofft, dass durch Angela Merkels erneute Kandidatur ihre Chancen bei der Bundestagswahl steigen. Wäre es für die CDU nicht doch besser gewesen, mit einem unverbrauchten Gesicht in den Wahlkampf zu gehen?

Thomas Strobl: Vom politischen Gegner erwarte ich per se keinen Beifall. Wahr ist: Angela Merkel ist die kluge, erfahrene Steuerfrau in stürmischer See. Ich kenne niemanden, der besser geeignet wäre, Deutschland in den nächsten Jahren zu führen.

ZEIT ONLINE: In den vergangenen Wahlkämpfen hat Merkel vor allem auf ihre Popularität gesetzt und Kontroversen gemieden. Muss sie jetzt eine andere werden?

Strobl: Nicht Angela Merkel wird eine andere, aber der Wahlkampf wird ein anderer. Das wird kein Kuschelwahlkampf, sondern eine harte und intensive Auseinandersetzung.

ZEIT ONLINE: Merkels Flüchtlingspolitik hat die AfD stark gemacht. Hätte man mit einem personellen Neuanfang den Populisten nicht ihr Hauptthema ("Merkel muss weg") kaputt machen können?

Strobl: Den Populisten auf diese Weise zu begegnen, wäre eine wahrlich abstruse Idee. Die Gesellschaft driftet zweifellos auseinander. Aber ich traue es Angela Merkel zu, die Menschen zusammenzuführen. Richtig ist, dass die CDU das eine oder andere noch stärker inhaltlich konkretisieren muss. Wir müssen die Positionen schärfen, für die wir stehen.

ZEIT ONLINE: Mit welchen Themen wollen Sie die Populisten kleinhalten?

Strobl: In der Flüchtlingsfrage muss klar sein: 2015 ist etwas passiert, das sich nicht wiederholen darf. Wir haben versprochen, die Zuzugszahlen zu begrenzen – das haben wir gehalten. Es gibt aber auch eine große Zahl ausreisepflichtiger Menschen im Land. Mit unseren bisherigen Instrumenten werden wir nicht dafür sorgen können, dass sie Deutschland wirklich wieder verlassen. Da brauchen wir zusätzliche Anstrengungen.

ZEIT ONLINE: Der CDU-Wahlkampf wird sich also vor allem an diejenigen wenden, denen Merkels Flüchtlingspolitik Angst gemacht hat und nicht an die, die sie gerade dafür schätzen?

Strobl: Wir brauchen beides: Herz und Härte. Für diejenigen, die politisch verfolgt sind, haben wir nach wie vor offene Arme und auch ein offenes Herz. Die Integration der Menschen, die wirklich schutzbedürftig sind, kann aber nur funktionieren, wenn wir auch konsequent gegenüber denen sind, die zu Unrecht hier sind und die unser Land wieder verlassen müssen.

ZEIT ONLINE: Auch die, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, haben wegen des EU-Türkei-Paktes und der geschlossenen Balkanroute derzeit kaum noch eine Chance, es bis nach Deutschland zu schaffen. Wie können Sie da sagen, man habe für diese Menschen offene Arme?

Strobl: Die Fluchtbewegungen sind kein rein deutsches, sondern ein europäisches Thema. Wir hätten es nicht abwenden können, wir können es aber auch nicht allein tragen. In diesem Sinne ist auch das Flüchtlingsabkommen zwischen der EU und der Türkei zu sehen.

ZEIT ONLINE: Sie sagen, seit Sie in Baden-Württemberg mitregieren, würde dort mit "neuer Konsequenz abgeschoben". Was machen Sie anders als Ihr Vorgänger von der SPD?

Strobl: Es gab Zeiten, da wurden Abschiebungen mehrfach angekündigt. Wenn Sie eine Hausdurchsuchung ankündigen, werden Sie dort auch nichts finden. Das haben wir geändert. Wir zeigen hier eine neue Konsequenz gegenüber denjenigen, die ausreisepflichtig sind. Wir haben die Abschiebezahlen gegenüber dem Vorjahr um 65 Prozent gesteigert. Auch die Zahl der freiwilligen Rückkehrer hat sich mehr als verdoppelt – was auch etwas mit dem erhöhten Abschiebedruck zu tun hat.

ZEIT ONLINE: Trotzdem lag die Zahl der Abgeschobenen in Baden-Württemberg bis Ende Oktober gerade mal bei etwa 3.000, bei 36.000 Ausreisepflichtigen insgesamt. So einfach scheint das mit der Konsequenz nicht zu sein, oder?

Strobl: Es hat niemand gesagt, dass es einfach ist. Der Westbalkan ist ein sehr gutes Beispiel dafür, dass die Ausweisung sicherer Herkunftsstaaten ein wirksames Mittel ist, um den Flüchtlingsstrom zu begrenzen. Deshalb brauchen wir dringend weitere sichere Herkunftsländer in Afrika, namentlich Algerien, Tunesien und Marokko. Außerdem müssen wir das Mittelmeer unter Kontrolle haben. Selbstverständlich lassen wir niemanden ertrinken, aber das internationale Seerecht verpflichtet uns nicht, die Menschen nach Italien zu bringen.

ZEIT ONLINE: Sobald Flüchtlinge ein europäisches Schiff betreten, haben sie das Recht, einen Asylantrag in Europa zu stellen.

Strobl: Wie das konkret ausgestaltet wird, müssen wir noch sehen. Es gibt keine Rechtsverpflichtung, diese Menschen nach Europa zu bringen. Wir holen die Menschen ja zum Teil nur wenige Kilometer vor der tunesischen Grenze aus dem Wasser.