ZEIT ONLINE: Herr Holm, bei Twitter haben Sie geschrieben: "Ich kann meine Biografie nicht nachträglich verändern, nur daraus lernen und einen offenen Umgang damit anbieten." Was haben Sie denn gelernt?

Andrej Holm: Ich habe gelernt, dass ein Land, das sehr autoritär und nur mit Druck und Hierarchien funktioniert, die schlechteste Lösung ist, Gesellschaft zu organisieren. Die Lehre aus meinen Jugendjahren in der DDR ist: Ich will nicht in einem autoritären, repressiven System leben.

ZEIT ONLINE: In Ihrer Stasiakte lobt das MfS den gefestigten Klassenstandpunkt: "Als Agitator genoss er Achtung und Anerkennung." Wie waren Sie damals drauf?

Holm: Die Formulierungen sind teilweise meinem Schulzeugnis entnommen. Ich war aufgewachsen in einem SED-Haushalt: Vater bei der Stasi, Mutter in der Partei. Meine Urgroßeltern, die ich noch erlebt habe, waren Verfolgte des Naziregimes. Mein Opa hat das KZ Sachsenhausen überlebt. Für mich war der Antifaschismus keine hohle Phrase, sondern Familienrealität – in diesem Sinne war ich überzeugter Sozialist.

ZEIT ONLINE: Und Ihre Eltern waren hundertfünzigprozentige SED-Kader?

Holm: Meine Eltern wollten die DDR verbessern. Die haben immer auf den nächsten Parteitag gehofft, freuten sich über Gorbatschow, Perestroika und Glasnost, waren total schockiert, als in Peking die Proteste niedergeschlagen wurden. Die DDR schien mir nicht ein Ort zu sein, in dem man nicht für Veränderungen eintreten kann.

ZEIT ONLINE: Und dann verpflichteten Sie sich ausgerechnet bei der Stasi, deren Aufgabe es war, Kritiker mundtot zu machen und wegzusperren?

Holm: In meinem Umfeld gehörten Überwachung und Diskussionen um IMs nicht zum Alltag. Ich war ein ganz normaler Jugendlicher in einem Neubaugebiet, der Fußball gespielt hat. Ich bin auch zu Punkkonzerten gegangen – aber nicht mit der Idee, dass das etwas Oppositionelles wäre, sondern weil es mir gefallen hat. Für mich war eigentlich relativ viel möglich. Man konnte andere Musik hören, zu Hause wurde Westfernsehen geschaut …

ZEIT ONLINE: Bei Ihren systemtreuen Eltern lief Westfernsehen?

Holm: Klar. Ich erinnere mich an die Atomkatastrophe von Tschernobyl – zuerst haben meine Eltern Aktuelle Kamera geschaut, und danach Westfernsehen, um zu erfahren, was passiert ist. Die DDR, die ich kennengelernt habe, war nicht so geschlossen, wie sie in der historischen Betrachtung beschrieben wird.

ZEIT ONLINE: In Ihrem Alltag kam Überwachung und Repression nicht vor, obwohl Ihr Vater bei der Stasi war?

Holm: Mein Vater hat mir Volker Braun und Heiner Müller zum Lesen gegeben und hat mir Theaterstücke empfohlen: "Geh da rein, lies das, das ist gute Kunst!" Er hat mir erklärt, dass der Stalinismus eine schlimme Sache sei. Das war mein Link zur Stasi. Es mag naiv und weltfremd sein, dass ich als Teenager noch nicht erkannt habe, was für ein Überwachungs- und Repressionsapparat die Stasi war – aber ich war auch damals noch nicht besonders politisch.

ZEIT ONLINE: Ihr Vater hat Ihnen die kritischen Autoren und Theater empfohlen?

Holm: Schlimmer noch, er hat ja die Bücher gehabt, weil er in der Abteilung arbeitete, die in Berlin die Schriftsteller überwachte und die Theaterleute. Das habe ich erst nach der Wende herausbekommen – und das hat auch zu Spannungen zwischen uns geführt.

"Ich hatte Angst vor der Pekinger Lösung"

ZEIT ONLINE: Weil Ihr Vater ein rosiges Bild von der DDR und dem MfS vermittelt hat?

Holm: Er hat mir vor allem vermittelt, dass man auch in der DDR kritisch über Dinge sprechen darf. Die Erfahrung eines autoritären Systems hat bei mir so nicht stattgefunden.

ZEIT ONLINE: Was war das Mutigste, was Sie als Jugendlicher in der DDR angestellt haben?

Holm: Von Mut würde ich nicht sprechen. Ich erinnere mich, dass wir uns aufgeregt haben, als die Zeitschrift Sputnik verboten wurde, 1988 war das. Wir haben uns die verbotene Ausgabe irgendwie besorgt und waren völlig enttäuscht, dass das eigentlich nur Werbeprosa für das spießige Leben in der Sowjetunion war. Wir haben dann als Band versucht, diese belanglosen Texte aus dem Sputnik zu vertonen, in irgendeiner Gartenlaube. Das war aber nicht mutig, das war einfach eine Gaudi, die man macht. 1988/89 war ja schon ein gewisser Autoritätsverlust zu spüren. Wenn es nicht explizit politisch wurde, konnte man ziemlich viel Unsinn machen, ohne dass das geahndet worden wäre.

ZEIT ONLINE: Sie haben mit 14 Jahren schon eine Bereitschaftserklärung für eine Ausbildung beim MfS unterschrieben …

Holm: Das war ja der normale Zeitpunkt, an dem an den Schulen die Werbung losging: Möchtest du Russischlehrerin, Computerspezialist oder Berufsoffizier werden? Mein Weg war vorgezeichnet, deshalb habe ich auch nicht ständig darüber nachgedacht, was nach der Schule passiert.

ZEIT ONLINE: Wie kam es denn zu dieser Unterschrift mit 14 Jahren?

Holm: In meiner Erinnerung sitzt da ein fremder Mann bei uns zu Hause, der mir als Kollege meines Vaters vorgestellt wird. Er hat das relativ geschickt eingefädelt – er hat mir geraten: "In der Schule sagst du jetzt immer, du bist Berufsoffiziersbewerber, dann fragt nämlich niemand nach." Das war ja interessant, plötzlich hatte ich ein Geheimnis. In der Schule hieß es: Andrej wird Berufsoffiziersbewerber. Viele haben gesagt: Du bist doch viel zu schlau, mach doch so was nicht. Und darf man da eigentlich schräg abrasierte Haare haben und auf Punkkonzerte gehen, wenn man Offizier werden will? Ich stand innerlich darüber, denn ich wusste ja: Ich gehe gar nicht zur Offiziersschule, sondern werde Journalistik studieren.

ZEIT ONLINE: In einer handschriftlichen Bewerbung für das MfS haben Sie gelobt, nicht in die BRD oder in andere Länder des kapitalistischen Auslands zu fahren und auch unverzüglich zu melden, wenn Familien- oder Haushaltsangehörige das machen. Ein Gelöbnis, das engste Umfeld zu überwachen und zu denunzieren – findet man das als 18-Jähriger, in dem Zweifel aufkeimen, nicht untragbar?

Holm: Das mussten wir abschreiben – alle, die die militärische Ausbildung bei der Stasi gemacht haben. Das war eben Militär: Wir sind als Schüler angekommen, haben Uniformen bekommen, wurden angeschrien, und dann wurde gesagt, jetzt schreibt ihr das hier ab. Das war ein formaler Akt, du machst dir über den konkreten Inhalt von so einem Schwur keine Gedanken. Ich hatte mich dafür entschieden, also dachte ich: Da gehört es wohl dazu, dass man irgendwas schwören und unterschreiben muss.

ZEIT ONLINE: Wann ist Ihnen klar geworden, dass die Stasi Menschen schwer geschadet hat.

Holm: So richtig ernsthaft erst nach der Wende. Klar war mir aber schon, dass die Wachregimente im Zweifelsfall gegen Demonstranten eingesetzt werden, ich hatte Angst vor der Pekinger Lösung.

ZEIT ONLINE: Sie hatten Sorgen, während der Grundausbildung in so einen Einsatz gegen Demonstranten zu kommen?

Holm: Ja, im Sommer 1989 war ich mit einem Freund, der auch zur Stasi sollte, nach Bulgarien gefahren. Da haben wir darüber geredet, dass es ganz schön blöd ist, jetzt im Wachregiment zu sein. Was ist denn, wenn jetzt ein Befehl kommt? Darüber habe ich mir mehr Gedanken gemacht als darüber, dass dieses große Monstrum Staatssicherheit Menschen überwacht und zersetzt – das war mir zur Wendezeit so noch nicht klar.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Ihre Eltern nach der Wende damit konfrontiert, dass sie Sie zum MfS geschickt haben?

Holm: Meine Eltern geben sich noch heute die Schuld für meine Stasizeit, aber sie waren eben auch in ihren Kontexten befangen. Wirklich konfrontiert habe ich sie nicht. Ich hatte ab 1992 enge Freundschaften mit Leuten, die selbst im Bürgerkomitee 15. Januar waren, die die Stasi mit aufgelöst hatten. Ich habe da viel über die Systematik der Stasi gelernt. Das hat mir die Augen geöffnet.

"Viel interessanter war, dass ich von meinem Vater Hans Holm erzählt habe"

ZEIT ONLINE: Haben Sie denen gestanden, dass Sie beim MfS waren?

Holm: Ja, habe ich. Das war eine viel höhere Hürde, als es später, 2007, öffentlich zu machen.

ZEIT ONLINE: Und wie war die Reaktion?

Holm: Die fanden das eigentlich ziemlich uninteressant. Ich hatte ja nichts beizutragen, was sie nicht schon wussten. Viel interessanter war, dass ich von meinem Vater Hans Holm erzählt habe. Denn mein Vater war ja einer der Stasioffiziere, der Heiner Müller zum IM erklärt hat, um ihn vor dem Zugriff anderer Stasieinheiten zu schützen.

ZEIT ONLINE: Sie waren nach der Grundausbildung Teil einer "Auswertungs- und Kontrollgruppe", da mussten Sie unter anderem IM-Berichte auswerten.

Holm: Ich habe vielleicht eine Woche lang Berichte gelesen, von Versammlungen, Betriebsratsgründungen oder Parteiversammlungen, auf denen die Stimmung eskaliert ist. Ich weiß nicht mehr, ob ich den Auftrag hatte, irgendetwas zu notieren. Später sollte ich DT64 hören, das DDR-Jugendradio und die dort angekündigten Ereignisse notieren. Und weil DT64 der Sender war, den ich auch zu Hause präferiert habe, war das für mich eine angenehme Aufgabe. Ich habe eigentlich vor allem die Auflösung dieser großen Institution erlebt. Wenn meine Erinnerungen heute merkwürdig vage klingen, wenn es um die konkreten Aufgaben geht, dann, weil es für mich keinen regulären Arbeitseinsatz gab. Ich musste Radio hören und bei Bereitschaftsdienst in irgendwelchen Räumen sitzen und bekam um 23 Uhr so etwas gesagt wie: "Die Montagsdemonstration in Leipzig ist jetzt zu Ende, ihr könnt nach Hause gehen."

ZEIT ONLINE: Sie haben erklärt, es sei Ihre "tiefste Überzeugung" gewesen, beim MfS nur eine Ausbildung gemacht zu haben – deshalb hätten Sie bei der Humboldt-Uni 2005 angegeben, nicht hauptamtlich beschäftigt zu sein. De facto waren Sie Offiziersschüler und haben 675 Mark Dienstbezüge bekommen, was ja eine Menge Geld gewesen ist für einen 18-Jährigen.

Holm: Ich war mir über meinen Status selbst nicht im Klaren. Dass ich ein höheres Gehalt hatte als viele andere, das wusste ich – ich wusste ja auch, dass ich keinen normalen Wehrdienst, sondern eine längerfristige Ausbildung machen sollte. Die Frage nach meinem formalen Status bei der Stasi hat für mich eigentlich keine Rolle gespielt. Und dieser Fragebogen kam 2005 in einer Situation, in der ich für etwa ein Jahr von einer Professorin eine Stelle angeboten bekommen habe – ich sollte mal schnell zur Personalabteilung rüber und die nötigen Formulare ausfüllen, damit wir schnell anfangen können. Das ging zack, zack. Was ich mir heute vorwerfen kann, ist mit Sicherheit, dass ich diese ganzen Formalien nicht besonders gründlich ausgefüllt habe.

ZEIT ONLINE: Unter dem Interview mit der taz von 2007 steht bei Ihnen: "Hauptamtlicher Mitarbeiter der Stasi". Jetzt sagen Sie, es sei Ihnen erst vor ein paar Wochen klar geworden, dass Sie hauptamtlicher Mitarbeiter waren …

Holm: Ehrlich gesagt, ich habe nicht geprüft, wie ich da beschrieben werde. Die Art und Weise, wie das, was ich in der DDR gemacht habe, klassifiziert wird, war für mich relativ nebensächlich. Wenn ich jetzt meine Stasiakte anschaue, dann entspricht das genau dem, was ich meinen Freunden Anfang der Neunziger erzählt habe und was 2007 im Interview stand.

ZEIT ONLINE: Haben Sie die Bedeutung Ihrer Stasimitarbeit unterschätzt?

Holm: Wenn ich das erwartet hätte, was die letzten zwei Wochen über mich und mittelbar über meine Familie eingebrochen ist, dann hätten ich es mir überlegt, den Job zu machen.

ZEIT ONLINE: War Ihre Stasivergangenheit Thema, als die Linkspartei Sie gefragt hat, ob Sie Staatssekretär werden wollen?

Holm: Ja, ich habe das gleich als Erstes gesagt. Und ich glaube, dass die auch relativ sorgfältig damit umgegangen sind. Sie haben sich auch außerhalb der Partei erkundigt, wie dieser Fall eingeschätzt werden kann. Die Rückmeldung nach einer Woche war: "Wir können das machen."

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie nicht selbst auf die Idee gekommen, mal zu schauen, was in Ihrer Stasiakte steht, anstatt das anderen zu überlassen?

Holm: Ich wusste ja über meine eigene Geschichte relativ gut Bescheid – dass ich weder jemanden bespitzelt habe und wohl auch keine operative Akte habe, weil ich überwacht wurde.

ZEIT ONLINE: Eine Interviewpartnerin im damaligen taz-Gespräch sagte, die Stasi sei eine kriminelle Vereinigung gewesen. Würden Sie das unterschreiben?

Holm: Ja, sie war Teil eines Unrechtssystems und ein zentrales Instrument, um Leid über viele Leute zu bringen. Unabhängig davon, dass ich selbst zu kurz dabei war, um jemandem richtig zu schaden, ist das eine Verantwortung, die ich auch spüre. Ich wäre, wenn die DDR nicht zusammengebrochen wäre, mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit in die Situation gekommen, Teil von diesem Unterdrückungssystem zu werden. Ich verstehe also, wenn gerade die, die zu DDR-Zeiten verfolgt wurden, heute sagen: Über diese Personalie wollen wir reden. Aber ich habe das Gefühl, dass es zurzeit keine Diskussion ist, bei der sich ausschließlich Opfer der Staatssicherheit zu Wort melden.

ZEIT ONLINE: Wie erklären Sie sich, dass es so ein großes Thema geworden ist?

Holm: Ein Politikwechsel, wie er in Berlin eingeleitet wird, zieht eine Menge Gegenwind auf sich. Dass man sich da nicht nur an Sachthemen hochzieht, ist für mich keine Überraschung. Wir stecken in einer polarisierten gesellschaftlichen Auseinandersetzung, wo es natürlich auch darum geht, politische Projekte zu verhindern oder durchsetzen zu wollen. Es fühlt sich sehr ungut an, selbst zum Spielball solcher Machtspiele zu werden.

ZEIT ONLINE: In einer Solidaritätserklärung von Wissenschaftlern, heißt es: "Diese Diskreditierungsversuche gegen seine Person müssen als der Versuch verstanden werden, eine Änderung der Stadt- und Wohnungspolitik zu unterbinden." Muss das so verstanden werden?

Holm: Ich will mich nicht über die Motive derer erheben, die Kritik an der Personalentscheidung haben. Aber das, was wir uns vorgenommen haben, ist tatsächlich ein deutlicher Richtungswechsel der Wohnungspolitik in Berlin. Wir haben eine ganz klare Priorisierung von sozialen Funktionen des Wohnens gegenüber privaten Profiten oder privaten Interessen.

ZEIT ONLINE: Der Stasivorwurf wird aus Ihrer Sicht instrumentalisiert, um einen Staatssekretär loszuwerden, der die Interessen der Immobilienwirtschaft berührt?

Holm: Das weiß ich nicht, da müsste man wissen, wer warum welche Vorwürfe erhebt und welche Motive sie haben.

ZEIT ONLINE: Sie sind 2007 für drei Wochen in Haft gekommen als angeblicher Unterstützer der linksradikalen "militanten gruppe". Der BGH hat den Haftbefehl später aufgehoben, das Verfahren wurde eingestellt. Hat das Ihr Vertrauen in den Rechtsstaat erschüttert?

Holm: Man hat mich eineinhalb Jahre lang überwacht und ins Gefängnis gesteckt – das war eine sehr unangenehme Geschichte, aber am Ende haben die Gerichte festgestellt, dass ein Großteil der Maßnahmen rechtswidrig gewesen ist. Da hat sich im Unterschied zur DDR die Überlegenheit eines rechtsstaatlichen Systems gezeigt. Hier ist es sogar möglich, dass Richter ihre eigenen Fehleinschätzungen korrigieren. Ich bin nicht blauäugig und denke, es gäbe hier keine Institutionen, die auch jenseits von Rechtsprinzipien agieren, aber im Großen und Ganzen funktioniert es ziemlich gut.

"Wir sind darauf angewiesen, im großen Umfang Gemeinwohl durchzusetzen"

ZEIT ONLINE: Dann reden wir über die Wende in der Wohnungspolitik die Rot-Rot-Grün anstrebt. Sie haben vor Ihrer Berufung geschrieben, der alte Berliner Senat habe kein Interesse gehabt, "sich mit Eigentümern, Investoren und Spekulanten anzulegen". Wird sich das ändern und wie wird es aussehen?

Holm: Wir werden auf jeden Fall mit allen Akteuren des Wohnungsmarktes Gespräche suchen und unsere Vorhaben werden in einer Reihe von gesetzlichen Verordnungen Niederschlag finden, die alle so gestaltet werden sollen, dass sie einen effektiven Schutz von Mietern garantieren. Die Sicherung von sozialen Belangen des Wohnens ist immer ein Einschnitt der Profitabilität derer, die damit Geld verdienen wollen. Wir haben uns aber auch schon mit Wohnungsmarktakteuren getroffen – die werden auch mit einem Staatssekretär Andrej Holm zurechtkommen.

ZEIT ONLINE: Der Vorstand eines Immobilienkonzerns hat erklärt, der rot-rot-grüne Koalitionsvertrag sei im Bereich Immobilien "eine Orgie an Einschränkungen von Eigentumsrechten". Wie steht der Staatssekretär Holm zu den Eigentumsrechten, zum Grundeigentum?

Holm: Das Eigentum wird nicht infrage gestellt. Aber wir wollen eine Priorisierung, eine Verantwortung für die sozialen gemeinwohlorientierten Belange, die in einer Stadt wichtig sind. Wir haben Eigentum, das wir sehr stark schützen und sogar ausbauen wollen, nämlich das öffentliche Eigentum bei den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften. Sie können eine Stadt, in der viereinhalb Millionen Menschen leben, nicht nach privaten Interessen einzelner Grundstückseigentümer organisieren, sondern wir sind darauf angewiesen, im großen Umfang Gemeinwohl durchzusetzen.

ZEIT ONLINE: Wie soll das konkret geschehen?

Holm: Wir haben da eine Reihe von Instrumenten die auch schon in der Vergangenheit diskutiert wurden. Dazu gehört das Zweckentfremdungsverbot, das muss überarbeitet werden, sodass es tatsächlich hilft – nicht nur gegen die Ferienwohnungen, sondern auch gegen spekulativen Leerstand. Das soll genutzt werden um bei Abrissen den Neubau von preiswerten Wohnungen zu erzwingen, was es bisher nicht gibt. Wir werden die Milieuschutz-Satzungen, die mit qualifizierten Umwandlungsverordnungen verbunden sind, ausweiten. Wir werden Instrumente des Vorkaufsrechts stärker in Anschlag bringen, um den Wohnungsbau anzukurbeln. Es gibt nicht den Königsweg, den einen Hebel, der alles richtet. Wohnungspolitik in sozialer Verantwortung muss immer ein Zusammenspiel von ganz vielen einzelnen Elementen sein.

ZEIT ONLINE: Aber was ist daran neu und radikal?

Holm: Unsere Wohnungspolitik wird sich von der bisherigen Politik unterscheiden. Nicht so sehr die Einzelinstrumente werden sich verändern, sondern das Ziel, mit dem wir sie einsetzen. Ob das erfolgreich ist, ob wir tatsächlich den großen immobilienwirtschaftlichen Druck, den es in Berlin ja unbestritten gibt, stoppen können, ob Berlin auch langfristig eine Stadt ist, in der Leute mit wenig Einkommen in der Innenstadt wohnen können, das wird man sehen.

ZEIT ONLINE: Die städtischen Wohnungsbaugesellschaften sollen jetzt für 10 Euro pro Quadratmeter neu bauen – wie soll das gehen? Angesichts steigender Bodenpreise und Baukosten und kostspieligen Klimaschutzauflagen kommt man doch schon auf Erstellungskosten nicht unter 13 Euro pro Quadratmeter …

Holm: Da gibt es unterschiedliche Einschätzungen. Es gibt auch in der Innenstadt Berlins Wohnungsbauprojekte, bei denen gezeigt wurde, dass man auch für 4,50 pro Quadratmeter bauen kann. Die Wohnungsbaugesellschaften bekommen in jedem Fall Unterstützung: Grundstücke werden in den Bestand der Wohnungsbaugesellschaften überführt und sie bekommen eine Eigenkapitalaufstockung, um finanziell leistungsfähiger zu sein und stärker investieren zu können.

ZEIT ONLINE: Wenn die Bauwirtschaft darauf hinweist, dass man kaum unter 13 Euro pro Quadratmeter netto kalt bauen kann – das ist bloß kapitalistische Propaganda?

Holm: Wenn ich den Profit rausrechne, wird es schon preiswerter. Außerdem hängen die Mietkosten nicht nur an den Baukosten – auch wenn wir die Bauauflagen so weit verändern würden, dass man günstiger bauen kann, gibt's keine Garantie dafür, dass im privaten Wohnungsbau tatsächlich auch ein günstigerer Mietpreis herauskommt.

ZEIT ONLINE: Ist das unanständig, Rendite auf Wohneigentum? Oder gibt's eine Höhe der Rendite von der Sie sagen würden, die ist unanständig?

Holm: Nein, so funktioniert Verwertung eben. Aber wir werden natürlich da, wo es preiswerte Mieten gibt, auch bei Bestandswohnungen und im privaten Wohnungsmarkt versuchen, die Mieterinteressen so stark wie möglich zu schützen. Der Bestand bei den städtischen Wohnungsbaugesellschaften soll auf 400.000 Wohnungen angehoben werden und wir haben zurzeit über 100.000 Sozialwohnungen, die wir dauerhaft sichern wollen als bezahlbaren Wohnraum.

ZEIT ONLINE: London, Paris, New York – Metropolen, in denen das Wohnen unbezahlbar für Normalverdiener ist, gibt es viele. Haben Sie ein Vorbild einer Stadt, die besonders gut funktioniert?

Holm: Nein. Ich könnte mir einen großen gemeinnützigen Sektor wie in Wien und die Mitsprachemöglichkeiten der Bewohnerschaft wie im dänischen Genossenschaftswesen vorstellen. Ich will weder das ganze Kopenhagen noch das ganze Wien haben. Im Moment sind wir dabei, uns mit vielen Instrumenten aus anderen Städten zu beschäftigen und zu überlegen, wie kann man die übertragen, ohne dass es eine Kopie einer anderen Stadt wird. Berlin ist einfach Berlin.

ZEIT ONLINE: Könnte diese wohnungspolitische Wende in Berlin, falls sie denn klappt, Modellcharakter haben?

Holm: Das wäre schon schön, zumal ja viele Städte mit diesem starken Verdrängungsdruck und dem sozialen Versorgungsproblem zu tun haben. Die Neoliberalisierung der Stadtpolitik ist ein globaler Trend – wir hoffen, dass wir in Berlin eine Alternative finden. Sozialen Fragen den Vorrang vor privaten Profiten zu geben und mehr Bürgerbeteiligung und Mitbestimmung zu gewähren – das sind schon zwei ziemlich gute Grundprinzipien, die wir jetzt umsetzen müssen.

ZEIT ONLINE: Das klingt nicht so, als ob Sie erwarten, demnächst Ihren Hut nehmen zu müssen …

Holm: Selbst, wenn ich davon ausgehen würde, würde ich es vermutlich in einem Interview nicht formulieren. Ich würde mir ja diesen ganzen Stress auch nicht antun, wenn ich nicht der Überzeugung wäre, dass ich hier was erreichen kann. Ich brauche weder einen unbefristeten Job, noch habe ich einen Lebensstil, der ein höheres Einkommen verlangt. Wir haben eine Chance, das Wohnen in Berlin anders zu gestalten als bisher – und darauf habe ich Lust.

ZEIT ONLINE: Ist das nicht auch der zentrale Grund, warum ein Staatssekretär Holm verhindert werden soll – die wohnungspolitische Wende hin zum Sozialen?

Holm: Na ja, das ist sicher ein Politikwechsel, der nicht allen gefällt. Wenn sich Politik tatsächlich substanziell ändert, hat es im Großen und Ganzen immer auch mit Umverteilung zu tun – und bei Umverteilung gibt es Gewinner und Verlierer. Das ist aber der Kern einer demokratischen Gesellschaft – dass man Dinge auch mal verändern kann, dass man sagen kann: Wir wollen jetzt einen Wechsel.