Auch nach dem Veto ihrer Parteivorsitzenden fordern einige Unionspolitiker, die Abkehr vom Doppelpass zum Thema des anstehenden Bundestagswahlkampfs zu machen. Der schleswig-holsteinische CDU-Landesvorsitzende Daniel Günther sagte den Zeitungen der Funke-Mediengruppe mit Blick auf den umstrittenen Parteitagsbeschluss: "Natürlich wird er im Bundestagswahlkampf eine Rolle spielen." Die Optionspflicht gehöre ins Wahlprogramm. 

Mitte der Woche waren die CDU-Delegierten auf ihrem Parteitag überraschend vom Kompromiss mit der SPD bei der doppelten Staatsbürgerschaft abgerückt. Das führte nicht nur zu Empörung beim Koalitionspartner, sondern auch zu Widerstand der Parteiführung. Kanzlerin Angela Merkel, die zu dem Zeitpunkt zur Parteivorsitzenden wiedergewählt worden war, stellte in anschließenden TV-Interviews klar, dass es beim Koalitionsbeschluss in dieser Frage bleibt und das Thema auch nicht im anstehenden Bundestagswahlkampf thematisiert werden soll.

Derzeit dürfen in Deutschland geborene Kinder von Zuwanderern neben der deutschen Staatsbürgerschaft auch die Staatsbürgerschaft ihrer Eltern behalten. Die früher geltende Optionspflicht sah vor, dass sich solche Nachkommen bis zu ihrem 21. Geburtstag für eine von beiden Staatsbürgerschaften entscheiden mussten. Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD wurde dann auf Druck der Sozialdemokraten vereinbart, diesen Entscheidungszwang abzuschaffen, so dass es möglich ist, dauerhaft beide Staatsbürgerschaften zu behalten – was dann zum Dezember 2014 auch umgesetzt wurde.

Unterstützung bekommen die CDU-internen Kritiker dieses Doppelpasses auch von der CSU. Generalsekretär Andreas Scheuer hält diese Regelung  für nicht mehr zeitgemäß: "Da hatten wir noch keine massenhafte Zuwanderung von Menschen, von denen viele wohl auch Bleibeperspektive haben. Wir hatten auch noch keine türkische Innenpolitik auf deutschem Boden", sagte er der Welt. Er bezog sich damit auf Demonstrationen türkischstämmiger Bürger in Deutschland für den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan.

Darauf zielt auch CDU-Vorstandsmitglied Stefan Heck ab, wenn er der Bild-Zeitung sagt: "Ich werde mich dafür einsetzen, dass die Forderung an zentraler Stelle im Wahlprogramm 2017 auftaucht. Insbesondere die Erdoğan-Demonstrationen in Köln mit türkischen Flaggen haben gezeigt, dass wir hier handeln müssen."

In der CDU gibt es zudem deutliche Kritik an Merkels Distanzierung im Anschluss des Beschlusses. Er kenne "keinen Kreisvorsitzenden, der den Beschluss des eigenen Kreisparteitages anschließend als falsch bezeichnet", sagte der Innenexperte Armin Schuster der Rheinischen Post. "Was Angela Merkel da gemacht hat, wird viele Delegierte provozieren." Und CSU-General Scheuer sagt: "Wir können nicht mit Verweis auf den Koalitionsvertrag achselzuckend sagen: Wir bleiben jetzt halt dabei."

Die Aussichten für eine schwarz-grüne Koalition im Bund seien durch das Votum der Delegierten in Essen nicht gestiegen, sagte Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt der Saarbrücker Zeitung. Diese Option sei schon wegen der CSU schwierig. "Nun ist sie auch wegen der CDU mindestens genauso schwierig geworden." Entscheidend bleibe aber, was nach der Wahl im kommenden Herbst in welcher Konstellation rechnerisch und inhaltlich möglich sei.