"Das sind wir den Opfern schuldig." Horst Seehofer, wer hätte Nachdenklicheres erwartet, hat den Anschlag von Berlin dazu benutzt, der Welt im Allgemeinen und Angela Merkel im Besonderen zu demonstrieren, dass er mit seinen Forderungen nach einer Umkehr in der Flüchtlingspolitik schon immer recht hatte. Da er das zu einem Zeitpunkt tat, da er noch gar nicht wissen konnte, ob der Täter tatsächlich ein Flüchtling ist, war das nicht nur dreist, sondern auch verantwortungslos.

Dass Seehofer seinen Reflex, den Tod von zwölf Menschen umgehend politisch zu instrumentalisieren, dann auch noch mit der moralischen Verpflichtung gegenüber den Opfern begründet, gibt dem Ganzen etwas Widerliches. Mieser ist da nur noch die AfD, die ihre Frontalangriffe gegen die Kanzlerin ("Blut an Merkels Händen") mit einer Mahnwache vor deren Amt garniert. Im Moment der Trauer schlägt die Stunde der Hetzer.

Die einen wollen politischen Profit aus dem Anschlag ziehen – und die anderen verbreiten Panik. Von "ANGST" in halbseitiger Aufmachung ist in den Boulevardmedien die Rede, von einer verunsicherten Bevölkerung, von Menschen, die sich nicht mehr in die Öffentlichkeit trauten.

Nur: Wer in den Tagen nach dem Anschlag auf Berlins Straßen unterwegs ist, spürt diese Angst nirgends. Man trifft allerorts auf Mitgefühl mit den Opfern, auf Nachdenklichkeit, von Panik keine Spur. Die Berliner bleiben gelassen, zeigen eine erstaunliche Angstresistenz, sind eher trotzig. Die Angst, die man beschreibt, will man durch solche Artikel offenbar selbst erzeugen. Weil Angst sich besser verkauft und höhere Quoten bringt als Gelassenheit.

"Merkels Tote"

Hinter der Hetze der einen und der Panikmache der anderen lauert eine Anschlagsgeilheit, die im Schlimmen immer zuerst das Nützliche sieht. Als hätte sie nur darauf gewartet, nutzte AfD-Chefin Frauke Petry den Terrorakt von Berlin, um noch am Anschlagsabend in einer Wutschrift die wahrhaft Schuldige an den Facebookpranger zu stellen: "Merkel muss weg! Es ist höchste Zeit!"  Und ihr Lebensgefährte Marcus Pretzell, Landesvorsitzender der AfD Nordrhein-Westfalen, konnte es offenbar kaum erwarten, bis er endlich twittern durfte, was er immer schon mal twittern wollte: "Es sind Merkels Tote!"

Von diesem Niveau ist Seehofer zwar noch ein Stück entfernt, doch er nähert sich ihm an – und seine CSU gleich mit. Als sich herausstellte, dass der noch am Anschlagsabend verhaftete Pakistani nicht der Täter sein konnte, war das Markus Söder längst egal. Durch die vielen Flüchtlinge sei die Anschlagsgefahr prinzipiell erhöht – also müsse die Flüchtlingspolitik geändert werden, meinte er. Dass sie das de facto schon lange ist, erscheint weniger wichtig als der Fakt, dass die CSU erkennbar die Absicht verfolgt, ihre Eskalationsdominanz gegenüber der Kanzlerin weiter auszuspielen. Merkel so lange unter Druck zu setzen, bis sie "Obergrenze" sagt, könnte sich noch einmal als fatale Strategie erweisen. Nicht dass die Union im Wahljahr 2017 plötzlich mit leerem Kanzleramt dasteht.

Berlin - "Euer Hass ist unser Ansporn" Am zweiten Abend nach dem Terroranschlag demonstrierten in Berlin linke und rechte Gruppierungen. Dabei kam es auch zu unangekündigten Aktionen Rechtsextremer. © Foto: ZEIT ONLINE

London und Paris machten es vor

Die Strategen der Eskalation, die Hetzer und die Angstmacher würden vielleicht weniger eskalieren, hetzen und Angst machen, wenn sie aus den Anschlägen der letzten Jahre in Europa die richtigen Erkenntnisse gezogen hätten. Als im Juli  2005 islamistische Selbstmordattentäter 56 Menschen in Londoner U-Bahn-Zügen und Doppeldeckerbussen töteten, bewunderte die Welt, wie die Briten zugleich voller Anteilnahme und ohne jede Hetze gegen Muslime auf die Anschläge reagierten. Nach den Terrorakten von Paris im Jahr 2015 wurde allerorten gelobt, dass sich die Franzosen ihren Lebensstil und ihre Lebensfreude nicht nehmen ließen.

Jetzt in Berlin ist es nicht anders als damals in London und Paris: Die Menschen zeigen sich in ihrer übergroßen Mehrheit nicht anfällig für die Parolen der Hetzer und Angstmacher. Und darin offenbart sich nicht nur die Zivilisiertheit der westlichen Gesellschaften. Sondern auch ihre Wehrhaftigkeit.