Nicht mal eine Woche ist das Bündnis aus Rot-Rot-Grün in Berlin im Amt, schon gibt es Diskussionen über die Stasi-Vergangenheit des nominierten Staatssekretärs Andrej Holm. Der Stadtsoziologe ist von der Linken für das strategisch wichtige Ressort Städtebau und Wohnen nominiert worden. Zu DDR-Zeiten entschied er sich für eine Stelle bei der Stasi, bevor das Ende des Staates auch seine Karriere beendete. Das sorgt für Unmut, nicht nur bei der Opposition.

"Ich halte das für einen Tabubruch", sagte Hubertus Knabe, Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. "Mir ist kein Fall aus der Vergangenheit bekannt, dass ein Regierungsmitglied in Bund und Ländern einen Stasi-Ausweis besessen hätte."

Die Opposition im Abgeordnetenhaus spricht von "Affront", zumal sich Holm nach der Wende als Hausbesetzer und linker Aktivist betätigte. "Die Berufung verhöhnt die Opfer des DDR-Regimes und ebnet so, knapp ein Vierteljahrhundert nach Beseitigung der Spitzelbande, dieser den Weg zurück in höchste Regierungsämter", sagte FDP-Fraktionschef Sebastian Czaja.

Statt über seinen neuen Posten, musste Holm beim heutigen Linken-Parteitag zunächst über seine Vergangenheit reden. Aus dieser macht er kein Geheimnis.  "Ich bin damit immer offen umgegangen", sagte der 46-jährige. "Ich bin in einem antifaschistischen Haushalt aufgewachsen." Der Großvater war im KZ, sein Vater bei der Stasi. Auch er habe an die DDR geglaubt. Dann habe er als Jugendlicher "unterschrieben". Später, als die Wende absehbar war, habe er gezweifelt: "Ich hatte aber nicht den Mut zu sagen, ich steige da wieder aus."

Holm wollte "länger bei der Stasi bleiben"

Deshalb begann Holm im September 1989 nach seinen Schilderungen eine Grundausbildung beim Stasi-Wachregiment "Feliks Dzierzynski", "um danach länger bei der Staatssicherheit zu bleiben". Die Militäreinheit bewachte Regierungsgebäude, die SED-Siedlung Wandlitz oder auch den Stasi-Knast in Hohenschönhausen. In ihr dienten Leute, die eine Stasi-Karriere anstrebten, aber auch solche, die sich für einen dreijährigen Wehrdienst entschieden.

Über die Auflösung der Stasi und das Ende der DDR sei er "extrem erleichtert" gewesen, so Holm. "Heute würde ich das anders machen", betont er. "Ich habe Schlussfolgerungen gezogen, dass ich mit wirklich vollster Überzeugung eine Gesellschaft, in der Freiheit, Demokratie, Mitbestimmung und Meinungsfreiheit herrschen, allen anderen vorziehe."

Trotz Kritik steht die Linke zu ihrer Nominierung. Holm ist als renommierter Forscher für seine Forschung zu und Kritik an der sogenannten Gentrifizierung in den Städten bekannt. "Er war ein Kind seiner Zeit, seines Umfelds", sagte Holms künftige Chefin, Städtebau-Senatorin Katrin Lompscher (Linke). "Wir haben alle ein Recht auf Irrtum und Korrektur." Die neue Linken-Landesvorsitzende Katina Schubert sagte, Holm habe "weder gespitzelt noch zersetzt".

SPD und Grüne dürften die Debatte aufmerksam verfolgen, auch wenn sich zunächst kein Politiker aus der ersten Reihe zu Wort meldete. Andreas Otto, Grünen-Abgeordneter und DDR-Bürgerrechtler, sagte, der Koalitionsvertrag lasse keine Zweifel, dass die Regierung sich für eine Aufarbeitung des DDR-Unrechts und das Andenken an die friedliche Revolution einsetze. "Ich gehe davon aus, dass auch in dieser Legislatur wieder eine Überprüfung auf Stasi-Vergangenheit bei Amts- und Mandatsträgern stattfindet. Das kann man dann nüchtern bewerten.", sagte er. Trotzdem könnte die Personalie einen  Schatten auf das Dreierbündnis werfen, das in dieser Form noch einmalig in Deutschland ist.