Es gab nicht viele, die dafür sorgten, dass wir Deutschen auf dem dünnen Eis der Demokratie nach 1949 nicht eingebrochen sind. Die große Liberale Hildegard Hamm-Brücher gehörte dazu. Von Anfang an und bis an ihr Lebensende im Alter von 95 Jahren. Es nicht übertrieben, Glück zu empfinden und Dankbarkeit, wenn man das Lebenswerk dieser eindrucksvollen Frau Revue passieren lässt.

Demokratie war ihr Lebensthema. Sie empfand es als "Erblast, dass unsere Demokratie nicht aus einem Freiheitskampf entstanden ist." Wie ein zweiter "Gründungsmakel" erschien ihr die Vereinigung der Deutschen 1990 als formaler Anschluss des DDR-Gebiets an die BRD – und eben nicht im Plebiszit über eine gemeinsame Verfassung. In den vergangenen Jahren alarmierte sie die "grassierende Politik(er)- und Demokratieverdrossenheit, die Entfremdung zwischen Gesellschaft und demokratischen Institutionen" – und Geschichtsvergessenheit.

Worin gründete ihre Leidenschaft, ihr Widerspruch gegen alles Nazistische, Autoritäre, den demokratischen Anstand Beschädigende? "Ich wollte und musste mit mir im Reinen bleiben", ist ein Schlüsselsatz ihrer Biografie.

"Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit"

1921 in eine bürgerliche Familie in Essen geboren, mit elf Jahren verwaist, wuchs sie bei ihrer jüdischen Großmutter in Dresden auf. Die Nürnberger Gesetze machten Hamm-Brücher zu einer sogenannten "Halbjüdin". Zwei ihrer Brüder kamen ins Arbeitslager, einer ging in den Untergrund, die 80-jährige Großmutter brachte sich 1942 um, nachdem sie den Deportationsbefehl nach Theresienstadt erhalten hatte.

Die Enkelin studierte inzwischen an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität Chemie, zwangsexmatrikuliert zwar, aber beschützt von ihrem Doktorvater, dem Nobelpreisträger Heinrich Wieland. Sie kannte Sophie Scholl, war mit einigen Mitgliedern der Weißen Rose befreundet und wusste doch nichts von ihrem Widerstand, den einige mit ihrem Leben bezahlten. "Warum lebe ich noch?", fragte sich die 22-jährige Studentin verzweifelt – und fand die Antwort: um nach dem Ende der Schreckensherrschaft zu kämpfen für das, wofür ihre Freunde gestorben waren.

Ein Satz aus den Flugblättern der Weißen Rose wurde zum Grundgesetz ihres Lebens: "Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, statuiert Exempel, seid verantwortlich für euer Tun und Lassen, unterlasst Wegsehen und Schulterzucken."

Bildung als Lebensthema

Ermutigt, in die Politik zu gehen (und in die FDP), hatte sie Theodor Heuss. Die junge Reporterin, der Erich Kästner das journalistische Handwerk beibrachte, interviewte 1946 den Kultusminister von Württemberg-Baden und späteren ersten Bundespräsidenten über die Reform des Bildungswesens. Heuss war für sie der erste Deutsche, der sich rückhaltlos für den Aufbau der Demokratie begeisterte, sie nannte ihn später den "Abraham Lincoln unserer Demokratie".

Er wurde ihr Ziehvater und die Demokratisierung der Bildung ihr zweites Lebensthema: ob als Münchner Stadträtin von 1948 an, ob als bayrische Landtagsabgeordnete bis 1976 und Bundestagsabgeordnete bis 1990; ob als Staatssekretärin für Bildung und Wissenschaft in Hessen 1967 bis 1969 und Bonn (1969 bis 1972) und schließlich als Staatsministerin im Auswärtigen Amt von Hans-Dietrich Genscher von 1976 bis 1982.

Sie kämpfte für die Abschaffung der Konfessionsschulen und dafür, dass Mädchen auf staatliche Gymnasien gehen durften; sie führte die ersten Gesamtschulen und Vorschulen ein. Das zählebige dreigliedrige Schulsystem mit seiner frühen Auslese und Hierarchisierung hielt sie immer für zutiefst undemokratisch.

So jemand hat natürlich auch viele Kämpfe verloren in einer Gesellschaft, die noch jahrzehntelang von Nazis und Reaktionären durchwirkt war. Die Nachkriegsgesellschaft charakterisierte sie einmal treffend als "sich selbst rehabilitierendes Volk von Unschuldslämmern".

Der Bruch mit der eigenen Partei

Hildegard Hamm-Brücher war aus so völlig anderem Holz geschnitzt, eine Individualistin und oft eine temperamentvolle Einzelkämpferin, dabei stets elegant in Kostüm und Seidenbluse, das irgendwann schneeweiße Haar wohlfrisiert, eine schöne Frau obendrein. Ihre Karriere verdankte sie nicht unbedingt der eigenen Partei, sondern ihrem Erfolg bei den Wählern – das bayerische Wahlgesetz ermöglichte das, es stärkte nicht nur ihr Selbstbewusstsein, sondern auch ihre innere Unabhängigkeit.

Die sechziger Jahre empfand Hildegard Hamm-Brücher als "Epochenwechsel": Studenten rebellierten gegen eine Elterngeneration, die die NS-Vergangenheit verdrängte, mehr und mehr Bürger waren bereit zu gesellschaftlicher Reform, und mit der sozialliberalen Regierung Willy Brandts begann 1969 das, was Hildegard Hamm-Brücher ihre "beste, befriedigendste und erfolgreichste Zeit" nannte: "Irgendwie erfand sie die Bundesrepublik neu (...) Es waren die unruhigsten Zeiten ihrer Geschichte (...) sie begründeten meine Identifikation mit unserem Land."

Politische Isolationshaft

1982 war es vorbei, die Wende ihrer Partei von Kanzler Helmut Schmidt zu Helmut Kohl mithilfe eines konstruktiven Misstrauensvotums konnte Hildegard Hamm-Brücher, obwohl Genschers Staatsministerin, nicht mittragen. Wie sie das am Rednerpult des Bundestages und vor Millionen Fernsehzuschauern begründete, gehört ins Geschichtsbuch unserer Demokratie. Beide hätten das nicht verdient, erklärte sie, Helmut Schmidt ohne Wählervotum gestürzt zu werden, "und Sie, Helmut Kohl, ohne Wählervotum zur Kanzlerschaft zu gelangen... Diese beiden Vorgänge haben meinem Empfingen nach das Odium des verletzten demokratischen Anstands. Sie beschädigen quasi die moralisch-sittliche Integrität von Machtwechseln." Sie habe Schmidt ja gerade erst das Vertrauen ausgesprochen, sie könne es ihm jetzt nicht entziehen.

Es kostete sie alle politischen Ämter, eine qualvolle Zeit der politischen "Isolationshaft" begann – doch sie fand ihr drittes Lebensthema, die Parlamentsreform: "Demokratiepolitisch wurde es das für mich bedeutsamste, aber auch erfolgloseste Engagement." Die Rechte der Abgeordneten stärken, ihre Gewissensfreiheit achten, wie es ja Artikel 38 des Grundgesetzes verlangt, aber äußerst selten passiert: Hildegard Hamm-Brücher war überzeugt, dass durch eine solche Reform Vertrauen in die Politik zurückgewonnen werden könne.

Vergeblich. Doch Demokratiepolitik blieb ihr Thema auch nach 1990, als sie aus dem Bundestag ausschied. Was tun gegen sinkende Wahlbeteiligung und wachsende Parteienverachtung? In ihrem letzten Buch Und dennoch... Erinnern für die Zukunft plädiert sie für Volksbegehren und -entscheide auf Bundesebene, politische Mitbestimmung auch zwischen den Wahlen – ganz im Sinne des Grundgesetzes Artikel 20, nach dem alle Staatsgewalt vom Volk ausgeht "in Wahlen und Abstimmungen".

Sie wollte eine Beschützerin sein

1994 kandidierte Hildegard Hamm-Brücher für das Amt des Bundespräsidenten. Vergeblich: Angenehme Überraschungen sind bei diesem Ritual nicht vorgesehen. 2002 verließ sie die FDP, als deren "große Dame" sie lange apostrophiert worden war, von der sie sich aber längst entfremdet hatte. Antisemitische Äußerungen des stellvertretenden Parteivorsitzenden Jürgen Möllemann und die Reduzierung liberaler Politik auf ökonomistisches Denken: Es reichte ihr.

Die "freischaffende Liberale", wie sie sich seither nannte, 2011 mit dem Marion Dönhoff Preis geehrt, vergab sie selbst seit 1965 einen höchst originellen und begehrten Preis für Zivilcourage und eine "freie Bürgergesinnung", den Theodor-Heuss-Preis. Es war eines ihrer vielen Unternehmungen, um Demokratie nicht nur als "Staatsform, sondern als Lebensform" zu propagieren, "freiheitliche Praxis im Alltag, Fairness, Zivilcourage."

Vor etlichen Jahren hat Hildegard Hamm-Brücher dem ZEIT-Magazin einen Traum erzählt: Wie sie als kleines Mädchen vom Zehnmeterbrett springt, sich überwinden muss und darauf vertraut, dass der Vater sie in jedem Fall beschützen werde. Er starb wenig später, die Mutter auch. Eine Beschützerin, eine Retterin habe sie immer werden wollen, sagte sie über ihren Traum, ein kleines Mädchen aus dem Wasser ziehen.