Anschlag in Berlin - Anis Amri in Italien erschossen Der mutmaßliche Attentäter auf einen Berliner Weihnachtsmarkt ist bei einer Schießerei in Italien getötet worden. Dem italienischen Innenminister zufolge wurde er durch seine Fingerabdrücke identifiziert. © Foto: Daniele Bennati/AP/dpa

Der mutmaßliche Berliner Attentäter Anis Amri ist tot. Wie inzwischen sowohl Generalbundesanwalt Peter Frank als auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mitteilten, wurde der europaweit gesuchte Tunesier in der Nacht am Bahnhof der Stadt Sesto San Giovanni im Großraum Mailand durch Polizisten erschossen. Zuvor hatte sich bereits der italienische Innenminister Marco Minniti mit entsprechenden Informationen an die Öffentlichkeit gewandt und italienische Medienberichte bestätigt. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte in einer Stellungnahme am Freitagnachmittag: "Wir können am Ende dieser Woche erleichtert sein, dass eine Gefahr vorüber ist."

Mailand

Nach den übereinstimmenden Angaben der Ermittler und Regierungsvertreter geriet Amri gegen 3 Uhr in eine Routinekontrolle der italienischen Polizei. Nachdem die Beamten ihn nach seinen Papieren gefragt hatten, soll er eine Pistole aus seinem Rucksack gezogen und "ohne zu zögern" geschossen haben. Die Einsatzkräfte erwiderten das Feuer. Ein Polizist wurde an der Schulter leicht verletzt, Amri getötet. Im Anschluss konnte der Tunesier anhand seiner Fingerabdrücke identifiziert werden. Italiens Innenminister Minniti zufolge besteht "nicht der Schatten eines Zweifels" an der Identität des Getöteten.

"Ich bin sehr erleichtert, dass von diesem Attentäter keine Gefahr mehr ausgeht", sagte de Maizière, beglückwünschte die italienischen Behörden und bedankte sich bei den beiden Polizisten, die Amri gestellt hatten. Im Fokus der weiteren Ermittlungen – "dieser Fahndungserfolg beendet die Ermittlungen selbstverständlich nicht" – steht nun die Suche nach mutmaßlichen Mitwissern und Helfern des Tatverdächtigen, die ihm möglicherweise auch bei der Flucht aus Berlin geholfen haben könnten. BKA-Chef Holger Münche sprach von einer "dreistelligen Zahl von Ermittlern, die auch über Weihnachten an dem Fall weiterarbeiten".

Auch Kanzlerin Merkel sagte, mögliche Helfer würden zur Rechenschaft gezogen. Die Ermittler würden weiter alle Spuren verfolgen und die Hintergründe der Tat ausleuchten, um in Erfahrung zu bringen, wer von Amris Tat wusste und wer ihn gedeckt habe.

Regierung prüft Gesetzesänderungen

Sowohl Merkel als auch de Maizière kündigten politische Konsequenzen an. "Dort wo Bedarf für politische oder gesetzliche Veränderungen gesehen wird, werden wir notwendige Maßnahmen in der Bundesregierung zügig verabreden und umsetzen", sagte die Kanzlerin. Die oberste Pflicht des Staates sei es, die Bürger zu schützen. Zwar sei eine Gefahr mit dem Tod des Verdächtigen vorüber, doch die Gefahr durch islamistischen Terrorismus bestehe weiter.

Merkel sagte außerdem, dass sie mit dem tunesischen Präsidenten gesprochen und im Gespräch mehr und schnellere Abschiebungen in das tunesische Land angekündigt habe. Der Fall Amri werfe viele Fragen auf, so Merkel. Nicht nur die Tat betreffend, sondern auch die Zeit davor. Sie wolle alles dafür tun, dass der Staat ein starker Staat sei. "Unsere Demokratie, unser Rechtsstaat, unsere Werte, unsere Mitmenschlichkeit sind der Gegenentwurf zum hasserfüllten Weltbild des Terrorismus."

Flucht mit dem Zug

Die Ermittler konzentrieren sich bei ihrer Arbeit nun auf die möglichst genaue Rekonstruktion von Amris Flucht. Nach Angaben des Mailänder Antiterrorchefs Alberto Nobili war der Tunesier mit dem Zug über Frankreich nach Italien gereist. Demnach kam er aus dem französischen Chambéry nach Turin und sei von dort ebenfalls mit dem Zug weiter nach Mailand gefahren, wo er gegen 1 Uhr am Hauptbahnhof angekommen sei. Daraufhin habe er sich zum Bahnhof Sesto San Giovanni begeben. Vor diesem Bahnhof, auf dem Platz des 1. Mai, traf er auf die Polizisten.

Diese wiederum hatten nach Angaben ihres Präsidenten keine Geheimdienstinformationen oder andere Hinweise darauf, dass sich Amri nach Mailand abgesetzt hatte. Amri habe sich verdächtig verhalten und sei deswegen kontrolliert worden. Die Polizeistreife habe keine Ahnung gehabt, dass es sich um den mutmaßlichen Berlin-Attentäter handeln könnte, sonst wäre sie vorsichtiger gewesen, sagt Antonio De Iesu.

Amri nach Anschlag nicht vor Moschee gefilmt

Ermittler waren bislang davon ausgegangen, dass Amri in Berlin oder Nordrhein-Westfalen untergetaucht ist – in den beiden Bundesländern also, in denen er in Deutschland größtenteils gelebt hatte. Berichte, wonach der Gesuchte nur wenige Stunden nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz von einer Überwachungskamera vor einer Berliner Moschee gefilmt worden sein soll, hat das Berliner Landeskriminalamt (LKA) inzwischen zurückgewiesen. Demnach zeigen die Bilder nicht Amri, wie Berlins Innensenator Andreas Geisel mit Verweis auf entsprechende LKA-Angaben in einer Sitzung des Landesinnenausschusses mitteilte.

Italien war für den Tunesier vertrautes Terrain. Vor seiner Ankunft in Deutschland im Juli 2015 hatte er mehrere Jahre in Italien verbracht, wurde dort wegen mehrerer Delikte belangt und bis Mai 2015 inhaftiert. Amri fiel mehrfach gewalttätig auf, Berichten zufolge radikalisierte er sich in einem Gefängnis in Sizilien. Als er nicht abgeschoben werden konnte, wurde er auf freien Fuß gesetzt. In Deutschland dann fiel Amri ebenfalls den Strafverfolgern auf. Er wurde als sogenannter Gefährder eingestuft und zeitweise überwacht. Im Dezember 2016 verloren die Behörden dann allerdings seine Spur – und fanden sie erst wieder, als sie seine Geldbörse in dem Sattelschlepper auf dem Breitscheidplatz fanden.