In Runde drei, kurz vor Minute drei, passiert es: Ismail Özen holt zu einem Leberhaken aus und trifft. Sein Gegner, ein 21-jähriger Georgier, sackt auf die Knie, schnappt im Boxring nach Luft. Özen wartet. Sein Herausforderer kann nicht mehr. "Five, six, seven, eight, nine … out!" Der Ringrichter bricht den Kampf ab. Technischer K.O., das war's. Der Hamburger Profiboxer Ismail Özen wird in der Hamburger Barclaycard Arena Intercontinental-Meister im Super-Mittelgewicht. Sieben Monate ist das her. Seitdem hat sich vieles im Leben des kurdisch-alevitischen Profiboxers, wie er sich selbst nennt, verändert.

Der Boxer Ismail Özen bei einer kurdischen Kundgebung im September in Köln © Oliver Berg/dpa

Er hat geheiratet – nicht irgendwen, sondern Janina Otto, Milliarden-Erbin und Tochter von Versandhauschef Michael Otto. Er hat in einem Camp im nordirakischen Kandil-Gebirge einen Guerilla-Krieger getroffen – nicht irgendwen, sondern Riza Altun, den hochrangigen PKK-Kommandanten, der in der Türkei auf der sogenannten Roten Liste steht. Auf derselben Terrorfahndungsliste steht auch Fethullah Gülen, den die türkische Regierung für den Drahtzieher des Putschversuchs am 15. Juli hält.

"Die PKK ist keine Terrororganisation", sagt Özen. Er bezeichnet sich als Friedensaktivist und Sportler und betont, er sei kein Mitglied der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK. Er lehne den Einsatz von Gewalt ab. Die PKK setze sich aber für die Interessen der Kurden ein und bekämpfe den "Islamischen Staat" (IS). "Ohne ihren Einsatz hätte es vermutlich noch viel mehr IS-Anschläge in Europa gegeben", sagt der 35-Jährige.

Von der Terrorliste nehmen?

Autobahnblockaden, Brandanschläge, Geiselnahmen: Dass die PKK nicht nur in der Türkei aktiv ist, zeigte sie in den neunziger Jahren auch in Deutschland. "Das war nicht in Ordnung, keine Frage. Aber diese Zeiten sind vorbei", sagt Özen. In der Tat hat sich die PKK in Deutschland einen neuen Ruf geschaffen. Sie wird mittlerweile von vielen als Gruppe von Widerstandskämpfern wahrgenommen, die sich dem IS entgegenstellt. Es gibt hierzulande Demonstrationen für ihre Anerkennung als Partei – und gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Linke Politiker fordern, die PKK in Europa von der Terrorliste zu nehmen.

Für die türkische Regierung ist das ein Albtraum. Sie wirft der Bundesregierung immer wieder vor, nicht entschieden genug gegen die PKK vorzugehen, sondern ihr einen "sicheren Anlaufhafen" zu bieten. Der türkische Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu konfrontierte den deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier damit im vergangenen November bei einer Pressekonferenz in der Türkei auf undiplomatische Weise.

Juristisch ist der Vorwurf der türkischen Regierung haltlos, denn die 1978 in der Türkei gegründete Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) wurde in Deutschland bereits 1993 verboten und mit einem Bestätigungsverbot belegt. 2010 hat der Bundesgerichtshof festgestellt, dass es sich bei der PKK um eine terroristische Vereinigung im Ausland handelt. Seit dem Betätigungsverbot sind in Deutschland über 100 hochrangige Funktionäre der PKK, die sich unter anderem als Gebietsleiter oder Spendensammler engagiert haben nach Paragrafen 129 a/b des Strafgesetzbuches zu teils mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

Außerdem gibt es 4.400 Ermittlungsverfahren gegen Mitglieder, Aktivisten oder Sympathisanten der PKK. Es geht dabei um Einzeldelikte, die von Verstößen gegen das Vereinsgesetz bis zu Brandstiftung oder schwerer Körperverletzung reichen. Neuerdings haben vereinzelt Richter bei der Urteilsverkündung die Rolle der PKK im Kampf gegen den IS gewürdigt. Doch das ändert nichts am Betätigungsverbot.

Die Bundesregierung verweist gern auf diese Zahlen. Dennoch ist die Untergrundorganisation in Deutschland aktiv, sie nutzt das Land als Rückzugs- und Rekrutierungsraum. Das belegen Informationen des Bundesverfassungsschutzes, die jedes Jahr publiziert werden.