Die Hessisch-Niedersächsische Allgemeine veröffentlichte 2006 einen Leserbrief. Darin schrieb ein damals noch unbekannter Björn Höcke zum alliierten Angriff auf Dresden 1945: "In der Weltgeschichte sind niemals zuvor und niemals danach in so kurzer Zeit so viele Menschen vom Leben zum Tode befördert worden wie im ehemaligen Elbflorenz."

Am Dienstagabend trat derselbe Höcke in Dresden auf. Bei einer Veranstaltung der Jugendorganisation der AfD sagte er: "Die Bombardierung Dresdens war ein Kriegsverbrechen. Sie ist vergleichbar mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki." Man habe nichts anderes gewollt, "als uns unsere kollektive Identität rauben". Als sei die damals gepflegte deutsche Identität nicht die der Nazis gewesen.

Mehr als zehn Jahre liegen zwischen beiden Äußerungen. In dieser Zeit hat es Höcke vom leserbriefschreibenden Lehrer zum Meister der rechten Provokation gebracht. Rassistische Aussagen über angebliche afrikanische Reproduktionsstrategien, Anspielungen auf "1.000 Jahre Deutschland" oder eine "dämliche Bewältigungspolitik": Immer formuliert er so, dass Wohlmeinende ihn noch am rechten Rand des demokratischen Konservativismus verorten können, während die äußerste Rechte die Bilder wohl zu lesen weiß.

Strategie: sprachlos machen

Dahinter steckt Methode. Und diese Methode ist niederträchtig. Denn es geht nicht nur darum, rechte Gedankenbilder in den politischen Diskurs einzuführen, ohne sich juristisch angreifbar zu machen. Das Ziel ist Überwältigung. Systematisch deuten rechtsgerichtete Politiker und Agitatoren zentrale Symbole des freiheitlichen, demokratischen Gemeinwesens Deutschlands um, und der Bürger weiß sich nicht zu wehren. Die Strategie  ist es, Begriffe und Bilder des demokratischen Diskurses zu diskreditieren und Demokraten im Wortsinn sprachlos zu machen. Jemand will uns die kollektive Identität rauben, sagt Höcke? Stimmt, Höcke selbst will das.

Es begann schon, als Höcke im Herbst 2015 während einer Talkshow von Günter Jauch eine Deutschland-Fahne aus der Jacke zog und über seinen Sessel legte. Ein Rechtsextremist vom Schlage der NPD hätte vielleicht ein schwarz-weiß-rotes Tuch dabei gehabt, die Farben des Kaiserreichs und des Nationalsozialismus. Höcke aber nutzte bewusst die Farben der Republik.

Diese schwarz-rot-goldene Fahne ist ein Freiheitssymbol. Sie stand für die erste deutsche Republik, die Demokraten der Weimarer Zeit versammelten sich unter diesen Farben gegen die Angriffe von Links- und Rechtsextremisten. Es ist die Fahne der Bundesrepublik, die dem Schrecken des Dritten Reichs ein demokratisches, freiheitliches, der Menschenwürde verpflichtetes Staatswesen entgegensetzte. 1989 schwenkten für ihre Freiheit kämpfende Bürger in der DDR diese Fahne, nachdem sie das Unterdrückungssymbol von Hammer, Zirkel und Ährenkranz herausgerissen hatten. Doch indem Höcke die Fahne für sich vereinnahmte, machte er aus ihr ein Zeichen für ein antidemokratisches, völkisches, fremdenfeindliches Deutschland.

Neurechte Untergangsbeschwörungen

Der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke kommt zu einer Veranstaltung der Jugendorganisation der AfD, der Jungen Alternativen, in Dresden. Begleitet wird er von Götz Kubitschek (2. von rechts), einem neurechten Verleger. © Johannes Filous/dpa

Solcherart Umdeutung setzt sich fort, wenn Höcke-Anhänger während seiner Veranstaltungen "Wir sind das Volk" grölen. War das nicht der Ruf jener Freiheitssuchenden, die sich gegen die Diktatur des SED-Regimes wehrten?

In Dresden nutzte Höcke die Methode abermals. Da sagte er zu jener berühmten Rede Richard von Weizsäckers zum Gedenken an den 8. Mai 1945, es sei eine Rede "gegen das eigene Volk" gewesen. Sogar seine von Agitatoren aufgepeitschten Anhänger im Saal verstummten da. Die meisten von ihnen waren alt genug um zu wissen, dass Weizsäckers Rede 1985 für viele Bürger wie eine Befreiung gewirkt hatte. Denn sie nahm nichts von der Schuld des deutschen Menschheitsverbrechens weg. Zugleich aber bewies sie: Auch wir wurden vom Nationalsozialismus befreit, wir haben gelernt und leben in einem der freiesten und egalitärsten Länder der Welt. Gerade weil wir uns daran erinnern, was geschehen ist.

Meint Höcke das gar nicht so?

Deshalb zielt Höckes Umdeutungsabsicht auch auf diese Erinnerungskultur: "Wir Deutschen sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz der Hauptstadt gepflanzt hat", sagte er. In diesem Satz zeigt sich die ganze Perfidie der Methode. Denn wer rechts denkt, weiß ihn zu deuten. Gleichzeitig schob Höcke für alle Empörten am Tag nach der Rede eine persönliche Erklärung nach. Er habe den Holocaust als Schande für "unser Volk" bezeichnet, dem "wir Deutschen" ein Denkmal gesetzt hätten.

Meinte Höcke seine Worte also gar nicht so, wie all die Aufrechten sie verstanden hatten? Doch, natürlich. In seiner Rede sagte Höcke nämlich noch mehr. Er sprach davon, man habe die Deutschen und ihre Identität 1945 "mit Stumpf und Stil" vernichten wollen, "man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das dann auch fast geschafft." Er sagte auch, die deutsche "Geistesverfassung, unser Gemütszustand (ist) immer noch der eines total besiegten Volkes". Solche Formeln sind typisch für die Untergangsbeschwörungen der Neuen Rechten, für ihre Niedergangsdrohungen. In diesem Kontext erlangt das Wort Schande eine ganz andere Bedeutung, als Höcke nachträglich glauben machen möchte.

Der zentrale Satz in Höckes Dresdener Rede ist aber ein anderer. Er lautet: "Wir müssen nichts weniger als Geschichte schreiben." Heißt: Geschichte umschreiben. Denn jedes Mal, wenn es den extrem Rechten gelingt, ein Symbol des demokratischen Gemeinwesens in ihrem Sinn umzudeuten, nehmen sie den demokratisch gesinnten Bürgern ein Werkzeug der Selbstvergewisserung aus der Hand.