Vor fünf Jahren hatte Bundespräsident Joachim Gauck bei seinem Amtsantritt eine Frage gestellt: "Wie soll es aussehen, das Land, zu dem unsere Kinder und Enkel einmal 'unser Land' sagen werden?" An diesem Mittwoch nun steht er im großen Saal von Schloss Bellevue, zur letzten großen Rede seiner Amtszeit, und stellt noch einmal dieselbe Frage.

Eine Jazzgruppe spielt ein fröhliches Alleluja und zunächst kann man fast den Eindruck gewinnen, das Land, das er damals skizziert hatte, sei bereits Wirklichkeit geworden. "Wir leben in einer Republik, die persönliches Glück und Fortkommen ermöglicht und die Freiheit und Chancengerechtigkeit und sozialen Ausgleich zu verbinden sucht", sagt Gauck. Er sei überzeugt, es sei das beste, das demokratischste Deutschland, das wir jemals hatten.

Aber natürlich ist das nur die eine Seite. Vor fünf Jahren hatte Gauck nämlich auch eine Reihe von skeptischen Fragen gestellt zur Zukunft des Landes: "Werden Menschen sich als Verlierer fühlen, wenn sie an den Rand der Gesellschaft geraten? Hat die europäische Idee bestand? Droht im Nahen Osten ein neuer Krieg? Kann ein verbrecherischer Fanatismus (...) friedliche Menschen bedrohen, einschüchtern und ermorden?"

Heute muss man konstatieren, dass sämtliche Befürchtungen von damals eingetreten sind. Das Bundespräsidialamt dokumentiert die Entwicklungen der vergangenen Jahre an diesem Tag sogar selbst: An die hohen Wände des Saals werden Schlagzeilen aus Zeitungen projiziert, die einigermaßen im Kontrast zum fröhlichen Musikstück stehen. Vom "Dauerkrisenmodus" ist da die Rede, von einem Europa, das "aus den Fugen ist", von einer "neuen Völkerwanderung", von Brandanschlägen auf Flüchtlingsunterkünfte  oder vom "ersten Selbstmordanschlag in Deutschland".

Diese Entwicklungen und Ereignisse führen dazu, dass der Bundespräsident heute einen deutlich skeptischeren Ton anschlägt als zu Beginn seiner Amtszeit. "Nun, nach fast fünf Jahren, bin ich stärker beeinflusst von dem Bewusstsein, dass diesem demokratischen und stabilen Deutschland auch Gefahren drohen", sagt Gauck. Mehr noch: "Die liberale Demokratie und das politische und normative Projekt des Westens, sie stehen unter Beschuss", so seine Analyse.

Das Risiko nicht scheuen

Im Rahmen dessen, was einem Bundespräsidenten an Klarheit möglich ist, unternimmt Gauck in seiner letzten großen Rede den Versuch, die politische Klasse aufzurütteln, sie zu sensibilisieren für den Ernst der Lage. "Wer sich in solchen Phasen versitzt in Entscheidungsschwäche und Risikoscheu, oder wer auf halbem Weg stehenbleibt, der muss unter Umständen einen hohen Preis zahlen", mahnt er.

Wer will, kann darin einen gut verpackten Angriff auf die Bundeskanzlerin sehen, der immer mal wieder vorgeworfen wurde, zu zögerlich zu handeln. Die Beziehung zu Merkel schien in den letzten Jahren nicht schlecht zu sein, obwohl sie zunächst seine Kandidatur nicht unterstützte – vielleicht auch aus Furcht, dass Gauck zu viel Klartext reden könnte. Sie musste erst von der FDP gezwungen werden, den Pastor aus dem Osten und ehemaligen Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde als Bundespräsidenten zu akzeptieren.

Am Ende der Amtszeit aber wollte Merkel Gauck sogar trotz seiner 76 Jahre zu einer erneuten Kandidatur überreden. Doch nun nutzt der die Gelegenheit, noch einmal deutliche Kritik zu üben: "Wenn für Teile der Bevölkerung die Regierenden nicht mehr Herr der Lage sind, haben Populisten einen Grund mehr, Zweifel an der liberalen Demokratie zu säen." Meint Gauck damit auch die Flüchtlingskrise im vergangenen Jahr? Das wiederum lässt er offen. Es klingt aber wie eine Schuldzuweisung, den Populisten zu viel Raum für ihr Werk gelassen zu haben.

Wichtig ist Gauck im Umgang mit dem Populismus aber auch noch etwas anderes: Die politischen Eliten dürften, sagt er, nicht auf jede missliebige Ansicht das Etikett "Populismus" kleben und so Menschen pauschal aus dem Diskurs ausgrenzen. Stattdessen müsse man eine Kommunikation wagen, "die deutlich stärker als bisher die Vielen einbezieht und nicht nur die, die regelmäßig am politischen Diskurs teilnehmen".

Gaucks Bilanz

Doch hat Gauck all das, was er nun von anderen einfordert, in seiner Amtszeit auch selbst eingelöst? Was bleibt von einem Präsidenten, der einst so hohe Erwartungen weckte und mit einem großen Vorschuss an Sympathie in sein Amt starten konnte?

Ein Teil der Antwort ist einfach: Gauck hat durchgehalten. Nachdem seine beiden Vorgänger aus ganz unterschiedlichen Gründen gescheitert waren, hat Gauck das Amt des Bundespräsidenten rehabilitiert, ihm seine Würde zurückgegeben. Das sagt an diesem Tag sogar der Linken-Fraktionschef Dietmar Bartsch über Gauck, obwohl die Linke Gauck nie mitgewählt hat.

Zu Gaucks politischer Bilanz gehört allerdings auch, dass ihm manches von dem, was er nun von anderen einfordert, auch selbst nicht gelungen ist. Gauck war ein Bundespräsident, der die Kraft des Wortes zu nutzen wusste und mit seiner Emotionalität viele anrührte, gewiss. Doch gerade in Ostdeutschland konnte er nicht vermitteln – dort also, wo die Zahl der Menschen besonders hoch ist, die mit den Institutionen und Werten der bundesdeutschen Gesellschaft hadern. Er, der Nichtpolitiker, der selbst aus Ostdeutschland stammt, wurde vielmehr als einer der Etablierten wahrgenommen und als Volksverräter beschimpft.