Die Parteimitglieder der Grünen haben in einer Urwahl über ihre Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl im September entschieden. Katrin Göring-Eckardt und Cem Özdemir werden die Partei in den Wahlkampf führen, wie die Grünen am Mittwoch bekanntgaben. Die Fraktionschefin und der Parteichef zählen zum bürgerlichen Flügel der Partei. Göring-Eckardt hatte ihren Platz schon vorher sicher, weil es nur eine Kandidatin für den Frauenplatz der Doppelspitze gab. Fraktionschef Anton Hofreiter und der schleswig-holsteinische Umweltminister Robert Habeck unterlagen Özdemir.

Das neue Spitzenduo kündigte an, die Partei "in ihrer ganzen Breite" in den Wahlkampf zu führen. Man wolle "deutlich zweistellig sein", sagte Göring-Eckardt mit Blick auf das angestrebte Ergebnis bei der Bundestagswahl. Man wolle im Bund wieder mitregieren. Göring-Eckardt rückte die Ökologie ins Zentrum: "Wir wollen die Natur erhalten und das Klima schützen, das wird der Kern des grünen Wahlkampfes sein", so Göring-Eckardt. Es gehe um "gutes Klima" in der Natur und in der Gesellschaft.

Das Ergebnis fiel äußerst knapp aus: Özdemir hatte einen Vorsprung vor dem zweitplatzierten Habeck von nur 75 Stimmen. Auf den Parteichef entfielen 12.204 Stimmen (35,96 Prozent), auf den Kieler Landesminister 12.129 (35,74 Prozent). Göring-Eckardt erhielt 23.967 Stimmen (70,63 Prozent), Hofreiter nur 8.686 Stimmen (26,19 Prozent). Abgegeben wurden insgesamt 33.935 gültige Stimmen. Die Wahlbeteiligung lag damit bei knapp 59 Prozent. Die Wähler konnten maximal zwei Stimmen abgeben.

Die Entscheidung wird eher als ein Signal für eine mögliche schwarz-grüner Koalition gewertet. Die Grünen legen sich allerdings vor der Wahl im September nicht auf ein Bündnis mit einer anderen Partei fest. Eine Wahl des als links geltenden Hofreiter wäre eher ein Signal für eine rot-rot-grüne Koalition gewesen. Beide Kombinationen haben derzeit in Umfragen keine Mehrheit. 2013 hatten die Grünen sich bei der Bundestagswahl für eine rot-grüne Koalition ausgesprochen und mit einem linken Kurs enttäuschende 8,4 Prozent geholt.

Die Thüringerin Göring-Eckardt war vor vier Jahren schon einmal Spitzenkandidatin, sie setze sich damals überraschend gegen die bekannteren Claudia Roth und Renate Künast durch. Sie war 1989 an der Gründung der Bürgerbewegung Demokratie Jetzt beteiligt, die im Bündnis 90 aufging. Sie ist in der evangelischen Kirche aktiv.

Für den Schwaben Özdemir ist Integration eines der wichtigsten Themen. Er wurde 1994 erster Abgeordneter türkischer Herkunft im Bundestag, seit 2008 ist er Parteichef. Der Sozialpädagoge war der bekannteste Bewerber für das Spitzenduo, Özdemir tritt oft in Talkrunden oder Nachrichtensendungen auf. Manche Parteilinke halten ihn allerdings für zu konservativ. Er gilt als möglicher Außenminister – falls die Grünen in der Opposition bleiben, ist seine Zukunft offen.

Realo-Duo muss linken Flügel einbinden

Trotz seiner Niederlage braucht die Partei Hofreiter, um den linken Flügel zu integrieren – darüber gibt es einen breiten Konsens. Der Vize-Ministerpräsident Habeck aus Schleswig-Holstein galt als am wenigsten bekannte Kandidat und Außenseiter. Viele trauen ihm zu, bei Realos und Linken zu punkten. Für den Bundestag wollte er nur kandidieren, wenn er die Wahl zum Spitzenkandidaten gewinnt. Er gilt als möglicher Nachfolger für Cem Özdemir an der Spitze der Bundespartei.

Özdemir bedankte sich nach der Wahl ausdrücklich bei Hofreiter und Habeck. Die Partei sei gut beraten, auf die Ideen der beiden zu hören. "Wir werden beide brauchen in Wahlkampf", so Özdemir.

Dass zwei Realos an der Spitze landen ist für die Grünen ungewöhnlich. "Der linke Flügel kann dann natürlich nicht das Ergebnis der Urwahl in Frage stellen, aber er muss dann inhaltlich Pflöcke einschlagen, um sichtbar zu bleiben", sagte der Parteienforscher Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin. Dies könne im Wahlkampf zum Problem werden, denn wenigstens in der Schlussphase sollten Parteien geschlossen wirken. "Die Bevölkerung mag es nicht, wenn sie nicht weiß, wen sie eigentlich wählt."

Göring-Eckardt selbst deutete das Wahlergebnis hingegen als Zeichen, dass die Mitglieder "nicht in Flügeln denken. das ist auch gut." Zu Koalitionsoptionen wollten die beiden Gewählten keine Aussage machen. Man werde vor allem auf sich selbst schauen, sagte Özdemir. Dazu wolle er auch mti denen ins Gespräch kommen, die as Vertrauen in die Demokratie verloren hätten.

"Wir werden ein geschlossenes Duo haben", sagte der Bundestagsabgeordnete Jürgen Trittin, der bei der Bundstagswahl 2013 gemeinsam mit Göring-Eckardt Spitzenkandidat war. Der Vertreter des linken Parteiflügels mahnte das Spitzenduo für 2017, darauf zu achten, alle Teile der Partei mitzunehmen. Ziel sei, dass die Grünen bei der Wahl im Herbst ein zweistelliges Ergebnis erzielten und drittstärkste Kraft würden.

Fraktionsvize Konstantin von Notz formulierte ebenfalls die Aufgabe, die Flügel-Ränder der Partei zu integrieren. "Das ist meiner Ansicht nach absolut zwingend und wird eine der ersten großen Herausforderungen", sagt von Notz. Der Bundestagswahlkampf habe begonnen. "Wir brauchen das Zusammenstehen, den Zusammenhalt." Wie andere Grüne auch sieht von Notz den Urwahl-Prozess nicht nur positiv. Personalfragen lenkten Aufmerksamkeit von politischen Prozessen ab, sagt er, und die Wahl sei unberechenbar. "Das ist ein aufwendiger Prozess und ein mutiger Prozess." Das Urwahl-Verfahren haben die Grünen vor der letzten Bundestagswahl erstmals eingeführt, um Streit über die Kandidaten zu vermeiden.