ZEIT ONLINE: Anfang Februar wollten CDU und CSU Angela Merkel gemeinsam zur Kanzlerkandidatin krönen, doch bei der Klausurtagung der CSU-Landesgruppe im Kloster Seeon hat Horst Seehofer dieses Treffen erneut infrage gestellt. Sehen Sie die Einheit der Union derzeit ernsthaft in Gefahr?

Werner Weidenfeld: Nein. Mit solchen Drohungen arbeitet die CSU seit Jahrzehnten. Das gehört ein Stück weit zu ihrem Erfolgsrezept, weil sie so immer wieder deutlich macht, dass sie nicht einfach ein Landesverband der CDU ist, sondern etwas ganz Besonderes.

Wenn die CSU zu leise wäre, hätte sie in Bayern viel weniger Erfolg. Das Problem ist, dass diese Strategie viel Feingespür verlangt. Derzeit droht die CSU allerdings die Balance zu verlieren. Zu viel Streit honorieren die Wähler auf Dauer nicht. Man sieht das auch in den Umfragen, die CSU hat in den letzten Monaten verloren.

ZEIT ONLINE: Für wen wäre ein Bruch der Fraktionsgemeinschaft denn schlimmer?

Weidenfeld: Für die CSU. Denn dann würde die CDU auch in Bayern antreten. Viele Anhänger der CSU würden zur CDU wechseln. Die CSU könnte ihren Anspruch auf Alleinherrschaft in Bayern vergessen, und auf Bundesebene würde sie womöglich gar an der Fünfprozenthürde scheitern. Die CSU müsste deswegen dann ebenfalls im ganzen Bundesgebiet antreten. Zwei Strömungen, die eigentlich zusammengehören, würden sich bekämpfen. Das gäbe die blutigsten politischen Auseinandersetzungen, die man sich vorstellen kann. Auch Franz Josef Strauß hatte seinerzeit daran kein Interesse.

ZEIT ONLINE: Nun hat aber Seehofer sehr klar angekündigt, nach der Wahl in die Opposition gehen zu wollen, wenn bei den Koalitionsverhandlungen keine Obergrenze für Flüchtlinge beschlossen wird.

Weidenfeld: Seehofer muss aufpassen, dass er rechtzeitig die Kurve bekommt. Die CSU kann über ihre Bundesminister sehr viel erreichen, das vermittelt Ansehen in Bayern. Wenn sie diesen Einfluss nicht mehr hätte, würde das die Partei schwer beschädigen.

ZEIT ONLINE: Ist der Kampf, den Seehofer in der Flüchtlingspolitik gegen Merkel führt, noch rational begründbar oder geht es hier eigentlich um etwas anderes? Schließlich sind die Flüchtlingszahlen längst massiv zurückgegangen.

Weidenfeld: Dahinter steht natürlich die Angst vor der AfD. Deswegen wird Seehofer den Gegensatz zwischen sich und Merkel, der sich am deutlichsten an dem Streit um die Obergrenze festmachen lässt, möglichst lange aufrechterhalten. Viel anderes hat er nicht auf der Hand.

Seehofers Auftreten hat aber auch mit seiner eigenen Karriere und seiner Zukunftsperspektive zu tun. Ihm wäre am liebsten, wenn in den beiden Wahljahren – 2017 im Bund, 2018 in Bayern – der Eindruck entstünde, dass die CSU nicht ohne ihn auskommen kann, weil nur er diesen scharfen Kurs fahren kann. Der Druck muss so groß werden, dass es auf der Hand liegt, dass er weitermachen muss. Auch seine taktischen Winkelzüge in den vergangenen Jahren hatten vor allem dieses Ziel: zu verhindern, dass ein anderer stark genug wird, um die Führung zu übernehmen. Stattdessen hat er alle gegeneinander ausgespielt, damit am Ende nur noch einer übrig bleibt, und zwar er.

ZEIT ONLINE: Aber lässt sich denn der Streit um die Obergrenze nach der Wahl so einfach entsorgen?

Weidenfeld: Natürlich. Es wird ein Koalitionsvertrag abgeschlossen, in dem stehen könnte, dass alle Beteiligten alle denkbaren Maßnahmen ergreifen werden, damit die Zahl der Flüchtlinge möglichst nicht auf über 200.000 im Jahr steigt. Und dann kann Seehofer sagen, das sei genau das, was die CSU mit der Obergrenze immer gemeint habe.

ZEIT ONLINE: Kann der Gegensatz zwischen Merkel und Seehofer der Union als Ganzes auch nutzen?

Weidenfeld: Nur, wenn es ein Gegensatz in limitierter Form bleibt. Die CSU muss sich politisch klar zu Merkel als Kanzlerkandidatin bekennen, dann kann es produktiv sein, dass sie sich auf einzelnen Politikfeldern anders, konservativer positioniert als die CDU. Das war bisher immer das Erfolgsrezept der Union. Denn dann wählen Wähler in Bayern die CSU, weil es die CDU gibt, und im Bund andere die CDU, weil sie auf die CSU vertrauen.

CSU-Klausurtagung - Seehofer besteht weiter auf Obergrenze Ohne eine Obergrenze will sich die CSU nicht an der Bundesregierung beteiligen. CSU-Chef Horst Seehofer bekräftigte seine Forderung für einen begrenzten Zuzug von Flüchtlingen, sieht aber daneben keine weiteren Differenzen mit der CDU. © Foto: Tobias Hase/dpa