Würde man Teile der Debatte über das vermeintliche Racial Profiling in der Kölner Silvesternacht nach den Maßstäben guter Polizeiarbeit bewerten, man müsste wohl zu dem Schluss kommen: Was mittlerweile viele Twitter- und Facebooknutzer betreiben, fällt in die Abteilung Political Profiling. Ein oberflächlicher Blick genügt und der Andere ist einsortiert und des Platzes verwiesen. Zwei grobe Kategorien stehen beim Schnellcheck zur Auswahl: Rassist und Linksversiffter.

Das ist eine bedrohliche Entwicklung. Immer mehr Deutsche werden einander zu Meinungspolizisten, die voreilige Schlüsse übereinander ziehen. Die Ungerechtigkeiten, die sie sich mit 140 oft hingerotzten Zeichen an die Köpfe werfen, erzeugen Wut – und diese Wut erzeugt die nächste Ungerechtigkeit. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, droht diesem Land eine Spaltung, bei der am Ende jeder verliert.

Vielleicht überlegen einmal alle, denen die Meinungsfreiheit am Herzen liegt, links wie rechts, was Deutschland aus dem vergangenen Jahr in den USA lernen sollte, damit dieses Land im Wahlkampfjahr 2017 nicht in eine ähnliche Freund-Feind-Polarisierung abgleitet.

Vielleicht ist dieses Land schon gespaltener als wir denken. Vor den US-Wahlen, aber auch vor dem Brexit-Votum in Großbritannien, haben Politiker, Journalisten und Meinungsforscher die Tiefe des Grabens unterschätzt, der sich durch die Gesellschaften zieht.

Demografisch verläuft dieser Graben grob gesprochen zwischen Stadt- und Landbevölkerung. Beide Schichten lebten lange nebeneinander her. Nun treffen sie im Internet aufeinander – und es kracht und funkt. Vielleicht ist es noch richtiger, von "Dorf" und "Stadt" in einem übertragenen Sinne zu sprechen, von einem gefühlten Unten und einem gefühlten Oben, von vermeintlich Geerdeten und vermeintlich Abgehobenen. Die Twitterstädter, das sind die Netzpromis mit fünfstelligen Followerzahlen.

Die Twitterdörfler, das sind die meist anonymen Nutzer mit eher zweistelligem Freundeskreis. Nur, von den Dörflern gibt es ein paar mehr als viele Städter denken. Und sie sind dabei, sich zu recht lautstarken Konglomeraten zu vernetzen. Das ist zunächst einmal eine begrüßenswerte demokratische Emanzipation. Dieser Zusammenprall erzeugt eine Hitze, die fruchtbar wirken könnte auf das ganze Land.

Doch genau dieser bereichernde Effekt des Dorf-Land-Clashs bleibt aus. Statt mit ernsthaftem Kennenlerninteresse stehen sich beide Seiten mit Argwohn und Ressentiment gegenüber, ja zunehmend mit Zügen eines gewollten Kulturkampfes. So haben dieselben Leute, die die herabsetzende und pauschalierende Bezeichnung "Nafri" für Nordafrikaner kritisieren, kein Problem damit, AfD-Wähler pauschal und herabsetzend als "Nazis" zu bezeichnen. Und dieselben Leute, denen es angeblich um eine alternative Politik für Deutschland geht, bieten in Wahrheit oft nur eine billige Diskursalternative, die den Namen kaum verdient: Aufregung statt Aufklärung für Deutschland. Die wahnhafte Abwehr "linker Blockwarte" rechtfertigt ihnen die gröbsten Kaliber.

Für beide Seiten ist Twitter leider das optimale Medium, um ihre Feindbilder immer wieder bestätigt zu sehen. Denn stumpf ist da Trumpf. Gefühl klickt da besser als Faktum. Persönlicher Angriff erregt da mehr als sachliche Auseinandersetzung. Wenn in der Kürze die Würze liegt, sind wir womöglich gerade dabei, uns unsere Demokratie zu versalzen. Die größte Bedrohung für die Meinungsfreiheit geht heute nicht mehr vom Staat aus, sondern von der Angst vorm digitalen Schnellgericht und seinem Pranger.

Vielleicht ist es hilfreich, sich in diesem wichtigen Jahr für Deutschland und Europa auf einen Klassiker zu besinnen, einen, der früh darauf hinwies, dass es wahre Meinungsfreiheit nicht ohne gegenseitigen Respekt und ständige Selbstprüfung gibt. Er ist am schönsten im englischen Original: "While every one well knows himself to be fallible, few think it necessary to take any precautions against their own fallibility." John Stuart Mill, 1859.